Zur Ausgabe
Artikel 92 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Doktor humoris causa

Band 36 der SPIEGEL-Edition: Der Reisebuchautor Bill Bryson nimmt die Leser mit auf eine Expedition kreuz und quer durch die Welt der Naturwissenschaften.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Der erste Gag steckt bereits im Titel: »Eine kurze Geschichte von fast allem«. Ein Witz, dass ein Reisebuchautor, der Protonen nicht von Proteinen unterscheiden kann, wie er selbst schreibt, sich eines Tages einfach so hinsetzt und mal eben eine naturwissenschaftliche Weltgeschichte hinfetzt, vom Urknall bis zum Weltuntergang. Die Pointe dieses Gags ist mehr als 650 Seiten lang - und ziemlich überraschend: Bill Bryson schafft es wirklich, eine runde Geschichte zu erzählen. Sein Buch ist ein Meilenstein der Populärwissenschaft.

Alles fing mit einer tückisch einfachen Frage an: Wieso ist das Meer salzig - und wieso wird es nicht immer salziger?

Bill Bryson hatte keine Ahnung. Dabei war der Amerikaner als Bestsellerautor von Reisebüchern weit herumgekommen. Doch eines Tages, als er wieder einmal im Flugzeug saß und aus dem Fenster blickte auf den Pazifik tief unten, entdeckte er Neuland: die Welt der Wissenschaft.

Warum ist das Meer salzig? Bryson wusste es nicht. Und schlimmer noch: Je mehr er grübelte, desto mehr Fragen tauchten auf: Wie schwer ist die Erde, wie alt ist das Universum?

Drei Jahre lang las er alles, was er bekommen konnte über Chemie, Geologie, Biologie, Astronomie. Und schrieb das bislang beste Buch seiner Karriere: ein kurzweiliges Überblickswerk, das selbst die trockensten Lehrbuchweisheiten so lebensprall erzählt, dass sie sich fast wie Science-Fiction-Märchen lesen.

Die Leser zum Beispiel begrüßt er mit einer Gratulation: »Willkommen. Und herzlichen Glückwunsch. Damit Sie da sein können, mussten sich zunächst einmal ein paar Billionen unstete Atome auf raffinierte, verblüffend freundschaftliche Weise zusammenfinden und Sie erschaffen. Es ist eine hoch spezialisierte, ganz besondere Anordnung - sie wurde noch nie zuvor ausprobiert.«

Millionen Leser aus aller Welt ließen sich und ihre Atome nur allzu gern auf diese Reise ins Wunderland ihres eigenen Körpers und der Naturwissenschaften mitnehmen. Monatelang hielt sich das Buch auf den Bestsellerlisten.

Hierzulande dominiert bei Bildungsthemen eher der professorale Ton, etwa beim inzwischen verstorbenen Dietrich Schwanitz ("Bildung") oder bei Ernst Peter Fischer ("Die andere Bildung").

»Alles, was man wissen muss«, heißt es bei Schwanitz schulmeisterlich im Untertitel; »Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte«, heißt es bei Fischer. Brysons Unterzeile dagegen könnte lauten: »Alles, was ich schon immer wissen wollte, aber mich nie zu fragen traute«. Bryson setzt nicht auf Belehrung, sondern auf Staunen.

In seinen Reisebüchern ist das oft anders. Hier spricht der bissige brysoneske Humor eher grobmotorische Lachmuskeln an. Einige seiner Sottisen über dicke Amerikaner, dumme Zeitgenossen und hässliche Shopping-Malls scheinen wie von einem Brysomat vorgestanzt zu sein. Viele seiner Pointen richten sich gegen Ignoranz, Denkfaulheit und Kommerz. Der Erzähler in Brysons Reisebüchern ist eine Kippfigur, die man als »Humoralist« bezeichnen könnte - ein Moralist, der seine Strafpredigten als Anekdoten verkleidet.

Mit der »Kurzen Geschichte« dreht Bryson seine kulturkritischen Spitzen ins Positive und outet sich beherzt als eine Art Bildungsbürger der Naturwissenschaften. Und siehe da: Der amerikanische Humorist scheint plötzlich weniger dem großen Vorläufer Mark Twain verpflichtet. Sondern eher Wilhelm von Humboldt und dessen Ideal der Bildung als Selbstzweck. Der preußische Hochschulreformer empfahl das Studium der griechischen Antike als ideales Mittel, um Menschen zum Menschsein zu erziehen. Denn, so Humboldt, die alten Griechen zeigten ein »treueres Bewahren der kindlichen Einfachheit und Naivetät«. Dieser »Naivetät« scheint auch Bryson nachzuspüren.

Die spontane Ursprünglichkeit, die Humboldt in den Tempeln der Antike vermutet, findet Bryson in den Labors der Neuzeit, bei den kauzigen Forschern, die der Wahrheit nachstellen, indem sie etwa Mäuse im Bierteig backen. In derlei Anekdoten verpackt, kommen die Wissensinhalte beiläufig daher, manchmal sogar leicht unsortiert. Aber für Bryson scheint der Erkenntnisweg selbst das Ziel.

Mit seinem Neo-Humboldtianismus traf Bryson einen Nerv - auch in der Scientific Community selbst. Er wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Außerdem bekam er nicht nur einen Ehrendoktor von der englischen Universität Durham verliehen, sondern auch noch den Job als Uni-Kanzler. So kam es, dass der Reisehumorist Bill Bryson heute als Dr. h. c. eine alteuropäische Universität repräsentiert - sozusagen als Doktor humoris causa. Nicht trotz seiner naturwissenschaftlichen »Naivetät« - sondern eben wegen ihr. HILMAR SCHMUNDT

Zur Ausgabe
Artikel 92 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.