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Doku über Väter auf Apple TV+ Das ist alles?

Die Dokumentation "Dads" nähert sich modernen Vätern an, unter anderen kommen Prominente wie Will Smith und Jimmy Kimmel zu Wort. Das ist lustig und rührend. Erhellend ist es eher nicht.
aus DER SPIEGEL 26/2020

Die Schauspielerin Bryce Dallas Howard ("Jurassic World") verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit an Filmsets. Ihr Vater, der Schauspieler und oscarprämierte Regisseur Ron Howard ("The Da Vinci Code"), nahm sie in den Achtzigerjahren häufig mit zur Arbeit, wo sie mit Masken und Kostümen spielen durfte. In ihrem eigenen Regiedebüt "Dads" erzählt sie davon leider nicht. Heute ist sie selbst Schauspielerin, jetzt läuft ihr Regiedebüt bei Apple TV+ an.

Mit "Dads" will sie den Blick auf die Rolle von Vätern im Leben ihrer Kinder lenken. Es geht um moderne Väter, viele von ihnen prominent, die nicht mehr nur körperlich und emotional abwesende Ernährer sein wollen.

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"Dads": Wo ist die Gebrauchsanweisung fürs Kind?

Als Kronzeugen, die Howard im Studio dazu befragt, dienen Männer aus ihrem nächsten Umfeld. Hier bleibt sie ihrer eigenen Biografie verhaftet: Gesprächspartner sind Film- und Fernsehpersönlichkeiten wie Jimmy Kimmel, Will Smith, Judd Apatow und Hasan Minhaj. Die plaudern munter drauflos, darin sind sie gut. Sie erzählen Anekdoten aus ihrem Leben als Vater, von der Geburt ihrer Kinder und der tief greifenden Veränderung, die sie durch das Vatersein erfahren haben.

Es dauert nicht lange, bis bei den Promipapas Tränen der Rührung fließen. Nur ist dieses Gefühl der Ergriffenheit bei Eltern nicht schwer hervorzukitzeln. Es liegt jederzeit griffbereit unter der Oberfläche, an der sich im Alltag eher andere Zustände wie Erschöpfung und Überforderung tummeln. Mit der Rührung belohnen sich Eltern für den konstanten Ausnahmezustand, der einen umgeben kann, wenn man Kinder großzieht, und darum hören sie sehr gern den Berichten anderer Eltern zu.

Darin liegt die Freude, die "Dads" bereitet, vor allem wenn ein Plaudergenie wie Will Smith erzählt. Etwa, wie er die telefonbuchdicke Gebrauchsanweisung eines neuen Fernsehers studierte und kurz danach feststellen musste, dass für das neue Lebewesen in seinem Leben überhaupt kein Leitfaden mitgeliefert wurde. Diese Anekdote gewinnt durch Smiths Performance, aber aufgeschrieben wirkt sie wie ein tausendfach wiederholter Witz.

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Das wird leider zum Problem der Doku: Vor der Kamera stehen gut geölte Performer und liefern eine mitreißende Show ab – aber der Erkenntnisgewinn, den gelungene Dokumentationen ja auch liefern sollen, ist nicht in Sicht. Was macht denn nun einen modernen Vater aus? "Wer weiß?", scherzt der TV-Talker Conan O'Brien im Gespräch mit Howard. "Wenn ich dafür der Experte sein soll, ist dieses Projekt ganz schön in Schwierigkeiten." Damit sorgt er für einen der raren Flachgags in der Doku, verrät aber auch gleichzeitig mehr über "Dads", als der Regisseurin lieb sein dürfte.

Howard betrachtet auch Männer abseits von Hollywood, die den ganz normalen Wahnsinn täglich leben, etwa Arbeit und Kinderbetreuung koordinieren wie ein Automechaniker in Rio de Janeiro, wo es noch unüblicher ist als in den USA, dass Väter sich überhaupt an der Erziehung beteiligen. Fürsorge passt schlecht zum immer noch wirkmächtigen Machoideal in Brasilien.

Ein Vater in Tokio setzt ein politisches Zeichen: In einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft verzichtet er komplett auf seinen Job und färbt sich, um die eigene Andersartigkeit zu markieren, die Haare blond – "weil ein Angestellter das niemals tun würde", wie er sagt. In den USA begleitet Howard einen jungen Mann, der unterhaltsam über das Tohuwabohu bloggt, für das drei kleine Kinder im Alltag sorgen, und damit anderen Männern die Angst vor der Überforderung nehmen will. Und einen Vater, dessen Sohn mit einem schweren Herzfehler zur Welt kam und der sein Leben über Jahre zwischen zwei Jobs und Klinikaufenthalten aufteilen musste.

Dieser Vater ist schwarz, später zeigt Howard noch ein schwules Elternpaar. "Dads" entspricht formal allen modernen Anforderungen an Diversität. Ihr Film bleibt aber auch bei diesen individuellen Vaterporträts fast immer anekdotisch, oberflächlich, am unmittelbaren Effekt interessiert.

Spannend wäre es zu erkunden, was es für ein Kind langfristig bedeutet, wenn der eigene Vater wirklich anwesend ist und mit traditionellen Rollen bricht – ob zum Beispiel ein Junge später andere Wege einschlägt. Dass die Entwicklung allerdings nicht nur von den eigenen Eltern, sondern auch von gesellschaftlichen Gegebenheiten beeinflusst ist, scheint in Howards Film zwar auf, wird aber nie konkret beschrieben. Dass Frauen heute in vielen Ländern selbstverständlich berufstätig sind, prägt zum Beispiel sicherlich Vaterrollen. Noch spannender wäre es, den Blick zu weiten für Widersprüche. Während manche Männer sich öffnen, halten ja auch viele am Ernährermodell fest. Allein in Deutschland war 2019 nur jeder vierte Elterngeldbezieher ein Vater – und die meisten von ihnen nur für zwei Monate.

Zu Themen wie diesen hat Howard leider nichts zu sagen.

Zu sehen bei Apple TV+.

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