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COMEDY Dolmetscher aus Absurdistan

Seine TV-Auftritte als Computer-Inder und Türsteher-Proll machten den Multikulti-Entertainer Kaya Yanar zum Star - jetzt lachen Türken und Deutsche gemeinsam über sein neues Programm.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 19/2002

Kalter Wind fegt vom Teutoburger Wald herab durch Bielefelds Fußgängerzone. Eine neue Rossmann-Filiale eröffnet mit Luftballons, die Gesichter der Passanten wirken freudlos. Doch wo Tristesse haust, wächst das Rettende auch: Einen Steinwurf vom »Kurdistan-Zentrum« im Hinterhof entfernt strömen erwartungsfrohe Menschen in den Mehrzweckbau der Stadthalle am Willy-Brandt-Platz, in deren bahnhofsgroßer Lobby, kosmopolitisch korrekt, echte Weltzeituhren ticken: »Moskau«, »New York«, »Bielefeld«. Kurz nach 20 Uhr Weltzeit Bielefeld tritt Kaya Yanar vor die 2300 Zuschauer im ausverkauften großen Saal, und der Beifallssturm empfängt den 1973 in Frankfurt am Main geborenen Deutschtürken mit abgebrochenem Philosophiestudium wie einen Popstar. Knapp 2000 Jahre nach Hermann dem Cherusker, heldenhafter Bezwinger römischer Legionen: noch ein Befreier.

»Sind Türken da?« »Jaaa!«

Zwei Stunden lang redet der schlanke Mann mit dem schwarzen Barett, ohne Tisch, Stuhl, Assistentin oder sonstige dramaturgische Hilfsmittel, ganz allein: über die Eigenheiten des türkischen Plumpsklos, über die harte Jugend in Maintal-Dörnigheim, Angstattacken beim Zahnarzt und exzessiven Alkoholmissbrauch im Hintertaunus, als die Anmachsprüche schwer auf der Zunge lagen: »Ey Alde, glaubst du an Liebe auf den ersten Blick, oder soll isch noch mal wiederkommen?« Stets aber kommt Macho-Experte Yanar auf das eigentümlich handgreifliche Verhältnis des türkischen Mannes zu seinem Gemächte zurück, das mit der strukturellen Endlosigkeit des weiblichen Orgasmus irgendwie zusammenzuhängen scheint:

»Was guckst du? Kommst du!«

Das Publikum tobt, lacht Tränen.

»Das Publikum ist mein Kumpel«, sagt Kaya Yanar, und tatsächlich funktioniert die unmittelbare Kommunikation von Anfang an. Spontaneität, Improvisation und Körpereinsatz sind die Kennzeichen des neuen, erstaunlich kompakten Bühnenprogramms - Titel: »Welttournee durch Deutschland« -, mit dem Yanar derzeit durch die Republik reist. Es ist sein zweites überhaupt.

Bekannt, ja berühmt wurde er durch seine erste, 2001 gestartete TV-Comedyshow »Was guckst du?!« (Sat.1) mit Einschaltquoten bis zu vier Millionen Zuschauern. Die zweite Staffel läuft gerade in einer Wiederholung. Den Deutschen Fernsehpreis hat er schon. Jetzt verhandelt er mit verschiedenen Fernsehsendern über ein neues TV-Projekt, das er, nach dem Vorbild Harald Schmidts, in eigener Regie produzieren will.

Selbst die konservative »Neue Zürcher Zeitung« lobte das multikulturelle »Stimmwunder« und sein »Potenzial an Witz«, das aus der genauen, ethnologischen Alltagsbeobachtung rühre - »der bisher beste Beitrag des Fernsehens zur viel beschworenen Integration« -, während das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time« unter der Überschrift »Whaddaya Looking at?« vor allem die politisch unkorrekte Ironisierung des kulturellen Clash of Civilizations zwischen Deutschen und Ausländern hervorhob. Kaya Yanar, der in Deutschland aufgewachsene Türke mit arabischen Vorfahren, sei Repräsentant einer neuen Generation in der Bundesrepublik: lockerer, selbstbewusster, humorvoller, »more relaxed about foreigners«.

Anders als bei konkurrierenden Ethno-Comedians wie »Mundstuhl« oder dem Duo »Erkan & Stefan«, deren prolliges Kanak-Kauderwelsch - »krasse Sache, konkret Alder, voll fett, korrekt!« - zwar Kult unter Jugendlichen, aber thematisch eher beschränkt ist, sind Yanars Figuren und Geschichten durchaus differenziert angelegt: keine Sketchparade, sondern ein rasender Erzählfluss.

Gewiss, am populärsten sind immer noch jene knallig parodistischen Typisierungen in »Was guckst du?!«, die im fettesten Klischee glänzen, bevor sie als interkulturelle Lachsalve explodieren: »Hakan«, der türkische Disco-Türsteher, der, mit der Macho-Hand im Schritt, die Gäste von oben bis unten mustert, bis er im hessisch-türkischen Idiom das Todesurteil spricht:

»Du kommst hier ned rein!«

Wer da nach näherer Begründung verlangt, erhält einen schlichten Dreisatz: »Gesicht Arsch, Anzug Arsch, alles Arsch.« Ein Fall für die Frankfurter Schule. Oder Computer-Inder »Ranjid«, dessen spitzfindige Intelligenz auf keine Kuhhaut geht, weshalb er schon mal eine leibhaftige Kuh am Strick durchs Fernsehstudio führt. Aber auch der Reporter von »Dubai-TV«, durch den die arabische Welt plötzlich so unheimlich verständlich scheint. Inmitten des rasenden Redeflusses eines echten arabischen Nachrichtensprechers etwa hört man deutlich das Wort »Arschratte« heraus - freilich in leicht kehliger Intonation, also eher »Orscheratte«.

Doch Yanar will nicht selbst zum abrufbaren Multikulti-Klischee, zur stereotypen Witzfigur werden. Schon zischen ihm Fans beim Brötchenkaufen kumpelhaft ihr verdruckstes »Was guckst du?!« zu, und in der Hotellobby warten die weiblichen Teenies frei nach dem Motto seiner ersten Tournee: »Suchst du?« Auf der Bühne macht sich der Comedy-Star über jene »zehn Prozent Deppen« lustig, die nicht mehr als drei Worte Döner-Deutsch beherrschen. Er will weg von den rein akustischen Erkennungssignalen einer süchtigen Fangemeinde, so publicityträchtig sie auch sind.

»Ich will Geschichten erzählen, bei denen nicht alles einer einzigen Pointe untergeordnet wird«, sagt er. Wie alles anfing? Kein dramatischer Durchbruch, eher ein »Geschobenwerden«, erzählt er. Ein kleiner Bildungsroman.

Schon im Schulbus von Maintal-Dörnigheim nach Frankfurt unterhielt er die Schulkameraden mit wilden Späßen, und im Kindertheater habe man bereits seine »Präsenz« bemerkt. Nachdem er während des Studiums auf die Anzeige einer »Showbörse« antwortete, die einen »Stimmenimitator« suchte, begann auf Messen und in Bierzelten das mehrjährige Trainingsprogramm. Frech und wahrheitswidrig hatte er behauptet, er sei »Stimmenimitator«.

Immerhin zehn Minuten Stand-up-Programm hatte er schon drauf, als er 1999 unter 500 Mitbewerbern den zweiten Platz des »Köln Comedy Cup« belegte. Er war 25, als Columbia TriStar auf ihn zukam.

Die Zeit war reif für den Mann: Ein Spross der dritten Immigrantengeneration in Deutschland, der die wirren Selbstgespräche der Gesellschaft protokolliert, um sie auf die Bühne zu bringen. »Meine gesteigerte Wahrnehmung der Wirklichkeit ist wohl in der Kindheit entstanden«, sagt Yanar. Sein türkischer Vater, dem als deutsches Schimpfwort gegenüber dem Sohn stets nur »Scheißenkerl« zu Gebote stand, hat ihn islamisch streng erzogen, zugleich aber toleriert, dass der Multikulti-Jüngling über seine religiöse und berufliche Orientierung selbst entscheidet. So lebte Kaya Yanar in zwei Welten. Diese Erfahrung zu sarkastischen Miniaturen und saftigen Szenen zu formen, denen ein großes Publikum begeistert folgt, das ist eine wirkliche Kunst. Yanar beherrscht sie schon mit 28.

Dabei verlässt er sich nicht einfach auf die Wirkung simpler Sprachparodie - überwiegend redet er hochdeutsch. Nur an zwingenden Stellen verfällt er in den deutschtürkischen Straßenslang oder in ein breites Frankfurtisch, imitiert die Klangfarbe des Arabischen oder Englisch-Indischen. Zuweilen spricht er, in alter Theatertradition, auch nur ein paar Worte pseudoarabisch zur Seite, versteckt eine Pointe, »um das Publikum zu testen«, vor dem er offenkundig keine Angst hat. Ein Grund: Er will es nicht domestizieren, belehren oder gar bekehren.

Er beschreibt die Gesellschaft en détail - so wie sie ist, nicht, wie sie sein soll. Und er formuliert keinerlei Anspruch auf intellektuelle oder politische Aufklärung. Er will die Leute einfach unterhalten. Gleichwohl mischt der Entertainer geradezu automatisch Ressentiments und Ängste auf in den Zonen der nationalen Verkrampfung. Nicht nur rechtsradikale Dumpfbacken, sondern auch Multikulti-Idylliker fordert er heraus. Doch seine Waffen sind zivil: Die Lust am platzenden Klischee, an der krachenden Anekdote, deren durchaus geräuschvolle Metaphorik dennoch jedem irgendwie bekannt vorkommt.

So wird das Disparate, Exotische zur absurden Alltagsgeschichte, der Witz zum Sekundenkleber der Widersprüche im Augenblick ihrer Beschreibung. Kaya Yanar, der Mann mit der coolen Dienstmütze, ist ein Dolmetscher der Verhältnisse: Fremdenführer im eigenen Land.

»Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt!«, ruft er den ungläubigen Zeitgenossen zu, bevor er über türkische Mädchen spricht, die »entweder Jungfrau sind oder Ehefrau«. Spätnachts im Gespräch sagt er unaufgefordert: »Mit den Deutschen habe ich eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht.« Die Medienmenschen wollen es gar nicht glauben. Ist er etwa einer von diesen Überangepassten, gar ein »Karrierist«?

»Time« resümiert Kaya Yanars Botschaft an das moderne Deutschland in amerikanischer Präzision: »Hey, we can be cool too.« Ganz einfach: »They want Germany to lighten up.« Also doch, Erleuchtung als Erleichterung - die neue deutsche Lightkultur? Edmund Stoiber sollte sich mal mit dem Mann unterhalten. REINHARD MOHR

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