Bestsellerautor Don Winslow gegen Donald Trump »Wir Demokraten kommen allzu oft mit Löffeln zu einem Messerkampf«

Der US-Schriftsteller Don Winslow möchte zukünftig keine Thriller mehr schreiben, sondern nur noch Tweets. Hier erläutert er, wie er damit die Wiederwahl von Donald Trump verhindern will.
Ein Interview von Marcus Müntefering
Autor Don Winslow: »Wird Trump 2024 gewählt, bedeutet es das Ende der Demokratie in den USA«

Autor Don Winslow: »Wird Trump 2024 gewählt, bedeutet es das Ende der Demokratie in den USA«

Foto: Fredrik Sandberg / TT NYHETSBYRÅN / dpa

Der US-Bestsellerautor Don Winslow ist auf Lesetour in Deutschland. Es sei seine letzte, kündigte er schon vorher an. Der jüngst veröffentlichte Thriller »City on Fire« soll der Auftakt zu einer – bereits fertig geschriebenen – Trilogie sein, danach sei unwiderruflich Schluss. Winslow will all seine Energie dem Kampf gegen die Wiederwahl Donald Trumps widmen. Der SPIEGEL trifft Winslow am Morgen nach der Auftaktlesung in Hamburg. Der Schriftsteller und Surfer, Jahrgang 1953, eigentlich bekannt für Agilität und Fitness, wirkt müde und deprimiert. Am Vorabend, unmittelbar nach seinem Auftritt im Altonaer Theater, hatte er von dem Schulmassaker in Texas erfahren, danach kaum geschlafen. Für den Demokraten Winslow sind Vorfälle wie in Uvalde Resultat von zu laschen Waffengesetzen. Darüber reden möchte er so kurz nach den tragischen Ereignissen nicht. Es sei noch zu früh, sagt er: »Ich bin wütend und angewidert, es macht mich krank.« Später im Gespräch wird er doch einmal kurz auf das Thema zurückkommen und vor allem die Republikaner und ihren Fraktionsvorsitzenden Mitch McConnell für die Verhinderung von stärkerer Regulierung von Waffenbesitz verantwortlich machen: 90 Prozent aller Amerikaner seien doch dafür, aber »Fucker« wie McConnell verhinderten, dass etwas passiert, sagt Winslow und entschuldigt sich sofort für seine Ausdrucksweise.

SPIEGEL: Mr Winslow, Sie haben Ende April auf Twitter ein Statement veröffentlicht, in dem Sie das Ende Ihrer Karriere als Schriftsteller verkündeten. »Ich liebe das Schreiben und habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht«, heißt es darin, »aber ich werde in die Schlacht ziehen.« Sie kämpfen gegen die Wiederwahl Trumps und geben dafür viel auf – warum?

Winslow: 2016, nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten, hatte ich begonnen, verstärkt gegen Trump auf Twitter zu agitieren. Als dann vier Jahre später die Demokraten die Wahl gewannen, dachte ich für einen Moment, die Schlacht wäre erfolgreich geschlagen und Trumps Zeit endgültig vorbei. Aber spätestens nach dem 6. Januar 2021, als er den Sturm auf das Kapitol orchestrierte, wusste ich: Es ist noch nicht vorbei. Wir sind an einem existenziell wichtigen Punkt in der Geschichte angekommen. Wird Trump 2024 gewählt, bedeutet es das Ende der Demokratie in den USA. Es würde noch schlimmer als 2016, weil Trump noch mächtiger, noch unkontrollierbarer wäre. Und er würde sich an denjenigen rächen, die ihm seiner Meinung nach Unrecht angetan haben. Gesetze, das hat spätestens der 6. Januar gezeigt, spielen keine Rolle für Trump. Er hat versucht, die Regierung zu stürzen, und es wurden lediglich ein paar Fußsoldaten, nützliche Idioten zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Zur Person

Der US-Schriftsteller Don Winslow, 68, schreibt Thriller, und das mit riesigem Erfolg. In Romanen wie »Tage der Toten«, mit dem er in Deutschland seinen Durchbruch hatte, erzählt er vom war on drugs, dem US-Krieg gegen die mexikanischen Drogenkartelle. Sein neuer Roman »City on Fire«, Auftakt zu einer Trilogie, orientiert sich nicht an Aktualitäten: Die nostalgische Geschichte eines Gangsters wider Willen erzählt von zwei Verbrecherclans im Krieg und ist von Homers »Ilias« inspiriert.

SPIEGEL: Viele, auch Sie, hatten die Hoffnung, dass Trump, sobald er nicht mehr Präsident ist, wegen seiner Verfehlungen vor Gericht gestellt werden würde. Warum ist das bislang nicht passiert, und hoffen Sie immer noch darauf?

Winslow: Ach, zum einen gehen Politiker nicht gern gegen ihresgleichen vor. Ein weiterer Grund ist Feigheit: Viele Demokraten haben Angst davor, was ihnen passieren könnte, sollte Trump 2024 wieder an die Macht kommen. Also nein, ich glaube nicht daran, dass Trump vor der nächsten Wahl zur Rechenschaft gezogen wird.

SPIEGEL: Warum glauben Sie, dass Sie mit Tweets mehr Chancen haben, Trump zu stoppen, als mit Literatur?

Winslow: Es gibt einen Satz von Carl von Clausewitz, der in etwa lautet: »Man soll sich sein Schlachtfeld selbst aussuchen.« Aber leider ist das nicht immer möglich, und man muss den Krieg kämpfen, wo er ist. Und heute findet der Krieg auf Social-Media-Plattformen statt, vor allem auf Twitter.

SPIEGEL: Auf Twitter geht es oft auch ziemlich ruppig zu, wie kommen Sie damit zurecht?

Winslow: Klar, auch ich wurde schon bedroht und beschimpft. Aber ich habe eine wesentliche Voraussetzung, um dort zu bestehen: Ich kann sehr tough sein. Wir Demokraten kommen allzu oft mit Löffeln zu einem Messerkampf. Während die anderen lügen und betrügen, wollen wir nett sein, vernünftig und zivilisiert. Aber das funktioniert nicht. Man sagt zwar, dass, wenn der Gegner dich runterziehen will, man selbst oben bleiben soll. Ich aber sage: Wenn der Gegner mich runterziehen will, dann warte ich dort unten schon auf ihn.

SPIEGEL: Sie haben inzwischen mehr als 850.000 Follower bei Twitter, eine beachtliche Zahl für einen Schriftsteller. Wie genau wollen Sie das Medium nutzen?

Winslow: Das kann ich Ihnen noch nicht sagen, denn wer weiß, was passiert. In der Politik und auf Social Media ändert sich alles extrem schnell, und ich muss darauf reagieren. Ich will nicht spekulieren, was die Zukunft bringt, aber klar ist: Ich will dafür kämpfen, dass die richtige Seite gewinnt. Und dass es kein aussichtsloser Kampf ist, hat die Vergangenheit gezeigt. Wenn ich etwa in meinen Tweets dazu aufgefordert habe, einen bestimmten Kandidaten zu unterstützen, habe ich später von ihnen gehört, dass sie tatsächlich mehr Wahlkampfspenden bekommen haben.

SPIEGEL: Sie haben vor der Wahl 2020 auch Videos drehen lassen und im Internet veröffentlicht, teilweise mit prominenter Unterstützung, die sehr viel Beachtung gefunden haben. Ist Ähnliches wieder denkbar?

Winslow: Das weiß ich noch nicht. Aber ja, vor der Wahl habe ich für Pennsylvania ein Video veröffentlicht, für das uns Bruce Springsteen einen seiner Songs zur Verfügung stellte, für Michigan ein weiteres, das der Star-Schauspieler Jeff Daniels moderiert hat. In diesen Staaten hatten wir rund zehn Millionen Views, und in beiden Staaten ist die Wahl knapp zugunsten der Demokraten ausgegangen. Ich sage natürlich nicht, dass wir diese Wahlen gewonnen haben, aber wir hatten einen Einfluss auf den Ausgang.

»Demokratie ist das Gegenteil von Autokratie.«

SPIEGEL: Wenn Sie »wir« sagen, wen meinen Sie damit: Haben Sie ein Social-Media-Team?

Winslow: Nein, das mache ich ganz allein. Die Videos produziert aber mein Agent und guter Freund Shane Salerno.

SPIEGEL: Sie werden manchmal selbst wegen des aggressiven Tons Ihrer Tweets kritisiert. Wie sehr greift Sie das an?

Winslow: Ja, man wirft mir vor, dass ich mit meinen Tweets die Polarisierung in den USA noch verstärke. Aber ich sehe das anders: Richtig und falsch sind das genaue Gegenteil voneinander, Demokratie ist das Gegenteil von Autokratie. Und ich soll polarisieren, indem ich meine Meinung vertrete? Ein Beispiel: Ich habe bereits 2014 damit begonnen, Donald Trump öffentlich einen Faschisten zu nennen und wurde dafür als radikaler Spinner, als Panikmacher beschimpft. Und ich wünschte, ich hätte damals Unrecht gehabt.

SPIEGEL: Am Ende einer langen Karriere schaut man gern zurück. Sie schreiben seit 30 Jahren Romane, was waren die besonderen Momente?

Winslow: Zunächst einmal hat es sehr lange gedauert, bis ich meinen Durchbruch hatte. Meine frühen Romane, die ich in meinen Dreißigern geschrieben habe, brachten mir den Stempel Kultautor ein, was so etwas wie der Todeskuss für einen Schriftsteller ist, der von seiner Arbeit leben will. Als ich dann fünf Jahre lang an »Tag der Toten« gearbeitet hatte und der Roman kein Erfolg war, hat das fast meine Karriere beendet.

SPIEGEL: Aber in Deutschland war »Tag der Toten« Ihr Durchbruch, oder?

Winslow: Ja, ich habe in Deutschland mehr verkauft als in den USA. Und vielleicht hätte ich ohne den Erfolg in Deutschland, aber auch in Spanien und Frankreich, tatsächlich aufgegeben. Der Durchbruch in den USA kam dann für mich mit »Savages – Zeit des Zorns« und der Verfilmung von Oliver Stone.

SPIEGEL: Sie haben mit »Zeit des Zorns« Ihren Stil noch einmal geändert, die Kunst der Verknappung perfektioniert. Legendär ist das erste Kapitel, das nur aus den Wörtern »Fuck you« besteht. Wie kamen Sie auf die Idee?

Winslow: Ich war stinksauer, weil meine Karriere im Koma lag und ich von Herausgebern und Agenten immer wieder hörte, dass sie nicht wissen, wie sie mich vermarkten sollen. Das »Fuck you« ging also direkt in ihre Richtung. Aber als ich dann darüber nachdachte, wer der Absender dieses Fluchs sein könnte, schrieb ich plötzlich aus der Perspektive einer jungen Frau aus dem Orange County. Das war eine Befreiung für mich und setzte viel Energie frei.

SPIEGEL: Nach »Tage der Toten« haben Sie zwei weitere Romane in der sogenannten »Kartell«-Trilogie geschrieben, der letzte, »Jahre des Jägers«, verfolgt die Spur des mexikanischen Drogengelds bis in die Trump-Administration. Warum haben Sie sich jetzt entschieden, sich mit Ihrer neuen Trilogie von der Gegenwart abzuwenden? »City on Fire«, der Auftakt, spielt 1987 in Rhode Island.

Winslow: Ich hatte von der Gewalt der Kartelle schon lange die Nase voll, die Recherche ist einfach kaum zu ertragen. Die neuen Romane basieren lose auf Homers »Ilias«, in der er die Geschichte des Trojanischen Kriegs erzählt. Die Griechen und die Trojaner habe ich durch die italienische Mafia und irische Gangster ersetzt. Und wie bei Homer geht der Streit vorgeblich um eine Frau. In Wahrheit aber geht es bei diesem Krieg wie bei allen Kriegen um Geld, um Macht, um Land.

»Manchmal war das Leben hier ein bisschen wie in einer Folge der Mafiaserie ›Die Sopranos‹.«

SPIEGEL: Warum spielt Ihr Buch in den Achtzigerjahren?

Winslow: Weil das die Zeit war, in der das organisierte Verbrechen auf dem absteigenden Ast war. Und das macht es für mich interessant: von Menschen zu erzählen, die sehen, dass das Leben, das sie kannten, zu Ende geht, die aber nicht wissen, was sie sonst tun sollen.

SPIEGEL: Sie erzählen von einem Gangsterkrieg in Rhode Island, dem kleinsten Bundesstaat der USA. Sie sind dort aufgewachsen, bis Sie mit 17 weggezogen sind. Wie viel von Ihrer eigenen Vergangenheit steckt in »City on Fire«?

Winslow: Dieser Roman ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Die Geschichte ist pure Fiktion, aber die Figuren daraus kenne ich alle so ähnlich von früher, ich bin mit ihnen aufgewachsen, hing mit ihnen rum. Meine Familie und ich hatten zwar nicht direkt mit dem organisierten Verbrechen zu tun, aber jeder wusste, wer dazugehörte. Ab und zu fehlte einer meiner Mitschüler für ein paar Wochen, und obwohl niemand darüber sprach, war allen klar, dass der Vater untertauchen musste. Manchmal war das Leben hier ein bisschen wie in einer Folge der Mafiaserie »Die Sopranos« .

SPIEGEL: Sie haben große Teile des Romans in Rhode Island geschrieben, auf der Veranda des Hauses Ihrer Mutter. Wie war es, zurückzukehren?

Winslow: Meine Frau und ich leben die meiste Zeit des Jahres in der Nähe von San Diego, kommen aber aus familiären Gründen seit längerer Zeit regelmäßig nach Rhode Island. Das war anfangs nicht einfach für mich. Ich fühlte mich schuldig, wegen der Freunde, die ich damals zurückgelassen habe, und es war größtenteils unmöglich, wieder Zugang zu ihnen zu finden, unsere Leben hatten sich zu unterschiedlich entwickelt. Aber irgendwann, als ich wieder einmal am Strand meiner Kindheit saß, wo ich mit vier Jahren schon surfen gelernt hatte, kamen plötzlich die Erinnerungen, und mit ihnen kam dieses Gefühl von Heimat. Und um auf den Beginn unserer Unterhaltung zurückzukommen: Diese drei Romane fühlen sich an, als ob sich ein Kreis schließen würde, was mir die Entscheidung leichter gemacht hat, als Schriftsteller aufzuhören.

SPIEGEL: Keine Chance auf ein Comeback?

Winslow: Ich bin jetzt 68 Jahre alt, und ich will auf keinen Fall wie manche Rockstars mit Mitte 70 wieder auf einer Bühne rumhampeln.

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