Trumps Corona-Diagnose Sein eigenes Drehbuch

Der Präsident hat Corona, kurz vor der Wahl. Netflix-Autoren hätten sich keinen besseren Twist ausdenken können. Das zeigt einmal mehr: Trump übertölpelt die Realität permanent.
Eine Analyse von Arno Frank
"Comey Rule"-Darsteller Brendan Gleeson: Er ist immer schon wieder woanders

"Comey Rule"-Darsteller Brendan Gleeson: Er ist immer schon wieder woanders

Foto: Ben Mark Holzberg / CBS / Sky

Donald Trump ist der erste Quantenpräsident - während er noch nach allen Regeln des gesellschaftlichen Diskurses auf eine persönliche, politische oder ethische Fehlleistung festgenagelt wird, hat er andernorts schon die nächste und übernächste wesentlich schlimmere Fehlleistung begangen.

Eben noch spricht alle Welt über seinen bulldozernen Auftritt im TV-Duell mit Herausforderer Joe Biden, schon steckt sich der Maskenverweigerer mit Corona an. Vermutlich schon vor der Debatte - und den Konkurrenten gleich mit? Vielleicht aber auch gar nicht, wer weiß?

Was für ein Coup. Wäre "Trump – The White House Years" eine Serie auf Netflix, ein talentierter Autorenpool hätte sich so kurz vor der Wahl keinen effektiveren Plot-Twist ausdenken können. Denn nun wird nicht mehr über das TV-Duell geredet (wie zuvor schon nicht mehr über seine Steuern und zuvor nicht über sein bewusstes Herunterspielen des Virus und so weiter ad infinitum).

Kann Trump von seiner Infektion profitieren?

Moralisch erörtert wird nun die Frage, ob angesichts des Erwartbaren nun Häme erlaubt sei oder eher nicht. Rechtlich, ob ein ernsthaftes Erkranken des Präsidenten verfassungstechnische Probleme bereiten könnte, und politisch, ob die Wahl nun vom Kongress verschoben werden müsse. Machiavellistisch wäre zu beobachten, inwiefern ihm selbst diese Sache bei glimpflichem Verlauf am Ende doch wieder nutzen könnte - weil es ihm nun so dreckig geht wie der "politischen Mitte", deren Wählerschaft schon verloren geglaubt war.

Wieder geht es nur um ihn selbst, wieder schreibt er sein eigenes Drehbuch. Und wieder zappelt die ganze Welt an Fäden, die ein Narzisst zieht.

Vermutlich wird jetzt schon in den Katakomben des Irrsinns an einer Theorie gesponnen, nach der Trump zum Opfer eines Attentats durch einen mikroskopischen chinesischen Agenten geworden ist - auch wenn er selbst sich nicht mit dem "Chinavirus" angesteckt hat, wie er die Bedrohung lange nannte, sondern ausweislich seines Tweets ganz offiziell und seriös mit "Covid-19".

In seinem Buch "Trump! POPulismus als Politik" hat der Kulturwissenschaftler Georg Seeßlen schon 2017 erklärt, warum einer solchen Figur mit dem üblichen Besteck nicht beizukommen ist. Trump ist ein Produkt der Popkultur, hier gelten andere Regeln als im herkömmlichen Diskurs. Es geht um starke Gefühle, nicht um Vernunft. Mit jedem Tweet ändern sich Handlung und Haltung des Protagonisten. Die Übertölpelung des Establishments ist permanent.

Früher war das Politische noch satirisch, dramaturgisch oder fiktional zu überhöhen. Mit dem Eintritt einer Pop-Figur - die wie alle Populisten Ernst machen möchte - ins Politische ist dieser ausgleichende Mechanismus ausgehebelt und die neue Realität nicht mehr einzuholen.

Die Erzählung erliegt der Faszination des Bösen

Aktuell zeigt sich das etwa an dem Polit-Zweiteiler "The Comey Rule", der Anfang November bei Sky zu sehen sein wird. Es geht, noch bevor dessen erste Amtszeit zu Ende ist, um die Entlassung des FBI-Direktors James Comey durch Donald Trump. Lang und dröge zeichnet Schauspieler Jeff Daniels den Beamten als rechtschaffenen Diener des Staates. Erst als am Ende des ersten Teils Brendan Gleeson als Trump die Bühne betritt, kommt Farbe ins Spiel - weil die Erzählung hier unbewusst der Faszination des Bösen erliegt.

Selten wurde ein Präsident so schonungslos dargestellt, als Mischung aus Mafiaboss, Hochstapler und Zocker. Trotzdem entgleitet Gleeson sein Trump. Seine Figur verschmilzt zusehends mit den flackernden Abbildern von Verbrechern aus Gangsterfilmen und den zahllosen Trump-Memes aus den sozialen Medien - also all den popkulturellen Archetypen, aus denen Trump sich bewusst zusammengesetzt hat. Sie verschmilzt mit Trump selbst.

Zwar steckt in dieser Darbietung und in der Inszenierung die ganze Verachtung, die das liberale Bürgertum, an das "The Comey Rule" sich wendet, für Trump empfindet. Weil er aber selbst ein Geschöpf aus Darbietung und Inszenierung ist, kann ihm auch diese Darbietung so wenig anhaben wie die Forderung, er möge seine Steuererklärung offen legen. Er ist immer schon wieder woanders.

Podcast Cover

Die Frage ist nicht, ob dem 74-Jährigen die Infektion recht geschieht - das wäre ein Denken zu seinen Bedingungen, nach seinen Maßstäben. Sie geschieht ihm, das ist schlimm genug. Aber nicht einmal dieser Einbruch der Realität und des Faktischen kann einer solchen Figur mehr schaden. Sollte er unter der Krankheit leiden, werden er oder seine Anhänger schon die übliche Opferkarte zücken. Wird er sie besiegen, kann das alte Narrativ vom einsamen Superhelden weiter erzählt werden.

Die Popkultur bietet auch für diesen Fall genug Vorbilder, um jeder Eventualität gerecht zu werden. Während wir hierüber nachdenken, ist er ohnehin schon wieder anderswo. Vielleicht irgendwann auf dem Weg der Besserung.

Mitarbeit: Oliver Kaever

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