Samira El Ouassil

Donald Trump und die Kunst der politischen Lüge Überall Säbelzahntiger! Großartige Säbelzahntiger!

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
In der TV-Debatte zeigte sich Donald Trump als kindlicher Kaiser der Post-Truth-Wirklichkeit. Am Ende steht bei ihm oft der Satz: Wir werden sehen, was passiert. Die Angst davor macht aus Illusion Realität.
Donald Trump bei der ersten TV-Debatte in Cleveland

Donald Trump bei der ersten TV-Debatte in Cleveland

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Julio Cortez / dpa

Das ist der beste Text, den Sie diese Woche lesen werden. Er enthält die erfolgreichsten Wörter der Geschichte, denn diese Wörter hier waren alle auf sehr guten Schulen. Noch nie war ein Text so bombastisch und so schlau. Noch nie hat ein Text so wenig Steuern gezahlt. Ich kenne viele sehr herausragende und gebildete Menschen, die ebenfalls meinen, dass dieser Text überdurchschnittlich intelligent ist. Außerdem hat diese Kolumne verhindert, dass Millionen von Menschen an Covid starben.

Beweisen Sie mir das Gegenteil! Solange es im Raum steht, ist es meine Wahrheit, mit der Sie umgehen müssen, denn das ist die Magie der Worte. Mit Sprache lässt sich eine neue Wirklichkeit erschaffen, an der sich die Maßstäbe des Faktischen erst mal abarbeiten müssen. Mit acht Wörtern werden zwei Menschen plötzlich von jetzt auf gleich zu einem Ehepaar. Mit wenigen Worten befindet sich die Welt von gestern auf heute im Krieg. 

Problematisch wird es, wenn ein entscheidender Wirklichkeitsgestalter diesen Wortzauber missbraucht und - lügt. Donald Trump, der kindliche Kaiser der Post-Truth-Wirklichkeit, hat das Schwindeln perfektioniert: Wenn er einer Lüge überführt wird, lügt er weiter, um seine erste Lüge wahrer zu machen, aber auf gar keinen Fall ist ein Schuldeingeständnis zu erwarten.

Solange er seine Aussage nicht widerruft oder das Gegenteil für zutreffend erklärt, existiert die erlogene Wahrheit im öffentlichen Raum als Schrödingers Fratze der politischen Täuschung, in der eine nicht belegte Wahrheit und eine nicht widerlegte Lüge gleichzeitig existieren können und deckungsgleich sind. In dieser Uneindeutigkeit kann man alles sein, was man will. Seine Kunst kulminiert in seiner "We'll see what happens"-Catchphrase , die er als Antwort auf jede Frage hinsichtlich seiner politischen Führung zückt.

In seinem Essay "The Art of Political Lying" schreibt der irische Schriftsteller Jonathan Swift: "Wenn eine Lüge eine Stunde lang geglaubt wird, hat sie ihren Zweck erfüllt." Insofern erfüllen alle Lügen Trumps ihren Zweck - und mehr als das. 

Validierter Mythomane

Die jüngste Debatte in Ohio, die durch Trumps Unfähigkeit, die Klappe zu halten, eher wie die Zoom-Konferenz einer Kita ohne BetreuerInnen wirkte, veranschaulichte dies ganz besonders: Er platzierte mindestens 19 Unwahrheiten. So gut wie jedes Mal, wenn Trump dazwischenkrakeelte, explodierte irgendwo ein Lügendetektor . Seinen Münchhausen-Klassiker, die wirtschaftliche Situation sei die beste in der Geschichte der USA, hat er dabei ein paarmal untergebracht.

Ich wiederhole die anderen Unwahrheiten hier erst gar nicht, weil es keinen qualitativen Unterschied macht, was genau er zusammengefabelt hat. Genauso gut könnte ich hinschreiben, er habe gesagt, Champagner koste in seiner Amtszeit so wenig wie Wasser und die Demokraten wollten das Meer abschaffen, Welpen verbieten und das Weiße Haus abreißen. 

Trump startete seine Amtszeit mit fünf Lügen pro Tag und arbeitete sich auf das fast Fünffache täglich hoch, so der letzte Stand der Lügenforschung. Seit seiner Wahl hat die Washington Post 20.000 Lügen ermittelt .

Seine Lügenfrequenz stieg auch deshalb kontinuierlich, da er nie Konsequenzen erfahren hat. Im Gegenteil: Als er im Amtsenthebungsverfahren durch den Senat freigesprochen wurde, erhöhte der validierte Mythomane seine Unwahrheiten auf über 60. An einem Tag. 

Die Debatte zeigte auch, dass unser politisches System und seine Kommunikation nicht auf eine aggressive Totalfiktion eingestellt sind. Wie diskutiert man mit jemandem, der seine Argumente einfach erfindet? Biden versuchte sein Bestes, um den permanenten Flunker-Fouls standzuhalten. Am Ende half nur noch die Flucht in die Kamera, zu den Zuschauern, die er zu Komplizen der Wahrheitsfindung machen wollte, sowie das beständige Dagegenhalten mit den Worten "It's a lie!" 

Gegen Säbelzahntiger half kein Faktencheck

Sogar politische Lügen funktionieren, weil wir darauf geeicht sind, zunächst alles für voll zu nehmen, was jemand äußert. Erstens, weil wir begreifen: Unser Gesellschaftsvertrag baut darauf auf, dass wir darauf vertrauen müssen, dass das, was uns jemand sagt, erst mal stimmt; ansonsten wäre Gesellschaft nicht machbar, sondern wir würden in einer postapokalyptischen Anarchie leben, und/oder es wäre wie auf Tinder.

Zweitens, weil dieses Vertrauen in Aussagen evolutionsbiologisch zu einem unserer Wesenszüge zählt, die sich via Vererbung durchgesetzt haben, wie der Kommunikationswissenschaftler Timothy R. Levin in seinem Buch "Duped - Truth-Default Theory and the Social Science of Lying and Deception" erklärt. Wenn zwei Homo Erectus sich über das Wetter unterhielten und ein dritter herbeistürmte und schrie: "Achtung, Säbelzahntiger!" - wer hat da wohl überlebt? Der gutgläubige Wegrennende oder der, der erst mal einen ausführlichen Faktencheck machen wollte, ob Säbelzahntiger und der Homo Erectus überhaupt in derselben Zeit existierten? Vertrauensseligkeit konnte sich vererben, weil sie ihr eigenes Überleben sicherte. 

Diese Veranlagung nutzt der gelernte Lügner aus. So verhält es sich beispielsweise in unserem Umgang mit der trumpschen Aussage in Bezug auf die Frage, ob er bereit sei, das Amt friedlich zu übergeben. Auch hier antwortete er mit seiner beliebten Catchphrase und Lebensphilosophie: "Well, we're going to have to see what happens."

Self-fulfilling Presidency

Obwohl wir wissen, dass er ein Pokerer, Bullshitter und Bluffer ist, hörten wir erst mal sehr vorhersagbar heraus, dass er eben nicht vorhat, sein Amt im Falle einer Niederlage zu räumen. Wir hören eine Drohung, die unsere Sorge bekräftigt, dass er die Wahl nicht anerkennen wird. Indem wir die Behauptung ernst nehmen, unterstützen wir die von ihm erschaffene Illusion des kämpferischen, starken Mannes - zu dem er dann in der öffentlichen Wahrnehmung durch unsere Angst auch tatsächlich wird. 

Dazu passt, dass er allen seinen AnhängerInnen eine E-Mail mit einer Lobeshymne an sich selbst über sein fulminantes Abschneiden bei der Debatte schickte - vier Stunden BEVOR die Debatte stattfand . Man kann das für egoman und größenwahnsinnig halten, aber sollte er mit derartigen Aktionen auch diesmal gewinnen, dann hat er sich womöglich tatsächlich perfektioniert: die self-fulfilling presidency.

Das stürzt uns als Kommentierende, Weiterverbreitende sowie alle Medienschaffenden in ein Dilemma: Wie schreibt man über jemanden, bei dem nahezu jede Behauptung eine Erfindung ist? In diesen Widerspruch tappt auch dieser überragende und fantastische Text, der selbstverständlich auch von Barack Obama gelesen wird.