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FILM Donau so blau

Emir Kusturicas jüngstes Werk »Schwarze Katze, weißer Kater« ist ein Ausbruch balkanesischer Ganovenphantasie.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 5/1999

Immer Remmidemmi, immer Feuerwerk, immer volle Pulle: Ab und zu muß der verträumte Melancholiker Emir Kusturica den berauschten Fellini, der in ihm steckt, einfach raus- und sich austoben lassen, auf Biegen oder Brechen, und diesmal behält dieser Satyr des schlechten Geschmacks die Oberhand - der neue Film, der anfangs so elegant auf Samtpfötchen daherkommt, sprengt sich zuletzt vor lauter Krachlaune selbst in die Luft, um zu einem angemessen märchenhaften Doppelhochzeits-Happy-End zu kommen. Kein schlechtes Mirakel.

Ein Filmregisseur, der einigermaßen bei Trost ist, wird sich niemals auf einen Hauptdrehort einlassen, wo eine Gänseschar mit ihrem uninszenierbaren Geschnatter den Ton angibt. Kusturica aber ist jener eine, einzige, den gerade solche Widrigkeiten in kreative Stimmung versetzen: Getier als natürlicher Feind aller Produktionslogistik. Nur ihm konnte der abgründige Einfall kommen (in »Underground"), die Desaster des Krieges im Bombardement eines Zoos abzubilden.

Regiekunst, recht verstanden, bedeutet für ihn immer auch, seinen Figuren Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Und was bringt mehr Leben in die Bude als eine Menagerie? Die Verwandlung der Wirklichkeit in Slapstick braucht Geduld: Die Kamera mag noch so scharf auf der Lauer liegen, eine schwarze Katze und ein weißer Kater rammeln nicht aufs Stichwort.

Kusturica erzählt eher eine Welt als eine Geschichte, seit je; er entfaltet seine Filme mit mehr Lust in die Breite als bloß zielstrebig vorwärts. Diesmal tummeln sich auf seiner Szene auch Hühner, Enten, Ziegen, Hunde sowie ein Pfau; und sein Talent, aus einem aufgeschnappten Detail eine anekdotische, geradezu schulbuchreif pointierte Miniatur zu entwickeln, zeigt sich, ohne daß je ein Wort darüber fiele, aufs schönste an einem schlammigen Straßenrand: Im Gang der Geschichte verspeist da eine Sau seelenruhig die Karosserie eines Trabi.

Auch in bezug auf die Gänseschar kann man nicht von L'art pour l'art sprechen. Es kommt der Augenblick, wo der Hauptschurke des Spiels in die Scheißgrube plumpst, weil jemand - ritsche, ratsche voller Tücke - das Klobrett durchgesägt hat. Und als er herausgekrabbelt ist, schnappt er sich statt eines Putzlappens eine der Gänse, um sich mit dem flatternden Vogel den gröbsten Dreck abzuwischen - ein paradoxer Augenblick des Triumphs inmitten der tiefsten Erniedrigung, wie er sonst nur den Marx Brothers gegönnt ist.

Soweit »Schwarze Katze, weißer Kater« aber von Menschen handelt, heißt das Programm: Lustig ist das Zigeunerleben. Die meisten Darsteller in diesem Film, der in den sanften Donau-Auen nördlich von Belgrad gedreht wurde, sind Roma, und die vorherrschende Sprache ist Romanes, das Ganze aber beabsichtigt gewiß nicht, reale Lebensumstände oder eine sogenannte soziale Wirklichkeit abzubilden. Es hat Kusturica offenbar sehnsüchtig zurückgezogen in die Welt seines Films »Time of the Gypsies« von vor zehn Jahren (auch ein paar Darsteller von damals, voran die kugelrunde Oma und der klapperdürre Opa, sind wieder dabei), nur daß diese neue Zigeuner-Phantasie sich noch leichtsinniger, noch kapriolenlustiger aufschwingt ins Burleske. Zaubern kann allerdings niemand mehr, oder anders gesagt: Der Film hat bewegend lyrische Momente, doch es fehlt ihm die Magie.

Die Geschichte spielt in einer postkommunistischen, sehr balkanesisch derangierten, anarchischen Gesellschaft, wo man sich mit Schmuggel, Schwarzhandel, Diebstahl, Schnapsbrennerei und Falschspiel durchs Leben schlägt: Herrschende Ganovenwährung, soweit die Donau blaut, ist die Deutsche Mark. Dem Ober-Profitmacher, der sich in einem superlangen weißen Cadillac über die Karrenwege kutschieren läßt, wird nachgemunkelt, er sei ein Kriegsgewinnler oder gar ein Kriegsverbrecher, doch er erscheint nur als cholerischer Knallkopf, der die Birne voll Kokain hat und je nach Laune mit Geldbündeln oder Handgranaten um sich schmeißt.

Garanten dafür, daß aber in dieser Welt eigentlich irgendwie trotz allem alles noch immer wie immer ist, sind die Großväter, die die Dinge im Griff haben: schlitzohrige Patriarchen mit Sonnenbrille und blinkendem Silbergebiß. Zwei junge Menschen, die einander nicht mögen, sollen zwangsweise aus Geschäftsinteresse verheiratet werden, doch da dies eine Komödie ist, finden statt des falschen am Ende zwei richtige Paare zusammen - nur fliehen sie gleich nach der Trauung und überlassen ihr Land der Vätergeneration von Versagern und Knallköpfen. Wenn da nicht die Großväter wären!

Es erweist sich (nicht zum erstenmal in Kusturicas Werk), daß die zähen Alten nicht totzukriegen sind: Beider Großväter Ableben war im Gang der Geschichte zu beklagen gewesen, doch am Ende sind beide mit höhnischem Lachen wie Stehaufmännchen wieder da. Kusturica kann und will, da er sie liebt, seine Figuren nicht sterben lassen, das hat - an dieser selben blauen Donau - schon dem Auferstehungsfinale von »Underground« seine himmlische Frivolität gegeben.

Freilich: Die ganze grelle Vitalität dieses Films überdeckt einen Grund von Trauer. Der einstige jugoslawische Kino-Wunderknabe Kusturica, so lange schon Exilant und mit 44 Jahren noch immer jung, ist nach wie vor eine der gewinnendsten, stärksten Begabungen des europäischen Kinos, auch in »Schwarze Katze, weißer Kater« strotzend von Hoffnung. Doch da er nicht vorwärts weiß, blickt er wie gebannt nur zurück. URS JENNY

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