Zur Ausgabe
Artikel 75 / 83

THEATER / MÜNCHEN Doppeltes Spiel

aus DER SPIEGEL 45/1968

In dem einen Theater flüstert ein Jüngling seiner Freundin: »Mein bester Freund da unten regt sich bereits.«

In dem andern Theater gesteht ein Jüngling seiner Freundin: »Mein Problem ist, daß er mir immer steht.«

In dem einen Theater forscht ein Jüngling: »Willst du mit meinem Schwanz spielen?«

In dem andern Theater singt ein Jüngling: »Sodomie! Fellatio! Cunnilingus! Klingt das häßlich? Vater, warum findest du"s dann gräßlich?«

In dem einen Theater tragen vier Damen vier Paar Brüste blank ins volle Rampenlicht, abendfüllend.

In dem andern Theater legen Herren und Damen Hemd und Hosen ab und zeigen kurz nur und schwach beleuchtet -- alles.

In dem einen Theater, dem neuen Münchner »Theatron Erotikon«, inszenierte der Alt-Filmer ("Die Försterchristl") Arthur Maria Rabenalt, 63, Vermischtes aus Antike und Amerika. In dem andern Theater, dem Münchner »Theater in der Brienner Straße«, geht das Hippie-Musical »Haare« (SPIEGEL 44/1968) erstmals über deutsche Bretter.

Doch was bei dem einen recht ist, ist bei dem andern schlecht: Die Nackten und die Zoten im »Theatron Erotikon« erregten die Premierentiger des Münchner »Amts für öffentliche Ordnung« gar nicht; am Sex und Text der »Haare« nahmen sie Anstoß.

Das macht: Das eine Theater gilt dem Amt als »Theater«, das andere nur als »Revue«. Der kleine Unterschied wiegt schwer.

Denn nach dem bayerischen »Landesstraf- und Verordnungsgesetz« zählen »Revuen« zu jenen »öffentlichen Vergnügungen«, die behördlicher Erlaubnis bedürfen; »Theateraufführungen« hingegen, »bei denen ein höheres Interesse der Kunst vorliegt« sind solcher Aufsicht nicht unterworfen.

Das Musical »Haare« als »Revue« zu durchschauen, gelang Ordnungs-Beamten mit Hilfe des »Großen Brockhaus« ("Bühnendarbietung von lose aneinandergereihten Szenen mit Gesang, Tanz und Artistik"). So gewappnet, gingen sie dem losen Stück zu Leibe; »Haare«-Produzent Werner Schmid bekam bei Androhung von Zwangsgeld und Schließung Auflagen wie diese:

* Das »Wälzen von drei Personen am Bühnenboden«, das »Geschlechtsverkehr- oder Unzuchtshandlungen« andeute, sei zu »unterlassen«; Schmid verbarg die Szene hinter einer Decke, auf der »Zensiert« steht,

* »Entblößung des Oberkörpers« sei »zugelassen«, »Entblößung von Geschlechtsmerkmalen« hingegen »verboten«; am Mittwoch letzter Woche verbargen die nackten »Haare«-Hippies ihre Schambehaarung hinter schmalen Tüchern. Außerdem verfügte Münchens Gewerbeaufsichtsamt, daß der Gymnasiast David Heinemann, 15, das Preislied auf die Sodomie nicht mehr singen darf. Denn nur wer über 18 ist, soll in Bayern wissen, was Unzucht ist; Heinemann trat ab.

Schmids Plan, wegen der »Haar« -- Spaltereien vors Verwaltungsgericht zu ziehen, wurde inzwischen hinfällig: Am letzten Donnerstag inspizierten Vertreter der Staatsanwaltschaft und der Oberbayerischen Regierung das Musical und empfanden es nun als Theater.

Schmid ließ die Tücher wieder fallen.

Zur Ausgabe
Artikel 75 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.