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Promiwünsche für 2021 »Ein Hauch weniger Dummheit auf der Welt!«

Was kommt nach dem Krisenjahr 2020? Peter Wohlleben wünscht sich mehr Wald, Doris Dörrie mehr Klugheit – und Orhan Pamuk hofft, dass die Türkei zu einer normalen Demokratie zurückkehrt.

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Solidarität

Hanns Zischler, 73, Schauspieler:

Es berührt mich, nach Wünschen gefragt zu werden – so, wie man es gegenüber Kindern macht. Als wäre die Zeit, das Jahr, ein überschaubarer Raum, wie es einmal, vor langer Zeit, die Wochentage gewesen waren. Es ist eigentlich sehr wenig und geht über das Jahr hinaus, wonach ich mich sehne: dass die jetzt überdeutlich zutage tretenden Krakelüren im Bild der Gesellschaft ernst genommen werden, dass sie ein unveräußerlicher Teil des Bildes selbst sind und nicht restauriert werden können. Dass nicht die allenthalben propagierte Empathie, sondern die Solidarität (wieder?) zu einer Richtschnur unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns werden möge, dass wir begreifen und uns ermuntern, die Ethik als die Voraussetzung für die Ästhetik anzuerkennen. Jeden Tag von Neuem, in der Begegnung mit dem Anderen, ohne den wir einfach nur belanglos sind.

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Klugheit

Doris Dörrie, 65, Regisseurin und Autorin:

Mein Wunsch fürs neue Jahr? Ein Hauch weniger Dummheit auf der Welt. Nur ein Hauch, ich will nicht unverschämt sein. Ein Hauch weniger würde schon viel bringen angesichts des Riesenbergs an Dummheit, der in diesem Jahr besonders angewachsen ist. Im nächsten Jahr also Bergabbau bitte. Raus aus der Dummkohle. Ich wünsche mir, dass weniger Menschen glauben, dass die Erde eine Scheibe und Angela Merkel eine Echse, Covid-19 nur eine Grippe, Impfen Teufelswerk ist und Facebook eine seriöse Nachrichtenquelle. Ich wünsche mir eine Abkehr von dieser klaftertiefen Dummheit, von Verkürzungen, Vereinfachungen, Verschwörungen, zurück zur Neugier auf mitunter komplizierte Tatsachen und zur Wissenschaft. Dummheit gefährdet Ihre Gesundheit. Sie hat besonders in diesem Jahr viele Menschen das Leben gekostet. Nun bin ich beileibe nicht schlau, aber ich vertraue der Klugheit anderer, die forschen und recherchieren, revidieren, neue Erkenntnisse immer wieder für mich einordnen, auch Journalist*innen, ja sapperlott, die mir ermöglichen, auch meine eigene Dummheit jeden Tag wieder einen Hauch zu reduzieren. Hoffentlich.

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Kunst

Jonathan Meese, 50, Künstler:

2021 möge das Jahr der KUNST werden. Ab 2021 mögen alle kommenden Zeiten der KUNST gerecht werden und KUNST möge Deutschland bestimmen. Jonathan Meese, das Spielkind der Kunst, wünscht sich: freiestes Spiel aller Kräfte, Liebe, Respekt, Rücksicht, keinerlei Zensur, vor allem keine Selbstzensur, viel mehr Humor, viel weniger Selbstgerechtigkeit, keine Angst, keine Angstmachereien, keinen Zynismus, Evolution, Eigenverantwortung, keine Gurus, keine Mitläufer, Freude am eigenen Tun, kein Herdentrieb, kein Gruppenzwang. Wir haben leider verlernt, uns selbst auszuhalten und mit unserem »SELBST« zu leben. Wir müssen lernen, mehr von uns abzusehen und die Zukunft als das »Neue« liebevoll kommen zu lassen. Das NEUE, also KUNST, möge uns überraschen und die Teufelskreise der Ideologien sprengen. 2021 muss uns dazu bringen, das Risiko des Lebens und des Wirkens anzuerkennen. Kunst ist die totalste Notwendigkeit, das was überlebt und Deutschland definiert. Die »Totalste Freiheit der Kunst« ist lebensnotwendig und elementar. 2020 ist ein sehr schwieriges Jahr gewesen und muss uns eine sehr große Lehre sein. Kunst ist auf jeden Fall keine »Freizeitbeschäftigung« und darf niemals als »Hobby« abqualifiziert und negiert werden. Kunst steht über den Dingen. Kunst möge die Herzen und Deutschland erobern.

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Märchen

Christian Berkel, 63, Schauspieler und Autor:

»In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat ...«, so beginnt ein Märchen der Brüder Grimm, in dem die Königstochter sich bereit erklärt, ihr Leben mit einem nasskalten Frosch zu teilen, wenn er ihr nur ihre geliebte goldene Kugel aus dem tiefen Brunnen hole, in den sie gefallen war.

Wünsche sind heikel, wir können uns dabei verheben, oder – schlimmer noch – verwünschen. Sie sind Ausdruck unseres Begehrens und damit untrennbar verwoben mit einem Verlust, den wir nicht ertragen, den zu überwinden wir sogar bereit sind, einen nassen Frosch in unser Bett zu lassen. Das Märchen weist einen Ausweg, die Prinzessin wirft den Frosch gegen die Wand und herabfällt »ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen«. Als sein treuer Diener Heinrich voller Freude über die Erlösung seines Herrn die beiden in der Kutsche zur Hochzeit fährt, hört der Königssohn ein dreimaliges Krachen, als würden die Wagenräder brechen. Es lösen sich aber nur die eisernen Bande, die sich Heinrich ums Herz gelegt hatte, damit es nicht im Kummer über das Schicksal seines Herrn zerspringt. Ich wünsche mir für 2021, dass wir nicht den falschen Goldkugeln nachweinen, dass wir uns nicht verwünschen, dass wir den Frosch im rechten Moment gegen die Wand werfen.

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Demokratie

Orhan Pamuk, 68, türkischer Schriftsteller:

Nach einem Jahr der weltweiten Pandemie ist mein Wunsch für 2021 leider nicht global, sondern regional. Ich hoffe, dass die Türkei zu einer normalen Demokratie zurückkehrt, zu einem anständigen System von Ordnung und Gesetz und dem Respekt von Menschenrechten und dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich hoffe, die Regierenden der Türkei hören damit auf, Europa und europäische Werte zu bekämpfen und Journalisten und Schriftsteller ins Gefängnis zu stecken. Ich wünsche mir, dass die türkische Regierung 2021 Transparenz, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit mehr würdigt als zuletzt, und dass sie die Rechte und die Würde der türkischen Bürger respektiert. Ich hoffe, meine Wünsche für 2021 bleiben für den Rest der Welt überflüssig.

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Wald

Peter Wohlleben, 56, Förster und Bestsellerautor:

»Ich wünsche mir für das nächste Jahr eine neue Chance für den Wald. Er könnte der Gewinner der neuen CO2-Steuer sein, die zum Jahresbeginn startet. Allerdings nur, wenn diese auch auf Holz erhoben wird.

Wenn das passiert, können Landwirt*Innen zu Klimawirt*Innen werden. Lassen sie auf ihren Feldern Bäume wachsen, so könnten sie aus den Steuereinnahmen Gutschriften erhalten – schließlich speicherten sie für uns alle das Klimagas in Biomasse. Wer hingegen Bäume fällen würde, müsste wie für Kohle oder Öl zahlen. Platz genug für neue Wälder könnte eine Reduzierung des Fleischverzehrs schaffen – immerhin 100.000 Quadratkilometer (fast so viel wie die aktuelle Waldfläche) werden von Deutschland für den Anbau von Tierfutter genutzt. Eine solche Waldvermehrung vor unserer Haustür würde laut neuester Forschung für mehr Regen und kühlere Sommer sorgen. Und vor Freude über eine solche Regelung würde ich gerne die ganze Welt umarmen!«

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Demut

Andrzej Stasiuk, 60, polnischer Schriftsteller:

Diesen Sommer hatte ich vor, nach Zentralasien zu fahren. Ich habe das früher schon gemacht. Doch dieses Mal wollte ich für lange Zeit hin, für ein paar Monate, und später, irgendwo im Norden der Mongolei, in der Altan Els Wüste, vielleicht in der russischen Republik Tywa oder in Transbaikalien, die Reise beenden, das heißt, mit der Rückkehr beginnen. Ich wollte in der Steppe oder der Wüste meinen 60. Geburtstag feiern, allein. Einfach ein Lagerfeuer machen, den Schlafsack auslegen und der absoluten Stille zuhören. Dann etwas trinken und schlafen. Und damit beginnen, zurückzukehren. Bereits als Sechzigjähriger. Sieben-, achttausend Kilometer.

Es hat nicht geklappt. Der Raum wurde abgeriegelt. Wir können von ihm träumen, ihn aber nicht körperlich bezwingen. Möglicherweise hat das sogar Vorteile für den Raum. Er kann sich von uns ausruhen und regenerieren. Als sich herausstellte, dass ich nicht fahren würde, war ich enttäuscht. Aber nur recht kurz. An meinem Geburtstag habe ich bei mir auf dem Land ein Feuer gemacht, mich betrunken und in einen Schlafsack gelegt. Ich habe geträumt, dass derselbe Himmel sich über mein Dorf Wołowiec und die Altan Els Wüste erstreckt.

Ich wünsche mir, dass der Raum sich öffnet. Und selbst, wenn wir nicht wieder damit anfangen, körperlich zu reisen, dann kehrt doch zumindest das Bewusstsein dafür zurück, dass wir es können. Dann verstehen wir möglicherweise, dass wir das gar nicht müssen. Denn wir sind ein bisschen wie Lepra auf dem Körper der Erde. Und vielleicht lehren uns 2021 und die kommenden Jahre der Seuche so etwas wie Demut. Das ist mein Wunsch. Ich würde ihn gerne selbst erfüllen.

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Konzerte

Haiyti, Rapperin:

Ich wünsche mir wieder spontane Konzerte. Dann wache ich morgens auf, weiß von nichts und stehe abends vor schreienden Fans. Das ist mir schon mal passiert, beim Splash-Festival 2019. Da war ich eigentlich nicht gebucht. Doch dann ist jemand ausgefallen. Um 13 Uhr rief mich mein Booker an, und ich bin aufgewacht. »Hey, willst du heute auf dem Splash spielen?«, hat der gefragt. Und ich so: »Ja!« Ich habe mein Outfit rausgesucht, wurde eineinhalb Stunden später von so einem Mini-Nightliner abgeholt, habe mich auf der Toilette umgezogen und stand dann auf der Bühne. Mein ganzes Team war da – mein Booker, mein Tonmann, mein DJ – und meine Freunde. Alle haben sich gefreut. Das war wie im Traum.

Ich bin ja immer noch bühnenscheu. Wenn ich geplante Konzerte habe, kann ich davor oft nicht schlafen. Spontane Konzerte mag ich, weil ich diesen mentalen Stress vorher einfach nicht habe. 2020 gab’s die leider nicht. Für 2021 wäre mir am liebsten, dass der Haupt-Act beim Festival ausfällt – und ich dann genau dieselbe Gage bekomme.

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