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MEDIZIN / LEPRA Dramatische Wende

aus DER SPIEGEL 39/1968

Neunzehn Monate lang bemühten sich Ärzte vergebens, das Schicksal des Kranken zu erleichtern. Immer wieder wurde der Patient, ein 46jähriger Israeli, von Fieberanfällen geschüttelt, von Schlaflosigkeit geplagt. Doch schlimmer war der Schmerz in Muskeln und Gelenken, im Bauch und in den knotigen Ausschlägen auf der Haut des Kranken. Selbst Morphium half kaum mehr.

Doch dann gab Dr. Jacob Sheskin, Arzt im Hadassah-Universitätskrankenhaus zu Jerusalem, dem Kranken ein Arzneimittel, das Mediziner nie zuvor in dieser Lage verordnet hatten - eine dramatische Wende im Krankheitsgeschehen war die Folge:

Die Schmerzen ließen nach, und der Kranke schlief gut. Zwei Tage später waren die Schmerzen ganz verschwunden. Das Fieber war gefallen. Die Ausschläge begannen abzuheilen.

Der Patient hatte an einer »Lepra-Reaktion« gelitten, der schwersten Komplikation der Lepra. Das hilfreiche Medikament war Thalidomid, der Wirkstoff des Schlafmittels Contergan.

Dies geschah im November 1964 -- drei Jahre nachdem Contergan unter dem dringenden Verdacht, die größte Arzneimittel-Katastrophe der modernen Medizin ausgelöst zu haben, aus dem Handel gezogen worden war. Inzwischen sind Hunderte von Lepra-Leidenden in mindestens einem Dutzend Ländern Europas und Amerikas, Asiens und Afrikas mit Thalidomid behandelt worden. Am vorletzten Wochenende versammelte sich in London eine internationale Schar von Lepra-Spezialisten zu einer Arbeitstagung, um Erfahrungen mit der Thalidomid-Kur auszutauschen.

Einstimmig berichteten alle Experten über »sehr gute Resultate« (so der Mexikaner Professor Amado Saul) und »dramatische Besserungen« (so der Inder Dr. V. P. Macadon). Alle Forscher meldeten Erfolgsquoten zwischen 90 und 100 Prozent.

Somit erscheint kaum noch zweifelhaft, daß ausgerechnet Thalidomid, dem Mediziner zur Last legen, hartnäckige Nervenentzündungen und Mißbildungen von Neugeborenen verursacht zu haben, Millionen bisher hoffnungslos Kranker von unerträglichen Qualen zu befreien vermag.

In Mitteleuropa zwar ist die Seuche heute verschwunden, die -- so die Weltgesundheitsorganisation (WHO)

»solch einen Abscheu innerhalb der Gemeinschaft und soviel Not und Elend bei den Patienten und ihren Familien auslöst wie keine andere Krankheit«. Aber noch immer leiden Zehntausende in Südeuropa, Hunderttausende in Süd- und Mittelamerika, Millionen in Afrika und Asien an Lepra. Auf der ganzen Erde gibt es nach Schätzungen der WHO mindestens elf Millionen Lepra-Kranke.

Ursache der Seuche sind Bakterien, die durch die Haut in Nervenenden eindringen. Ein Jahr oder länger -- mitunter jahrzehntelang -- merkt der Infizierte nichts davon.

Ebenso langsam entwickeln sich später Ausschläge und Hautknoten. Aber häufig wird der chronische Verlauf durch schmerzhafte und gefährliche Ausbrüche der Krankheit unterbrochen. Diese Lepra-Reaktionen, an denen -- örtlich verschieden -- zehn bis 30 Prozent der Lepra-Kranken leiden, können sich jeweils wochen-, monate- oder jahrelang hinziehen.

Seit 1941 gibt es Heilmittel, die -- über lange Zeit eingenommen -- das Los vieler Lepra-Kranker entscheidend zu bessern vermögen. Die Medikamente, etwa das Sulfon-Präparat DDS, bewirken, daß die Ansteckungsgefahr behoben wird; die Kranken brauchen nicht mehr isoliert zu leben. Auch die Hautschäden bilden sich zurück. Doch besitzen diese Lepra-Mittel eine fatale Nebenwirkung: Sie begünstigen das Auftreten der gefürchteten Lepra-Reaktionen.

Gegen Lepra-Reaktionen halfen bislang -- wenn auch unzuverlässig -- nur Kortikosteroide, Abkömmlinge von Hormonen der Nebennieren. Aber auch diese Wirkstoffe können, wenn sie längere Zeit in hoher Dosis eingenommen werden, gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen.

In solch schwieriger Situation hatte der Israelische Mediziner Sheskin zunächst einem, dann fünf weiteren Lepra-Kranken Thalidomid verordnet. Noch im gleichen Jahr -- 1965 -- berichtete er im Leprologen-Fachblatt »Leprosy Review« über insgesamt 13 Patienten, bei denen er »dramatische Besserung innerhalb von zwölf Stunden« nach Beginn der Behandlung mit Thalidomid beobachtet hatte. Und schon ein Jahr später meldeten auch Mediziner aus Italien, Spanien, Brasilien und Thailand Erfolge bei Lepra-Reaktionen mit Hilfe von Thalidomid.

Bald darauf veranstaltete Sheskin, zusammen mit einem Ärzteteam in Venezuela, eine besonders beweiskräftige Prüfung des Medikaments. In einem sogenannten Doppelblindversuch erhielt jeder zweite Patient Thalidomid verabreicht, die andere Hälfte der Test-Gruppe wurde mit einem unwirksamen, aber äußerlich ähnlichen Scheinpräparat behandelt. Weder Patienten noch Ärzte wußten, wer das echte Heilmittel bekam.

Ergebnis des Tests: Während 91,8 Prozent der mit Thalidomid behandelten Lepra-Reaktionen vollständig unterdrückt oder gebessert wurden und sich keine einzige Lepra-Reaktion verschlimmerte, registrierten die Ärzte nach Behandlung mit dem Scheinmedikament nur 27,3 Prozent meist geringfügige Besserungen und 22,7 Prozent Verschlechterungen des Krankheitszustands.

Um Mißbildungsgefahren zu vermeiden, schließen die Lepra-Ärzte Frauen, die schwanger sein könnten, von der Behandlung mit Thalidomid aus. Nervenschäden jedoch, die andere Contergan-Nebenwirkung, derentwegen Grünenthal-Wissenschaftler und -Manager sich vor Gericht verantworten müssen, wurden bei Lepra-Kranken auch nach jahrelanger Behandlung mit Thalidomid« bislang nicht beobachtet.

Ganz ohne Nebenwirkungen geht die Thalidomid-Behandlung auch bei Lepra-Kranken nicht ab: Schwellungen an Armen und Beinen, Schläfrigkeit und Schwindelgefühl, Hautausschläge, Trockenheit im Mund und Verstopfung wurden registriert.

Jedoch: »Keine dieser Nebenwirkungen«, berichtete Sheskin, »war so schwerwiegend, daß die Behandlung abgebrochen werden mußte, und die meisten verschwanden mit fortdauernder Behandlung.«

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