Zur Ausgabe
Artikel 47 / 70

LSD Drang zur Droge

aus DER SPIEGEL 37/1966

Die Traumfabrik träumt mit. Die Kinohelden nehmen LSD und machen sich ein paar schöne Stunden: Sie fühlen sich flugfähig, sehen neue Farben und tauchen in surreale Träume.

Die Diskussion über das bewußtseinsverändernde Lysergsäurediäthylamid (LSD) hatte kaum begonnen, da galt der LSD-Trip in ein besseres Diesseits schon als Geschäftstip.

US-Produzent Herbert A. Steinman war als erster wach. Er investierte eine Million Dollar in »Hallucination«; der Film, gedreht an der Costa Brava und auf Ibiza, ist schon fertig.

Die »Halluzinations«-Handlung, geschrieben und inszeniert von Edward Mann, wurde deutlich dem Leben nachempfunden. Vor-Bilder sind der amerikanische LSD-Psychologe Timothy Leary, der wegen seiner Rausch-Experimente von der Harvard-Universität entlassen wurde, und ein junger Amerikaner, der mit LSD im Leibe einen Straßenpassanten tötete.

Für das Team Steinman und Mann spielt nun George Montgomery einen Kunst-Professor, der willigen Jugendlichen die Traumtropfen reicht, und einer der armen Schlucker verübt einen Rauschmord.

Daß auch die Form der Film-»Halluzination« realistisch geriet, war von Anfang an gesichert. Laut Steinman haben alle wichtigen Mitwirkenden ihre LSDErfahrungen hinter sich, und über den Produzenten schrieb das Fachblatt »Variety": »Ehe Steinman Showman wurde, war er Drogen-Großhändler.« Allerdings: »Während der Arbeit am Film«, sagte Steinman, ,hat niemand die Droge genommen.«

Nach dem Fachmann Steinman werden noch drei amerikanische Teams den Drang zur Droge dramatisieren:

- Otto Preminger, der mit dem Rauschgiftfilm »Der Mann mit dem goldenen Arm« im Metier bereits erfahren und erfolgreich ist, wird den LSD-Roman »Too far to walk« von John Hersey verfilmen;

- Roger Corman, auf Horror spezialisierter Regisseur, wird gegen Jahresende den Film »The Trip« andrehen;

- Walter Rueben und Gretchen Berg,

studentische Dokumentarfilmer aus Swarthmore, USA, wollen ein LSD -Epos mit Eros inszenieren. Titel: »Love me, love me«.

In Italien hat der Regisseur Giuseppe Scotese ("Mondo Nudo") das aktuelle Thema erkannt. Er wird »LSD - das s-Dollar-Paradies« zeigen. Die Reportage -Sequenzen will Scotese schwarzweiß filmen; farbig dagegen, leuchten die Träume der Drogisten.

Sein Landsmann Federico Fellini hat ihm das allerdings schon vorgemacht - in »Julia und die Geister«. Die kuriosen Kolor-Visionen Fellinis sind bislang offenbar allzu herkömmlich-psychologisch gedeutet worden. Denn ein anonym gebliebener »bekannter römischer Psychoanalytiker« enthüllte jüngst in den französischen »Cahiers du Cinéma": Es sei unmöglich, den Film zu verstehen, »wenn man sich nicht mit den Effekten der Rauschdroge LSD vertraut gemacht hat«. Fellini, verriet der Psychoanalytiker, habe unter seiner Hand die Droge probiert.

LSD-Schlucker Fellini, nüchtern: »Ich brauche das Zeug nicht. Solche Visionen kommen mir auch ganz natürlich.«

Fellini-Film »Julia und die Geister«

Traumtropfen gereicht

Zur Ausgabe
Artikel 47 / 70
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.