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KOMPONISTEN Dreck, o süsses wort

Hinter den verrufenen Bäsle-Briefen -- Mozarts Korrespondenz mit seiner Cousine -- steckt nach neuester Forschung keine »Analerotik«, sondern ein »Schalk«, der »seinen Übermut austobte«.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Pennäler kritzeln derlei Schweinkram gelegentlich an die Latrinenwände, und in Sex-Postillen sucht sich auf diese Weise Gleichgesinntes:

»Blass mir ins loch, gut ists, wohl bekomms.« -- »Ich küsse Ihnen das Gesicht, nasen, mund, hals -- und arsch wen er sauber ist.« -- »Wers nicht glaubt, der soll mich lecken, ohne End, von nunan bis in Ewickeit.« -- »Ich mache die Probe, thue den ersten finger im arsch, und dann zur Nase.«

Oder eine zotige Toccata: »Dreck! -- o dreck! -- o süsses wort! -- dreck! -- schmeck! -- auch schön! -- dreck, schmeck! -- dreck, leck -- o charmante! -- dreck, leck! -- das freüet mich! -- dreck, schmeck und leck! -- schmeck dreck, und leck dreck!«

Als Verfasser solcher Zweideutigkeiten zeichnete mal ein »edler von hochenthal«, ein »franz v: Nasenblut« oder auch der »allzeit alte junge Sauschwanz« und meist erst danach der Urheber mit seinem richtigen Namen: Wolfgang Amadé Mozart.

Gerichtet waren viele dieser lockeren Kapriolen an das »liebste, beste, schönste, liebenswürdigste, reizendste, von einem unwürdigen Vetter in Harnisch gebrachte bässchen oder Violoncellchen": Maria Anna Thekla Mozart, die Tochter von Leopolds Bruder, rund zweieinhalb Jahre jünger als ihr berühmter Vetter.

In nichts, nicht einmal in die Gerüchteküche um den angeblichen Giftmord am Frühvollendeten, haben die Mozart-Forscher ihre Nase tiefer, aber auch indignierter gesteckt als in die anrüchigen Episteln Mozarts an seine Augsburger Base, »das Bäsle«.

Waren das nur »geschmacklose, aber doch sehr wizige briefe«, wie die Witwe Constanze 1799 einsichtig urteilte, oder dienten sie, wie Wolfgang Hildesheimer 1977 mutmaßte, der »Ersatzbefriedigung«, Aufforderungen zum Tanz, »das Erinnerte zu wiederholen«?

»Warum«, fragte Mozart im November 1777 sein Bäsle, »sollen sie mirs nicht thun? warum nicht, Curios! ich thue ihnens ja auch, wenn sie wollen, warum nicht?« Was »es«, was »thun«?

Was immer -- solcher Schund mußte verborgen werden. Schon Constanze verbot den Abdruck der Briefe. Ihr zweiter Ehemann, der Mozart-Biograph Nissen, unterschlug die »kindischen und gemeinen Späße«. Weniger um das Andenken des Verstorbenen als um ihre zartbesaitete Leserschaft ging es späteren Lebensbesehreibern: Auch sie vertuschten den schriftlichen Verkehr.

Biograph Jahn eliminierte alles, was »das Schicklichkeitsgefühl und den Geschmack unserer Zeit verletzen« könne. »Aus ästhetischen Rücksichten« kürzte auch Ludwig Schiedermair, der 1914 die sogenannte »Erste kritische Gesamtausgabe« der Briefe veröffentlichte. Er veröffentlichte das Unschickliche eben nicht.

Noch 1940 zierte sich der Salzburger Hofrat Paumgartner, diese »zügellose Verbalerotik« sei nun »wirklich keine Komtessenliteratur«; und Karl Hammer, der Mozart 1964 »eine theologische Deutung« zuteil-werden ließ, läuterte den Fäkalkomiker: »Das Wesen dieses Menschen war rein. Darum konnte er das Unreine nur abstoßen.«

Hildesheimer schließlich machte dem prüden Theater ein Happy-End: »Das Bäsle«, entschied er, »war vermutlich die erste Geliebte Mozarts.«

Zu früh gefreut: Jüngst haben die Bäsle-Briefe eine neue Deutung gefunden. Danach enthalten sie »kaum ein Wort, das ernst zu nehmen ist«, und schon gar keins, aus dem eindeutige Lustbarkeit spreche. Als bloßen Schriftverkehr deuten jedenfalls die beiden Musikwissenschaftler Joseph Heinz Eibl, 73, und Walter Senn, 74, seit Jahren Mitarbeiter der exemplarischen »Neuen Mozart-Ausgabe« samt kompletter Korrespondenz, die ominöse Briefschaft. Nach dem »Prozeß der Sprachverfeinerung und -reinigung«, folgern die Forscher in ihrer soeben erschienenen Untersuchung, sei die Nachwelt so etepetete geworden, daß man »binnen kurzem urtümliche rauhe Worte der vergangenen Zeit nicht mehr verstand und mißdeutete"*.

Eibl und Senn haben nicht nur Mozarts vollständige Briefe noch einmal gründlich analysiert, sondern auch Schreiben und Berichte anderer Familienmitglieder und Zeitgenossen stilkritisch gemustert. Die Vergleiche zeigen, »daß die Bäsle-Briefe in Stil und Diktion keineswegs etwas völlig Einzigartiges sind«.

Im Gegenteil: Cosi fan tutte -- sie alle schweinigelten gerne, der Unterleib war als Thema mit. Variationen durchaus sippen-, standes- und zeitgemäß. So verlangte Vater Leopold Mozart einmal brieflich nach seinen verdauungsfördernden »Pillulen": »Ich will das der Arsch den Kopf curieren soll.« Die Ruhr dünkte ihn eine »sehr böse« Krankheit, »wenn es die Leute beym Kopf und beim Arsch angreift«.

* »Mozarts Bäsle-Briefe. Herausgegeben und kommentiert von Joseph Heinz Eibl und Walter Senn. Mit einem Vorwort von Wolfgang Hildesheimer. Bärenreiter-Verlag / Deutscher Taschenbuchverlag; 6,80 Mark.

Nachdem Wolfgang sich bei seinem Vater nach langer Postkutschentour über seinen »ganz schwieligen Hintern« beklagt hatte, schrieb Leopold zurück: Daß der Postwagen »den armen Arsch erschröcklich zerstösst«, habe auch er schon erfahren. Deshalb verzichte er jetzt auf derlei Beförderung »Meine zween zwetschenkern (Hoden) sind mir lieber.«

Auch Mutter Mozart war nicht pingelig. »Leb gesund, Reck den Arsch zum mund. Ich winsch ein guete nacht, scheiss ins beth das kracht«, reimte sie dem Herrn Gemahl von unterwegs ins heimische Salzburg.

Kein Wunder, daß die Eltern Mozarts an den brieflichen Derbheiten ihres Sohnes -- soweit bekannt -- niemals Anstoß nahmen. Und deftig korrespondierte der Komponist nicht nur mit seiner Cousine. Seiner Mutter beispielsweise schickte er 1778 ein Bäslewürdiges Gedicht. »Gefurzt wird allzeit auf die Nacht«, hieß es da, und: »Wir beleidigen doch nicht Gott mit unserm Scheißen / Auch noch weniger, wenn wir in dreck nein beißen.«

Nach einer Abendgesellschaft bei der Mannheimer Familie Cannabich beichtete er, »lauter Sauereyen, nemmlich, vom Dreck, scheissen, und arschlecken« geredet zu haben, und bekannte zugleich, »daß ich ordentlich freüde daran hatte«. Auch am Malheur eines Freundes ließ er seine Familie teilhaben: »Hat heute Nacht das bett voll gespien, gebrunst, und geschissen.«

An Salzburg und dessen Erzbischof, bekannte er einmal, liege ihm wenig: »Ich auf beydes scheisse«, und in Augsburg habe er sich endgültig entschlossen, »mich vom ganzen Patritiat im arsch lecken zu lassen«.

Derlei »als Analerotik zu deuten«, bezeichnen die Forscher Eibl und Senn als »baren Unsinn": Über die »Körperfunktionen, insbesondere den regelmäßigen Stuhlgang«, habe die Gesellschaft damals als »etwas ganz Selbstverständlichem« gesprochen, und nichts anderes, wenn auch als geballte Ladung« kennzeichne die Bäsle-Briefe: Zeugnisse »einer versunkenen Epoche«, deren »Sitte und Brauch im Alltag des Lebens mehr oder weniger unbekannt« seien.

Nun muß auch Hildesheimer einmal schlucken. Er hält, gesteht er im Vorwort der Untersuchung, »diese Arbeit für exemplarisch«, und er sieht die Möglichkeiten schwinden, Bäsles Lotterbett so schön sündig auszumalen. Aber Mozart großjährig und noch keusch? Das will Hildesheimer -- und nicht nur ihm -- nicht recht in den Kopf.

»Seit ich von Augsburg weg bin«, versicherte Wolfgang der Cousine am 3. Dezember 1777, »habe ich nicht Hosen ausgezogen; -- außer des Nachts bevor ich ins Bett gehe«. Vielleicht steckte doch mehr dahinter als ein »Schalk«, der »hier seinen Übermut austobte« (Eibl/Senn).

Ein New Yorker Psychoanalytiker hat Hildesheimer gegenüber bezweifelt, daß es Mozart und Bäsle richtig getrieben haben. Aber »allerhand sexuelle Spielereien« mag auch er aus dem Briefwechsel herauslesen. Petting ist schließlich kein nur modernes Lustspiel, sondern ein altbewährtes Präludium.

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