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Pop DREI JUNGS IM MÜLL

Sie vereinigen Funk mit Rap und Punk, geben eine Zeitschrift heraus und entwerfen eine Kleiderlinie. Dank multimedialem Pioniergeist und einem schönen Gespür für den komischen Irrsinn der Großstadt ist das amerikanische Trio »The Beastie Boys« das Underground-Ereignis dieses Sommers.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Der Mann hat lange vor dem Spiegel gestanden und ist eigentlich ganz gut vorbereitet. Er trägt eine Golfhose, ein geripptes Polohemd und Adidas-Turnschuhe aus der Zeit, als Muhammad Ali noch Cassius Clay hieß, im Ring tanzte und jeden, der ihn daran hindern wollte, zu Boden boxte.

Noch dazu ist der Mann wichtig. Er gehört zur Chefredaktion der Pop-Zeitschrift Details, einem der großen amerikanischen Medienerfolge der neunziger Jahre, er hat gerade die Beastie Boys aufs Cover genommen, und jetzt würde er ganz gern deren New Yorker Party besuchen. Aber auf das Dankeschön für die Titelstory kann er lange warten.

Der Türsteher schickt ihn zurück in die Schlange der No-Names und Unsympathen. Und Mike D., der Beastie Boy mit den tiefsten Akne-Narben, erklärt warum: »Details ist ein ekelhaftes Yuppie-Magazin. So etwas können sich nur Weiße ausdenken. Genauso daneben wie Sports Illustrated oder Soul Asylum.«

Auch die Beastie Boys sind weiß. Aber sie sind Weiße, die sich darüber Gedanken machen, welche Miles-Davis-Briefmarke die US-Post demnächst herausbringen soll. Mit dem Miles Davis, der in einem Brook-Brothers-Anzug den Cool Jazz erfand? Mit dem Miles Davis im Alltagslook von der LP »Sketches of Spain«? Mit dem Miles Davis, der wie ein verrückt gewordener Cartoon aussieht aus der »On the Corner«-Ära? Oder mit dem Miles Davis, der eine Brille trug aus der »Get up with it«-Periode?

Nicht, daß die amerikanische Post darauf warten würde. Oder die Beastie Boys jemals mit ihr zusammenarbeiten wollen. Aber überlegen muß man solche Dinge trotzdem.

Weil die Beastie Boys über solche Fragen und tausend andere nachdenken, sind sie inzwischen viel mehr als eine Band - sie sind ein Way of Life und die Institution, auf die sich diesen Sommer der gesamte Pop-Underground einigen kann. Mit ihrer CD »Ill Communication« führten sie wochenlang die amerikanischen Charts an. Ihr eigenes Magazin Grand Royal ist stets vergriffen, obwohl ständig nachgedruckt wird. Auf dem gleichnamigen Plattenlabel der Beasties finden neue Underground-Lieblinge wie die Band »Luscious Jackson« eine Heimat. Und Mike D. hat mit X-Large eine Kleiderlinie entworfen, die sich inzwischen in Paris, London, Tokio und anderen großen Städten, in denen Jugendliche mit genügend Taschengeld herumlaufen, prächtig verkauft.

Die Popwelt der Beastie Boys verwertet alles, was Erwachsene normalerweise hassen oder nicht verstehen oder längst vergessen haben: Geheimcodes der Subkultur, zusammengesetzt aus billigen Zeichentrickfilmen und alten Puma Wildlederschuhen, P-Funk-Zitaten und New York Knicks, Hundegejaule und Makroburgern, U-Bahn-Fahrten und James Brown, Fruchtsaftpressen und Kung-Fu-Videos. »White Trash« - weißer Müll hat ein Kritiker einmal ihre Quellen getauft. Das war nicht ganz richtig. In einer Welt, wo Pop immer noch gern mit Müll gleichgesetzt wird, lieben die Beasties auch den anderen, den schwarzen, gelben und den roten Müll. »Cool«, sagt dazu die MTV-Zeichentrick-Figur Butthead, einer, der sonst fast alles kaputtschimpft. Und fügt hinzu: »I wish I was more like them« - »Ich wünschte, ich wäre mehr wie sie.«

Die Beastie Boys leben gern im Müll. In ihrem Hauptquartier in Los Angeles stehen ein Aufnahmestudio, ein Basketballfeld und eine Skateboard-Rampe. Tagelang wenden sie den Müll vorwärts und rückwärts, streiten und kämpfen wegen Kleinigkeiten.

Zum Beispiel Hundejaulen. Der Rap »Sure Shot«, das erste Stück auf der CD »Ill Communication«, beginnt mit einem Hundejauler. Aber es sollte nicht irgendein Jauler sein. Also wurden alte Platten nach Hundegejaule durchgehört. Fernsehvideos mit Hunden gesichtet. Lebende Hunde getestet. Bis der richtige Sound da war. »Das ist ein ganz besonderer Hund«, freut sich Mike D. »Es muß so eine Art studiotrainierter Hundegejaulhund sein.« Auf der CD jault er eine dreiviertel Sekunde.

Dann setzt die Flöte des Jazzers Jeremy Steig ein. Dann das rappende Gebrüll der drei. Damit es besser kracht, verzichten sie auf eine Gesangsanlage. Sie rappen direkt durch die Gitarrenboxen. Und das ist nicht mehr Rap. Das ist Punk-Rock-Rap.

Groß geworden sind die Beastie Boys nicht im Müll, sondern eher bei Leuten, die gemeinhin als niveauvoll gelten. Der Vater von Adam Horowitz, genannt Ad-Rock, war ein geachteter Theaterautor. Die Eltern von Michael Diamond, genannt Mike D., verdienten ihr Geld als Kunsthändler. Und der Vater von Adam Yauch, genannt MCA, versah einen Job als Schulverwalter.

Alle drei hätten zur Universität gehen und angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde von New York werden können. Aber sie wurden vorlaute Bastarde, Grenzgänger zwischen den Kulturen mit einer Vorliebe für ein hohes Lebenstempo.

Gerade 12 und 13 Jahre alt, sogen die Beastie Boys die Popkultur der späten siebziger Jahre in sich auf. Als kleine Punks rannten der rotzfreche Mike D., der hübsche Draufgänger Adam Horowitz und der stille Yauch in die Nachtklubs. In guten Nächten durften sie Hardcore-Gruppen wie Minor Threat hören. In schlechten, und das waren die meisten, wurden sie nicht reingelassen.

»Rap«, erzählt Mike D., »habe ich das erstemal in der U-Bahn gehört. Ein Schwarzer spielte ein Band, in dem sich mehrere Menschen anschrien. Es hatte Rhythmus, und es muß wohl Rap gewesen sein.«

Auch die Beasties beschlossen zu rappen, aber als sie 1983 eine Single namens »Cooky Puss« aufnahmen, da wurde nicht viel gerappt, da wurde vor allem gebrüllt. Durch ein Telefon, wo Ad-Rock eine wildfremde Frau fragte, ob sie Cooky Puss heiße. Sie legte irgendwann auf. Aber Ad-Rock brüllte weiter.

Für ungefähr 20 New Yorker Insider waren die Beastie Boys danach Helden, und das wäre auch so geblieben, hätte nicht der Produzent Rick Rubin sie entdeckt und genau in diesen vorlauten Pickelgesichtern so etwas ähnliches gesehen wie Tick, Trick und Track betrunken auf ihrer ersten Klassenparty. Anders gesagt: Die Beastie Boys benahmen sich fast ununterbrochen daneben, aber sie taten es mit Stil, Witz und Intelligenz - und dann hatte da Rubin noch diese gigantische Idee, mit der sie Millionäre wurden, und zwar blitzschnell.

Rubin brachte Rap und Hard-Rock zusammen, er legte Gitarrenriffs von Led Zeppelin oder AC/DC unter einen Mordsbeat und hieß die Jungs Zeilen darüberrappen, Sätze wie »Being bad news is what we're all about, we went to white castle and we got thrown out« oder »You got to fight for your right to party«. Das Album nannten sie »Licensed to ill«, und es zeigte einen Linienjet, der gegen eine Felswand krachte.

Und die Beastie Boys hoben richtig ab. Sie brachten Rap in die weißen Vorstädte und in die Shopping Malls, sie warfen auf der Bühne mit Bierdosen um sich und sperrten eine Stripperin im Käfig über ihre Verstärker. Sie gingen auf Tournee, verkauften ihre Platte siebenmillionenmal, und sie waren gerade einmal 20 Jahre alt.

Ebenso schnell, wie sie berühmt wurden, hatten die Beasties von dem ganzen Rummel die Nase voll und das eine oder andere Drogenproblem noch dazu. Sie zogen nach Kalifornien und legten sich in die Sonne. Sie lernten hübsche Mädchen kennen, die sie nicht gleich mit Bier bespritzten. Und sie wurden Künstler.

Auf ihren folgenden Platten »Paul's Boutique« und »Check your Head« haben sie Rap endgültig zu ihrer eigenen Sache gemacht, ohne daß sie sich groß darum kümmerten, wohin die große Trendnadel zeigte. Sie haben gearbeitet und die Underground-Einflüsse der neunziger Jahre zu einem riesigen, absurden und komischen Stück Großstadt-Irrsinn gebündelt.

Heute singen tibetische Mönche als ihre Vorgruppe, weil Yauch beim Snowboarden in Tibet entdeckt hat, daß Tibeter von den Chinesen terrorisiert werden. Ergriffen schüttelt Yauch deren Hände, während Mike D. und Ad-Rock darüber diskutieren, warum Ben-Davis-Jeans cool sind und Levi's-Jeans nicht und ob das letzte Beasties-Video nicht vielleicht doch sexistisch war. Political correctness nach Art der Beastie Boys.

Dann schnallen sie ihre Rucksäcke um und verschwinden unerkannt in den Straßen von New York. Immer auf der Suche nach dem neuen Müll und Krach, den Mike D. in einem Gespräch mit dem Sonic-Youth-Gitarristen Thurston Moore einmal so beschrieben hat: »Ich will 16jährige spielen sehen. Ich will Kids sehen, die den Computer rocken können, aber die auch den erstaunlichsten schönsten Krach aller Zeiten zustande bringen. Ich habe immer diese Wunschvorstellung, daß es plötzlich eine neue Generation von Kids gibt, die genau das tun. Für mich ist das die Zukunft der Musik.«

Thomas Hüetlin

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