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Autoren Drei Türen aus Stahl

Neuentdeckte Dokumente zeigen, wie der aus der DDR stammende Schriftsteller Uwe Johnson von der Stasi beobachtet wurde.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Am 10. Juli 1959, einem Freitag, kam ein hochgewachsener junger Mann aus Leipzig mit dem Zug im britischen Sektor Berlins an. Der Passagier trug eine Aktentasche und eine Schreibmaschine bei sich. Außerdem einen Regenschirm und eine Pfeife.

Einige Wochen nach dem Grenzübertritt, der damals, vor dem Mauerbau 1961, ein verhältnismäßig leichtes Spiel war, erschien im Westen der erste Roman des Neuankömmlings. Eigentlich sollte auf dem Umschlag ein Pseudonym - Joachim Catt - stehen.

Nun aber, im Westen, konnte sich der Autor zu erkennen geben: Uwe Johnson. Sein Erstling »Mutmassungen über Jakob« erhielt begeisterte Kritiken und war auch beim Publikum ein Erfolg: Innerhalb von wenigen Wochen waren 3000 Exemplare verkauft - für ein Debüt (Preis: 14,80 Mark) damals enorm. Der Roman, der heute zu den Höhepunkten der deutschen Nachkriegsliteratur gezählt wird, hatte bei seinem Erscheinen beachtliche Konkurrenz: Im selben Jahr publizierte Heinrich Böll seinen Roman »Billard um halb zehn«, Günter Graß seine »Blechtrommel«.

Johnsons Roman zeigte erstmals in aller Deutlichkeit, wie die DDR ihre Bürger überwachte. Der Erfinder des fiktiven, für das »Referat Militärische Spionageabwehr« zuständigen Hauptmann Rohlfs sollte fortan - sehr real - in unheimlicher Nachbarschaft leben. Der einzigartige Chronist der deutschdeutschen Verhältnisse wurde vom Osten observiert - jedenfalls bis zu seinem Umzug nach England 1974.

Geahnt hat er es immer. Jetzt entdeckte Akten beweisen, daß die Stasi Johnson, Jahrgang 1934, akribisch und umfassend überwacht hat. Seine Ängste waren, was die DDR und deren langen Arm angeht, nicht unbegründet. Sie waren nicht einmal übertrieben. Ganz im Gegenteil.

Schon in einer aus Poetikvorlesungen erwachsenen autobiographischen Skizze »Begleitumstände« (1980) hatte Johnson über seine ersten Erfahrungen in West-Berlin notiert: _____« Weil einer ein Buch veröffentlicht hat, klingelt » _____« gelegentlich das von ihm gemietete Telefon, und nur » _____« rauhes Atmen, das Atmen eines Gefolterten meldet sich. » _____« Verreist er, wollen Nachbarn Licht in, Schritte aus » _____« seinem verschlossenen Zimmer gehört und gesehen haben, » _____« und die Politische Polizei West-Berlins, die den Ort des » _____« Vorgangs inspiziert, hält einen Besuch ihrer Kollegen von » _____« jenseits der Grenze für möglich. Die Stadt ist offen für » _____« die andere und ihren Staatssicherheitsdienst, immer noch » _____« werden Bürger mitgehen geheissen. Für einen » _____« Schriftsteller gilt die Regel: Deine Wohnung habe drei » _____« Ausgänge, drei Türen aus Stahl. »

Der Student Johnson war schon während seiner Rostocker Studienjahre mit riskantem öffentlichen Protest gegen die Behinderung der christlichen »Jungen Gemeinde« aufgefallen und zur lokalen Stasi-Dependance zitiert worden. Mag sein, daß man versuchte, ihn anzuwerben - jedenfalls erlangte er zu der Zeit Einblicke in den Apparat und dessen Möglichkeiten. So konnte Johnson später in den »Mutmassungen« den Geheimdienst kenntnisreich darstellen.

Der damalige Cheflektor des Aufbau-Verlags, Max Schroeder, hielt den jungen Autor, der sich zunächst in der DDR um die Veröffentlichung seiner literarischen Arbeiten bemühte, denn auch in einem internen Gutachten 1956 für einen »typischen Fall von ,Westkrankheit'« und reif für eine »Gehirnwäsche« - was schon bekannt war (SPIEGEL 2/1992).

Jetzt zeigt sich: Insgesamt vier Ordner, angelegt vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit, beziehen sich auf Johnson, drei davon Sammelakten, in denen der Schriftsteller im Zusammenhang mit Kollegen wie Graß, Max Frisch oder Johannes Bobrowski auftaucht. Ein Ordner, mit der Signatur AP 14173/93, ist ihm ganz allein gewidmet. Johnson hetze gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse »i.d. DDR«, wird da zum Beispiel festgehalten, besonders hetze er »geg. die Maßn. v. 13. 8. 61« (diese »Maßnahmen« waren nichts anderes als der Bau der Berliner Mauer).

Die »Firma« als Biograph: In der Johnson-Akte finden sich allerlei - zum Teil völlig unbekannte - Dokumente aus der Frühzeit des werdenden Schriftstellers. So Johnsons handschriftlich ausgefüllter Aufnahmeantrag für die Universität Rostock und ein von ihm selbst verfaßter Bericht über seine »gesellschaftliche Entwicklung«. Sogar die Befürwortung einer Erhöhung des - von der Reichsbahn gespendeten - Stipendiums aus dem Jahr 1952 hat das Johnson-Dossier bewahrt. Bizarr und in seiner verqueren Logik für sich sprechend diese Passage in einem »Auskunftsbericht« vom März 1964: _____« Im Jahre 1953 brachte J. auf einer FDJ-Versammlung » _____« zum Ausdruck, daß er nicht sprechen könne, da dies nach » _____« Meinung J. brenzlig sei. In der FDJ dürfe man kein » _____« offenes Wort sagen, und es herrsche ein Spitzelsystem. » _____« Aufgrund dessen wurden an der Universität Rostock mit J. » _____« mehrere Aussprachen durchgeführt. ( . . .) Nach diesen » _____« Aussprachen distanzierte sich J. öffentlich von seinen » _____« falschen Auffassungen. »

Ohne weiteren Kommentar ist dem ein - Johnsons Befürchtungen bestätigender - Spitzelbericht ("Vertraulich!") der FDJ-Hochschulgruppe beigefügt.

Ein zuverlässiger Biograph ist die Stasi dennoch nicht. Da hilft auch die uferlose Sammelwut wenig. Stur hält sich etwa in dem Ordner die Fehlinformation, Johnson sei schon 1956 - also drei Jahre vor der Übersiedlung nach West-Berlin - »republikflüchtig« geworden. Da wußte die eine Stasi-Hand nicht, was die andere tut: Denn während seiner Leipziger Jahre bis 1959 versteckte sich Johnson keineswegs.

Und der Geheimdienst ließ sich täuschen: Der Vater sei im Krieg gefallen, wird vermerkt. Das aber war eine Zwecklüge von Johnsons Mutter Erna, die so stets gegenüber den DDR-Behörden argumentiert hatte: Tatsächlich war ihr Mann 1946 als »Politischer« in einem sowjetischen Internierungslager im ukrainischen Kowel ums Leben gekommen.

Und noch eines wird beim Studium der Johnson-Akte geradezu lachhaft deutlich: Der Leerlauf vieler Observationen - getarnt durch hechelnde Agentenrhetorik. Da kommt Johnson, »Objekt 03136«, im Juli 1965 zu Besuch nach Ost-Berlin und wird auf Schritt und Tritt beschattet. In der Akte finden sich sogar Fotos, offenbar im Vorbeigehen aus Hüfthöhe geschossen, die ihn »auf der Friedrichstr.« zeigen.

Der Beobachtungsreport beginnt mit genauer Zeitangabe: »16.20 wurde ,03136' am Ausgang West des S-Bahnhofes Friedrichstraße aufgenommen.« Und weiter: Der Mann telefoniert ("wobei festgestellt wurde, daß die zwei Anfangszahlen ,29' waren"), zündet sich eine Pfeife an, trifft eine »männliche Person, die den Decknamen ,Durst' erhielt«. Wieso »Durst«? Vielleicht deswegen, weil der Betroffene zusammen mit »03136« einen trinken geht - die Stasi im Schlepptau. Sonst wäre der nämlich entgangen, daß die Staatsfeinde je drei halbe Liter Bier und zwei Kognak (doppelte!) bestellen, dazu je ein Schnitzel ("mit Salat"). Der Höhepunkt: »Durst« holt aus seiner Brieftasche einen beschriebenen Zettel ("Format DIN A5") und gibt ihn »03136« zu lesen - der steckt ihn ein.

Auf der Straße werden die beiden Observierten von einem Mann ("ca. 55 Jahre") angesprochen und »vermutlich« gefragt, ob sie eine Zigarette abgeben könnten. Konspiration? Nein: »Er bekam einen Bonbon und ging weiter. Diese Person wurde nicht weiterbeobachtet, da er einen folgenden Beobachter auch um Zigaretten bzw. 20 Pfg. bat, er äußerte, er wäre arm.«

Soweit die Erkenntnisse und Protokolle der Stasi, denen zu verdanken ist, daß heute noch dem Schriftsteller Johnson und dem Linguisten Manfred Bierwisch (er war es, dem der Deckname »Durst« angehängt wurde) beim Destabilisieren der DDR über die Schulter zu schauen ist.

Der Johnson-Experte Bernd Neumann, 50, Germanist an der norwegischen Universität von Trondheim, arbeitet derzeit die neuen Funde, soweit brauchbar, in seine umfangreiche Johnson-Biographie ein - die sollte eigentlich schon in diesem Frühjahr bei Suhrkamp erscheinen, doch nach einem Zerwürfnis zwischen Neumann und dem Verleger Siegfried Unseld soll sie nun - noch rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im Oktober - in der Europäischen Verlagsanstalt herauskommen.

Als sich Uwe Johnson 1974 in England niedergelassen hatte, verlor die Stasi weitgehend das Interesse an ihm. Das hinderte sie jedoch nicht daran, der Akte vor zehn Jahren, im März 1984, noch ordnungsgemäß die Zeitungsmeldung von seinem Tod einzuverleiben - und ganz zuletzt noch ein kleines Späßchen damit zu treiben. Zynischer Vermerk zum Dahinscheiden des Schriftstellers: »Ja, wenn er sich verbessern kann!« Y

Der Geheimdienst der DDR ließ sich täuschen

Zur Todesmeldung auch noch ein zynisches Stasi-Späßchen

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