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POTENTATEN Dreister Bruch

Dem Sultan von Brunei, dem reichsten Mann der Erde, haben Londoner Ganoven einen Bruchteil seines Reichtums entführt.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Die Nannys führten Kinder aus, die Chauffeure polierten schwere Limousinen, die Lieferanten brachten ihre Ware - es war ein Nachmittag wie jeder andere in der Winnington Road zu London, die ihren Beinamen »Millionärszeile« in einer Zeit erhielt, als einfache Millionäre es sich noch leisten konnten, dort zu wohnen.

Auch im Haus Nummer 37 gingen Menschen ihrem Tagewerk nach. Im Erdgeschoß wachte das Sicherheitspersonal über das Besitztum des Sultans von Brunei, während im oberen Stockwerk Diebe den Sultan von einem Teil eben jenes Besitzes befreiten.

Dem Umstand, daß sich beide Berufsgruppen bei der Ausübung ihres Broterwerbs nicht störten, verdankt die Welt einen der nettesten Kriminalfälle seit Jahren. Denn der Geschädigte ist, mit einem Vermögen von 28 Milliarden Dollar, der reichste Mann auf dem ganzen Erdenrund - weshalb sich die sittliche Entrüstung der Öffentlichkeit denn auch in Grenzen hielt.

Berechnungen der internationalen Presse kamen zu dem ebenso einhelligen wie beruhigenden Ergebnis, daß der Bestohlene in Anbetracht eines Stundeneinkommens von einer viertel Dollarmillion nicht zu verelenden drohe. Allein im Herzen von Detective Chief Superintendent David Staff, dem ermittelnden Beamten von Scotland Yard, erhoben sich Tumult und Klage: Sich über den Fall zu amüsieren, wo komme man denn da hin - schließlich handle es sich um einen dreisten Bruch, und zwar einen der größten in der britischen Kriminalgeschichte.

Dieser entreicherte den Sultan um jede Menge teuren Öls auf Leinwand, zahlreiche hochkarätig verzierte Gegenstände des goldverarbeitenden Gewerbes, dazu etliche Bündel von namhaften Geldscheinen, alles in allem etwa zwölf Millionen Mark - ein kaum verhohlenes »Good Luck« wünschten die Briten und ihre Presse, die in sportiven Angelegenheiten wie diesen nicht allzu haarspalterisch an Gewissensfragen herangehen, den bösen Buben.

Diese ihrer gerechten Strafe zuzuführen, daran war offenbar auch dem Sultan nicht übermäßig gelegen. Sehr zum Erstaunen von Chief Superintendent Staff hatte der Potentat darauf verzichtet, den Einbruch anzuzeigen. Erst am Montag letzter Woche, vier Tage nach der Tat, wurde der Scotland Yard informiert - durch Geraune aus der Unterwelt.

Sultan Hassanal Bolkiah Mu'izzaddin Waddaulah Ibni Al-Marhum Sultan Haji Omar Ali Saifuddien Sa'adul Khairi Waddien hält nicht viel von Aufsehen - zu umstritten ist seine Rolle als Beherrscher der 230 000 Bewohner von Brunei, das sich die Insel Borneo mit Malyasia und Indonesien teilt. Dort sieht er nicht nur als Sultan, sondern auch als Premier- und Verteidigungsminister mit aller Strenge nach dem Rechten und vor allem den Linken, die ihm die Einnahmen aus den Öl- und Gasquellen des Landes mißgönnen. Der Sultan und seine weitzweigende Familie jedoch, aus deren Reihen er auch sein Kabinett bestückt, beharren darauf, daß die Staatsbörse auch die ihre sei.

Jeden Versuch einer Diskussion in dieser Frage nimmt die Familie ziemlich übel - wie sich gelegentlich einer Erhebung im Jahre 1962 zeigte, die eine etwas angemessenere Verteilung der Staatseinnahmen zum Ziel gehabt hatte.

Die Briten, deren Protektorat Brunei bis 1984 war, sandten daraufhin eines ihrer Gurkha-Bataillone, welches die rebellierenden Einwohner mit seinen sichelförmigen »Kukri«-Messern derart massakrierte, daß ihnen bis heute die Lust an aufrührerischem Tun vergangen ist. Daß dies auch fürderhin so bleibe, dafür sorgen die damals in und seitdem nicht mehr außer Kraft gesetzten Notstandsgesetze.

Um dieselbe Zeit begann der 1946 geborene Hassanal, wie Freunde Seine gottbegnadete Hoheit nennen dürfen, mit dem für beide Seiten unbefriedigenden Besuch der höheren Schule - schon bald lag er zwei Klassen hinter seinen Altersgenossen. Auch in England, auf der Royal Military Academy in Sandhurst, mußten die Ausbilder feststellen, daß der Sultan keiner von denen ist, die Schuld daran tragen, daß das Pulver kracht. Bei sich zu Hause ist er General und am liebsten unter Soldaten. Deshalb auch unterstützt er bisweilen das militärische Gekatzbalge auf der Welt, den nicaraguanischen Contras zum Beispiel stiftete er zehn Millionen Dollar.

Wenn er den Männergeruch der Kaserne überhat, nimmt Hassanal Herberge in einem seiner zwei Paläste nahe der Hauptstadt Bandar Seri Begawan. Der eine kostete 800 Millionen Mark und hat 257 Toiletten sowie 1778 Zimmer, vielleicht auch 1788, so genau weiß das keiner. Der andere Palast ist mit 600 Räumen bescheidener geraten, dafür gibt es dort fünf Swimming-pools.

Den Staatsgeschäften geht der Sultan, so er gerade im Lande ist, täglich zwischen 14.15 Uhr und 15.30 Uhr nach. Ansonsten spielt er Polo (200 Ponys) oder Golf (Handikap 24), fährt eines seiner 350 Automobile spazieren oder schnappt sich seinen Airbus oder eine der drei Boeings und pflügt damit den Blauhimmel über Borneo.

Da der Sultan gerne besitzt, was er bewohnt, hat er auf der ganzen Welt Hotels gekauft - etwa das Beverly Hills Hotel in den USA, das Holiday Inn in Singapore oder das Dorchester in London, wo die zwei obersten Stockwerke stets für ihn und seine Entourage reserviert sind. Darüber hinaus verfügt er in der britischen Hauptstadt über ein Dutzend weiterer Besitzungen - eine davon ist das Sechs-Millionen-Anwesen in der Winnington Road.

Dort allerdings pflegt sich vorzugsweise sein Bruder und Finanzminister Prinz Jefri aufzuhalten - sehr zum Leidwesen der Nachbarschaft, die in klagendem Ton von Prinz Jefri und seiner Familie erzählt. Als etwa Jefris halbwüchsige Kinder die Freuden des Motorradfahrens entdeckten und diesen stundenlang in ihrem weitläufigen Spielzimmer nachgingen, vermochte sich ein Anwohner nur vermittels einer gerichtlichen Verfügung Ruhe zu verschaffen.

Fatalerweise entwickelten der Papa und sein Nachwuchs daraufhin einen offenbar unbezähmbaren Hang zum Feuerwerken mit Leucht-und Knallkörpern aus dem Arsenal der Berufspyrotechniker - es böllerte und zischte zu jeder Tages- und Nachtzeit, bis ein anderer Nachbar, ein reicher Araber, »wegen der Raketenangriffe auf mein Haus« die Anti-Terroristen-Einheit rief.

So stießen denn die Männer von Chief Superintendent Staff bei ihrer Suche am Tatort zwar auf allerlei pyrotechnische Vorrichtungen, nicht aber auf Spuren der Diebe. Die waren, so ließ sich rekonstruieren, am Tattag gegen vier Uhr nachmittags gekommen, hatten auf bislang unbekannte Weise die zahlreichen Videokameras und Infrarotsensoren überlistet und sich vier Stunden später wieder davongeschlichen - traurigen Gemüts wahrscheinlich: Da sie nicht so viel tragen konnten, mußten sie hehlbares Gut im Wert von 120 Millionen Mark hintanlassen. #

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