Corona-Tagebuch Warum ich mich weigere, meinen Sommerurlaub jetzt schon zu stornieren

Bis vor Kurzem dachte ich noch, in diesem Sommer würde die größte Pandemiebezwingungsparty aller Zeiten steigen. War wohl nichts. Andererseits: Was wären wir ohne das Prinzip Hoffnung?
Sehnsucht nach Sommer, Sonne, Mittelmeer: Campingurlaub in Kroatien

Sehnsucht nach Sommer, Sonne, Mittelmeer: Campingurlaub in Kroatien

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welcomia / Getty Images/iStockphoto

Neulich in der Heimschule: Meine Tochter sollte im Internet herausfinden, auf wie vielen Kilometern Strecke die Hamburger S-Bahn unterirdisch fährt. Endlich keine Matheaufgabe, die schlechte Erinnerungen an die eigene Schulzeit auslöst! Ich war deshalb mit Eifer bei der Sache (abgesehen davon, dass sich natürlich gleichzeitig auf meinem Arbeitsrechner die Mails türmten; aber lassen wir das). Google spuckte bei der Suche ein falsches Ergebnis aus, man musste sehr aufpassen und aufmerksam recherchieren, um die korrekte Zahl zu entdecken. Was mich Aushilfslehrer zu einer für meine Begriffe inspirierten Predigt über die Schwierigkeiten der Wahrheitsfindung im Internet hinriss.

Einige Stunden später löste sich dann die Idee, dass es überhaupt eine klare Antwort via Netzrecherche geben könnte, komplett in Luft auf. Es ging um eine nicht ganz nebensächliche Frage, eine, die ziemlich viele Menschen auf der Welt gerade umtreiben dürfte: Wann ist eigentlich die Pandemie vorbei? Anders formuliert: Wann bekommen wir unser Leben zurück? Google, kannst du mal kurz antworten?

Konnte Google nicht, war ja klar. Hatte ich auch nicht ernsthaft erwartet. Aber das Maß an Widerspruch, das sich auftut, wenn es um die kommenden Monate geht, ist dann doch überraschend, vor allem, wenn man eben nicht als Mediziner, sondern als Vater im Homeoffice darauf schaut.

Ein Interview mit der Virologin Melanie Brinkmann  las sich fast so apokalyptisch wie das Drehbuch zu dem Weltuntergangsblockbuster »Armageddon«. Mit dem Unterschied, dass das Happy End dieses Mal ausfällt, weil Bruce Willis es so was von vergeigt hat. An anderer Stelle war zu lesen, den Sommer könnten wir ohnehin schon vergessen. Alle Maßnahmen zu wenig durchdacht, zu langsam, zu ineffektiv. Gleichzeitig möchte dann wiederum auch Horst Seehofer sich wieder die Haare schneiden lassen und plädiert für eine Öffnung von Friseursalons.

Ich hatte eigentlich mal gedacht, es läuft jetzt. Nicht wie am Schnürchen, mit vielen Problemen und Verzögerungen, klar. Aber grundsätzlich: Jetzt leider langsamer impfen als gedacht, dann immer schneller impfen, dann sind genug Menschen geimpft – und tschüss, Corona, auf Nimmerwiedersehen. War das jetzt so naiv?

Ganz offen gesagt: Grund für mein gesteigertes Interesse an den Sommermonaten ist nicht allein die tief sitzende Sehnsucht nach mehr Licht, Leichtigkeit und der fettesten Pandemiebezwingungsparty aller Zeiten. Ich habe auch einen Urlaub gebucht. Keine Flugreise, wo denken Sie hin? Aber drei Wochen Kroatien, Campingplatz. Glamping. Was soll ich sagen? Mir war danach, Anfang Januar, die Buchung war ein kleines Licht in der Corona-Dunkelheit. Natürlich habe ich darauf geachtet, dass ich sie stornieren kann. Bin geübt darin, letztes Jahr habe ich diesen Urlaub schon einmal abgesagt.

Nun gibt es auch in meinem engsten Familienkreis Menschen, die anders in die Zukunft schauen, die auf Wichtigeres hoffen als auf den nächsten Urlaub. Die Corona wegen Alter oder Vorerkrankungen ganz anders bedroht und die froh wären, wenn diese Bedrohung endlich einmal nachließe, auch ganz ohne Reisepläne. Ganz abgesehen von den Millionen von Menschen, für die diese Pandemie ein existenzielles Problem darstellt. Das lässt das Hoffen auf einen Urlaub selbstsüchtig erscheinen. Sollte man darüber also gar nicht erst sprechen, zumal öffentlich?

Andererseits: Die Gedanken sind ja da, und ich dürfte nicht der Einzige sein, den sie umtreiben. Nicht pausenlos und zentral, aber im Hinterkopf. Neben all den anderen Stimmen, die uns allen ständig durchs Hirn rasen, den Sorgen um die Oma, um das Café nebenan, um Job und Kinder. Und der Müll muss auch noch runtergebracht werden.

Unsere Geschichte zerfällt in viele mögliche Erzählstränge

Wenn es gut läuft, formen wir aus dem vielstimmigen Chor unserer Gedanken eine Geschichte, in der wir uns zumindest bemühen, handelnde Akteure zu sein. Läuft aber nicht gut gerade. Handeln können wir nur sehr bedingt selbst, und unsere Geschichte zerfällt in viele mögliche Erzählstränge. Umso verlockender ist die Vorstellung, wie es wäre, wenn uns »das Internet«, »die Medien«, Politiker oder Forscher sagen könnten, wo es langgehen wird in nächster Zeit. Das versuchen sie ja auch, nur klingt dieser Chor ähnlich atonal wie der im Kopf. Aus dem, was wir an Informationen einsammeln können, will sich partout kein Bild zusammensetzen lassen.

Trotz allem ist das gut so. Lieber viele widersprüchliche Stimmen, zwischen denen ich abwägen muss, als die eine, die autoritär eine Linie vorgibt. Das ist die Liveausgabe demokratischer Meinungsfindung. Den Weg durch die Widersprüche müssen wir uns schon selbst suchen. Eine Herausforderung schon in normalen Zeiten. Gerade manchmal einfach unmöglich.

Obwohl: Ganz so unwägbar, wie ich mir das einreden will, liegt die Sache gar nicht. Frau Brinkmann sagt nicht das, was ich hören will, aber sie gibt wieder, was sehr viele Wissenschaftler genau so einschätzen. Eigentlich bin ich dankbar für ihre klare Stimme. Ich habe meinen Sommerurlaub bisher trotzdem nicht storniert. Nennen Sie es Selbstbetrug. Oder Hoffnung.