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INTELLEKTUELLE »Du Bastard, du Verräter«

Der Kulturkampf in der Türkei gegen kritische Autoren und Journalisten verschärft sich. Mörderische Nationalisten hetzen gegen Andersdenkende. Viele Liberale fühlen sich gefährdet - wie Nobelpreisträger Orhan Pamuk, der sich jetzt absetzte.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Am Tag, an dem sein Freund Hrant Dink beerdigt wurde, flog Orhan Pamuk zur Buchmesse nach Kairo. In der arabischen Welt gebe es »ein großes Interesse an allen Aspekten der türkischen Literatur und Kultur«, sagte der Literaturnobelpreisträger, und es klang wie eine Rechtfertigung, warum er die Türkei gerade in diesen schweren Tagen verließ.

Offenbar trieb ihn da schon die Angst um sein Leben um - beim Trauerzug am Vormittag für den von Ultranationalisten ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Dink wurde er nicht gesehen: eine grandiose Demonstration, die mit dem Slogan »Wir sind alle Armenier« vor zwei Wochen gerade in Europa Eindruck machte. Dabei hatte sich Pamuk nicht gescheut, öffentlich diejenigen in Regierung, Justiz und Gesellschaft anzuklagen, die für Dinks Tod mitverantwortlich seien. »Der Mord an meinem mutigen Freund mit dem goldenen Herzen hat mir das Leben vergällt«, bekannte Pamuk, »ich bin wütend auf jeden und alles, und ich empfinde grenzenlose Scham.«

Wie zur Bestätigung seiner Worte versetzten vorigen Freitag Bilder die Türkei in Aufregung, die mehrere Polizisten Seite an Seite in vertraulicher Pose mit dem jugendlichen Mordverdächtigen zeigen; sie wurden vom Dienst suspendiert. Ein nationalistischer Mörder werde wie ein Held behandelt, empörte sich die Zeitung »Sabah«.

Da hatte der Schriftsteller, der zum prominentesten Anwalt einer modernen, liberalen, kosmopolitischen Türkei wurde, seine Heimat schon verlassen; aus Istanbul ist er einstweilen in die USA geflüchtet, wo er Vorträge an Universitäten halten will. Eine Lesereise nach Deutschland hatte er vergangene Woche nicht mehr angetreten. Die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin und der Katholischen Universität Brüssel sollte er bekommen: alles abgesagt, ohne Erklärung. Der Hanser Verlag, der seine Bücher, darunter »Die weiße Festung«, »Schnee« und nun auch »Istanbul« auf Deutsch herausbrachte, bekam nur ein dürres Fax. Am Telefon in seinem Haus in Istanbul schaltete er den Anrufbeantworter ab; wenn Journalisten ihn doch erreichten, legte er auf.

»Orhan Pamuk soll klug sein«, hatte einer der Hauptverdächtigen im Mordfall Dink, der vorbestrafte Rechtsextremist Yasin Hayal, öffentlich gerufen. Die Drohung muss nachhaltigen Eindruck auf den Autor gemacht haben.

Vergangene Woche kursierte im Portal YouTube ein Video des selbsternannten »Türkischen Kommandos für Vergeltung« (TIT), das neben der Leiche Dinks auch Fotos von Pamuk zeigt. »Mit denen können wir nicht Freunde sein«, heißt es im Text eines dazu eingespielten Liedes. Im Abspann sieht man eine türkische Fahne und den Kopf eines Wolfs - Symbol der türkischen Ultranationalisten. »Es werden noch Weitere sterben«, droht TIT.

Schon länger wird Pamuk, berühmtester Schriftsteller der Türkei, der eigentlich der Stolz des in die EU strebenden Landes sein müsste, von hetzerischen Nationalisten verfolgt, und er ist nicht der Einzige. Wohl ein Dutzend türkischer Schriftsteller, Journalisten

und Wissenschaftler sind zurzeit Zielscheibe des wütenden Hasses fanatischer Rechtsextremisten.

Pamuks überstürzte Abreise wirft ein Schlaglicht auf den Kulturkampf und auf das Klima der Hetze, der Einschüchterung und der Angst, das derzeit in der Türkei gegen Andersdenkende herrscht, vor allem, wenn sie nationale Tabus anrühren - und davon gibt es etliche: den offiziell noch immer bestrittenen Völkermord an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich, die christlichen Minderheiten, die Kurden und die PKK, selbstverständlich auch Staatsgründer Atatürk.

An die hundert Intellektuelle standen nach einer Statistik der türkischen Menschenrechtstiftung bereits wegen Meinungsvergehen vor Gericht - meist unter dem Vorwurf, das »Türkentum beleidigt« oder staatliche Institutionen herabgewürdigt zu haben. Dafür gibt es den berüchtigten Paragrafen 301, den reaktionäre Staatsanwälte nutzen, um kritische Köpfe zu verfolgen.

Elif Shafak, 35, eine populäre und couragierte Autorin, hatte einfach nur einen Roman geschrieben ("Der Bastard von Istanbul"), der die sich verwebende Geschichte einer türkischen und einer armenischen Familie in den USA und Istanbul erzählt. Für dieses Werk wurde Shafak 2006 von einer nationalistischen Anwaltsvereinigung vor Gericht gebracht, weil eine ihrer Figuren sagt: »Ich bin der Enkel von Überlebenden des Genozids, deren Familie unter den Händen der türkischen Schlächter starb.«

Sie wurde freigesprochen, doch »die Tortur« des Verfahrens, bekannte sie, habe sie »arg mitgenommen«. Wie bei jedem dieser Prozesse zogen vor dem Gericht grölende Aktivisten auf, die immer wieder pöbeln, rempeln, verfluchen. Orhan Pamuk bewarfen sie mit Eiern, die Journalistin Perihan Magden, die in einem Artikel für Kriegsdienstverweigerer eingetreten war, beschimpften sie als »Hure der PKK«. Als Shafaks Prozess begann, war sie hochschwanger. Schon länger erhielt sie Drohbriefe, doch erst jetzt, nach der Ermordung Dinks, erkennt die Regierung die Gefahr an, in der sie und ihre Kollegen schweben. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan stellte für gefährdete Dichter und Denker nun staatliche Leibwächter ab.

Häufig dienen ideologisch verbohrte Bürger als Denunzianten, wie jener Anwalt aus Izmir, der die 92-jährige Archäologin Muazzez Ilmiye Çig anzeigte. Diesmal war das religiöse Kopftuch der Anstoß, eines der zentralen Konfliktsymbole in der muslimischen, aber streng säkularen Türkei. Die Expertin für die Geschichte der Sumerer hatte geschrieben, Kopftücher seien zuerst von sumerischen Priesterinnen getragen worden, die junge Männer in den Sex einführten. Dafür wurde sie wegen »Aufstachelung zum Hass« angeklagt, jedoch freigesprochen.

Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, dessen Bild in jeder türkischen Amtsstube, jeder Firma, jedem Klassenzimmer hängt, darf selbst 70 Jahre nach seinem Tod als historische Figur nicht kritisiert werden. Der Istanbuler Politologe Atilla Yayla wagte es, die ersten Jahre von Atatürks Regierung als »Periode des Rückschritts, nicht des Fortschritts« zu bemängeln, und beklagte zudem den öffentlich verordneten Heldenkult. Prompt wurde er vom Dienst suspendiert.

Schon die Schilderung einer Episode, wonach sich Atatürk einmal in Frauenkleidern vor einem Attentatsversuch gerettet habe, brachte der Journalistin Ipek Çalislar den Vorwurf ein, sie habe Atatürks Ansehen beschmutzt. »Atatürk war ein unglaublich mutiger Mann, so etwas hätte er nie getan«, schrieb ein aufgebrachter Leser ihres Buches, der sie bei der Staatsanwaltschaft anzeigte. Wäre sie schuldig gesprochen worden, hätten ihr bis zu viereinhalb Jahre Gefängnis gedroht.

Sogar Übersetzer unerwünschter Bücher sind vor Verfolgung nicht sicher oder

Verleger wie Fatih Tas, der die Studie eines amerikanischen Professors über »die menschlichen Kosten des US-Waffenhandels« herausbrachte. Darin wird auch der Nato-Verbündete Türkei kritisiert.

Für die EU sind die Maulkorb-Prozesse ein Gradmesser für die Europa-Eignung der Türkei. Jedes neue Verfahren schürt Zweifel, ob das Land den Wandel zu einer offenen, pluralistischen Gesellschaft schafft.

Die Wurzeln des Problems liegen tief in einer sehr traditionellen, konservativen Gesellschaft, in der sich große Teile auf dem Weg nach Westen plötzlich querstellen. »Die Türkei beherbergt zwei Gesellschaften«, sagt der Soziologe Dogu Ergil, »eine kleine moderne und eine riesige vormoderne. Beide leben nebeneinander, aber nicht im gleichen Zeitalter.«

Diese türkische Vormoderne wird derzeit von Nationalisten beherrscht, die ihre Heimat lieber in die Isolation treiben wollen, als sie den »imperialistischen Feinden« im Westen auszuliefern.

Eine »in diesem Ausmaß bisher ungekannte Welle des Nationalismus« habe das Land erfasst, klagt der Politikwissenschaftler Baskin Oran, der selbst einen Prozess wegen eines kritischen Berichts über die Minderheiten in der Türkei hinter sich hat. Die als Reformer angetretene Regierung Erdogan tut wenig, um sich der reaktionären Stimmung entgegenzustellen. Sie will die Wahlen gewinnen.

Für das andere Lager, die Moderne, kämpfen etwa die Hunderttausend, die nach der Ermordung Hrant Dinks auf die Straße gingen, aber auch die wirtschaftliche Elite des Landes, die weiß, dass die Türkei nur im Westen eine Zukunft hat. Doch nach der Demonstration der Solidarität mit der Minderheit der Armenier drehen die Nationalisten schon wieder auf, halten Plakate hoch, auf denen steht: »Wir sind alle Türken, wir heißen Mehmet, Hasan und Hüseyin, wir sind nicht Hrant Dink.« Ein erbitterter Richtungskampf um die Zukunft der Türkei ist voll entbrannt, er wird auf der einen Seite teilweise mit mörderischer Wut geführt, noch ist nicht klar, wer der Sieger sein wird.

Seit Ismet Berkan, Chefredakteur der liberalen Zeitung »Radikal«, seine Redaktion nur noch mit Leibwächter verlassen durfte, dachte er darüber nach, das Land zu verlassen. »Aber das ist es ja, was sie wollen«, sagt er, »deshalb müssen wir bleiben und unsere Stimme gegen die erheben, die die Türkei vom Rest der Welt abschneiden wollen.«

Das verlangt Mut, wenn man täglich bis zu 50 Drohbriefe bekommt, in denen steht: »Wir schaffen dich aus dem Weg, wir bringen dich um.« Alle anonym. Vor einem Jahr war Berkan mit vier weiteren Journalisten der Prozess gemacht worden, weil sie das gerichtliche Verbot einer Konferenz zur Armenierfrage kritisiert hatten.

Vertreiben lassen will sich auch Baskin Oran nicht. Der 62-jährige Politikprofessor harrt aus in seinem kleinen Reihenhaus in Ankara und klammert sich an seine Überzeugung, dass die Türkei »mit jedem Tag besser wird, auch wenn wir auf dem Weg ins Paradies durch die Hölle gehen«. Er wirbt um Verständnis für sein Land, das in Jahrzehnten einen Entwicklungsprozess durcheile, der in Europa Jahrhunderte gedauert habe.

Oran bekommt E-Mails, Anrufe und Faxe, in denen Fanatiker ihn als »Bastard« und »Verräter« beschimpfen; sie drohen: »Wir ficken deine Mutter«, und: »Dich töten wir«. In seinem Minderheitenbericht hatte Oran vorgeschlagen, anstatt des auch ethnisch definierten »Türken« lieber vom »Staatsbürger der Türkei« zu sprechen.

Unter der Anklage der »Aufwiegelung zum Hass« warf ihm der Staatsanwalt vor, mit seinen Ideen schüre er »Chaos« und bedrohe die »fundamentalen Elemente der Türkischen Republik«. Oran wehrte sich mit einer 40-seitigen »Gegen-Anklage": Das sei er auch seinen Studenten schuldig, »denen ich seit 37 Jahren beibringe, gegen antidemokratische Positionen vorzugehen«. Er obsiegte - einstweilen.

»Ich lebe in einem Land, das seine Generäle, Polizeioffiziere und Staatsmänner schon zu Lebzeiten würdigt und ehrt, seine Schriftsteller aber mit Gerichtsverfahren und Haftstrafen plagt«, sagte Orhan Pamuk vergangenes Jahr. Da hatte er seinen eigenen Prozess noch nicht lange überstanden.

Tatsächlich spiegelt die feindliche Stimmung auch das schwierige Verhältnis der Türkei zu ihren Intellektuellen wider, das tiefe Misstrauen gegen ihre Schriftsteller mit westlicher Orientierung, die das System von innen kritisieren.

»Wir werden immer als potentielle Abtrünnige, wenn nicht als Verräter angesehen. Das Land zu kritisieren ist fast gleichbedeutend damit, es zu hassen«, sagt Elif Shafak. Im Fernsehen wurde sie kürzlich gefragt: »Sagen Sie, haben Sie schon mal festgestellt, dass Sie sich in der Türkei nicht zu Hause fühlen?«

Als Pamuk im Oktober den Literaturnobelpreis erhielt, den ersten der Türkei überhaupt, hielt sich der Jubel seiner sonst so nationalstolzen Landsleute in Grenzen. Bis heute sind viele überzeugt, Pamuk habe den Preis nur bekommen, weil er den Massenmord an den Armeniern öffentlich kritisierte.

Seitdem ist Pamuk stiller geworden. »Besonders jetzt als Nobelpreisträger« wolle er sich »nicht mehr zu sehr über politischen Kleinkram auslassen«, bekannte er. Allerdings werde er manchmal wütend und könne dann seinen Mund nicht halten. Dazu gäbe es zur Zeit reichlich Anlass. ANNETTE GROßBONGARDT

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