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FERNSEHEN Du Menschentier

»Liebe mit 50«. TV-Spiel von Colin Welland. ARD. Dienstag, 17. Februar, 21 Uhr.
aus DER SPIEGEL 8/1976

Geschildert wird das Ende einer Ehe, Thema ist das alte Leid-Motiv der getrennten Wege ins Ungewisse -- nichts Neues. Doch die konventionelle Dreiecksgeschichte macht gleichwohl betroffen.

An seinem 50. Geburtstag hat es Harry Thimmel, seit 20 Jahren verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern, endgültig satt: »Ich hin für dich«, eröffnet er seiner Frau Irene, »nur noch eine schlechte Gewohnheit.« Im Bett geht nichts mehr, für ihre Wünsche findet er bloß bitteren Spott: »Das wär«, als wenn ich mit meiner eigenen Mutter. .

Bei Britta dagegen. der attraktiven Neuen. »kriegt er die Augen nicht mehr weg vom Arsch«, fühlt er »endlich wieder etwas Würde«. Mit Britta bezieht Thimmel trotz Kleinstadt-Tratsch und Kollegen-Gemotze ein mieses Hinterhofzimmer; Ehefrau Irene, um Sozialhilfe bettelnd, rackert weiter daheim. Ende offen -- Groschenroman?

Deutsche TV-Autoren verlegen derlei Zerwürfnisse am liebsten in die feine Höhenluft des Jet-Set oder in die Niederungen der Ohnsorgs. Und so, zwischen Schickeria-Studie und primitivem Klönschnack, geht das Thema mit unschöner Regelmäßigkeit über die Köpfe der meisten Zuschauer hinweg.

Der britische Erfolgsautor und Schauspieler Colin Welland hat sein 1974 dreifach preisgekröntes Spiel dort lokalisiert, wo sich seine deutschen Kollegen ungern die Finger schmutzig machen: bei Arbeiters. Thimmel ist Gesenkschmied, » Hampelmann am Hammer«, meist, wegen der vielen Ratenpflichten, auf einträglicherer Nachtschicht. Irene putzt tagsüber anderer Leute Dreck. Hier haben sich zwei auseinandergeschuftet.

Regisseur Günter Gräwert hat mit Zustimmung des Autors Sitten und Schauplatz auf ein saarländisches Reihenhaus eingedeutscht. Gelegentlich trägt er das deutsche Make-up allzu dick auf, So läßt er bei Rudolf Schocks Fernseh-Konzert Irenes Augen feucht werden; und »weil es bei uns immer schwieriger wird, Schauspieler zu finden, die glaubhaft körperlich schwer arbeitende Menschen darstellen können«, setzt Gräwert auch wieder mal die ganze Galerie Altgedienter ein, die der Bildschirm als schwielige Tagelöhner allmählich verschlissen hat. Dennoch ist die Schauspielerei achtbar; Lina Carstens, 83, derzeit im Kino als »Lina Braake« erfolgreich, gelingt eine virtuose, fast stumme Studie in der Wirtshausecke.

Neu in, neu für Deutschland: die Musik. Sie stammt von Wolf Biermann. Drei Titel zur Gitarre und ein wenig wortlose Begleitung hat der Liedermacher nach dem Drehbuch und einer Handvoll Szenenphotos in seiner Ost-Berliner Wohnung für den fertigen Film maß- und nachkomponiert -- Saiten-Hiebe auf das irdische Jammertal: »Irgendein Loch brauchen wir doch, da oder hier, du Menschentier.«

Klaus Umbach

Mit Louise Martini (Britta), Peter Schiff (Harry), Renate Grosser (Irene).

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