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THEATER / MITBESTIMMUNG Du Raubritter

aus DER SPIEGEL 46/1969

Du goldenes Kalb auf dem Bühnenpodest«, giftete ein Pamphletist im Fachblatt »Theater heute«, »du Raubritter, Ausbeuter, Fronvogt - im subventionierten Swimming-pool aalt sich deine dreckige Eitelkeit zu unser aller Erbauung.«

Der Thersites-Zorn galt einer im deutschen Kulturbetrieb respektierten Institution: dem von oft kunstfremden Gremien eingesetzten, in allen künstlerischen Entscheidungen sakrosankten Intendanten der deutschen Stadt- und Staatstheater.

Die Machtfülle dieser »Priester auf der Kanzel des Theaters« ("Theater heute") wird von jungen, linken Theaterleuten neuerdings immer häufiger als Symptom für die Strukturkrise einer überlebten Bühnen-Hierarchie angegriffen, die Schauspieler und Regisseure in ihrer Entfaltung behindert und zeitgemäße Darbietungs- und Arbeitsformen nur in Glücksfällen erlaubt. Hauptforderung dieser Rebellen: Kompetenz-Minderung der Theaterleiter zugunsten einer Mitbestimmung des gesamten Personals.

So wollen die Regisseure Dieter Reible, Claus Peymann, Peter Stein und der Dramaturg Peter Kleinschmidt, Autoren eines für Frankfurts Städtische Bühnen konzipierten Arbeitspapiers, alle Entscheidungsbefugnisse im Schauspiel einem Dreier-Direktorium übertragen - der Intendant soll lediglich die einzelnen Sparten (Oper, Schauspiel, Ballett) koordinieren (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 212).

Einen »Theaterrat, zu dem auch die bisherigen Betriebs- und Personalräte umgebildet werden können«, haben sich dagegen der Kölner Dramaturg Roland Kabelitz und drei Mitautoren eines »Mitbestimmungsstatuts zur Demokratisierung des Theaters« als Ausweg vorgestellt. Und die aus Verdruß über den »autoritären Geist des deutschen Theaters« von der Bühne abgetretenen Schauspieler Barbara Sichtermann und Jens Johler verlangen in ihren »Vorschlägen für ein neues System«, »das Theater müßte kollektiv geleitet werden« (siehe Kolumne Seite 222).

Doch alle Modell-Planer sind sich darin einig, daß die Entmachtung der Intendanten nur einen Anfang bedeuten kann. Einstimmig fordern sie Offenlegung der Gagenlisten, Mitsprache hei Intendantenwahlen, Engagements und Geldausgaben, längere Probezeiten, die Mitwirkung der Schauspieler am Regie-Konzept und Vollversammlungen, »in denen alle an allen Entscheidungen demokratisch mitwirken« (Kabelitz).

Dem Verlangen der bislang Unterprivilegierten am deutschen Theater nach so intensiver Mitverantwortung treten die Intendanten und selbst die Künstlergewerkschaft ("Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehörigen") in ungewohnter Einigkeit entgegen:

Der Frankfurter Intendant Ulrich Erfurth verwarf das Mitbestimmungsmodell als »idealistische Utopie« und akzeptierte die demonstrativ angebotenen Kündigungen seiner Mitarbeiter Reible und Kleinschmidt; auch die Genossenschaft, obschon ohne Alternativ-Vorschlag, verurteilte das Papier als »sachlich nicht überzeugend«.

Hinter dem Tendenz-Paragraphen 81 des Betriebsverfassungsgesetzes verschanzt sich Münchens Kammerspiel-Intendant August Everding, Sprecher der Intendantengruppe im Arbeitgeberverband »Deutscher Bühnenverein«, wenn von ihm kraft Amtes Mitbestimmungs-Initiative verlangt wird (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 219).

Selbst die Frankfurter Schauspieler, die wohl Entlassung durch ein Dreier-Direktorium befürchtet hatten, wandten sich mit Mehrheit gegen das angebotene Mitbestimmungsmodell. Wo Modelle nicht ausprobiert werden dürfen, übersteigt selbst bei den bisher Benachteiligten die Furcht vor Veränderungen den Mut zum Experiment.

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