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ÜBERSETZER Duell der Wale

aus DER SPIEGEL 39/2001

Schon ein harter Brocken, dieser »Moby Dick": Immer wieder sind Übersetzer an Herman Melvilles sprachmächtigem Klassiker ehrenvoll gescheitert; fast so wie im Roman der dämonische Kapitän Ahab, der Mannschaft, Schiff und sich selbst dem weißen Wal opfert. Noch jetzt, 150 Jahre nach Erscheinen des Originals, zeigt das Ungetüm seine Tücken. Denn die jetzt erscheinende, nobel ausgestattete Übersetzung des Göttinger Seefahrt-Kenners Matthias Jendis (Hanser Verlag, 68 Mark) beruht im Kern auf einer weit herberen, oft radikal wörtlichen Version, die sein Kollege Friedhelm Rathjen schon 1993 bei Hanser ablieferte. Ein langes Hickhack um Finessen folgte; Jendis durfte ändern, Rathjen protestierte, Herausgeber und Verlag stöhnten - mit dem Ergebnis, dass die 29 zentralen Kapitel von Rathjens zurückgezogener Fassung nun zeitgleich dort herauskommen, wo alles anfing: in einer weißen Sondernummer der Zeitschrift »Schreibheft« (Rigodon-Verlag, 20 Mark), deren Mitstreiter das Hansersche Melville-Projekt einst in Gang gebracht hatten. Der Wettstreit zwischen Rathjens krauser Poesie ("bezimbelt«, »Scharfsinnskräfte") und Jendis' Prosa-Gründlichkeit fällt letztlich unentschieden aus. Melville-Fans wird es freuen: Sie können aus dem öffentlichen Duell der Übersetzer ein Duett machen - zur Ehre des Original-Wals, den doch keiner zähmt.

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