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Regisseure Duelle im Schwitzkasten

aus DER SPIEGEL 6/1996

Auch mit falschen Genies läßt sich mitunter echter Rummel machen. Weit hinter den hohen Bergen jedenfalls, in der steirischen Landeshauptstadt Graz, hält sich Marc Günther, Schauspieldirektor der örtlichen Provinzbühne, allerhand auf seinen Spürsinn zugute: »Wir lassen die jungen Leute ran«, sagt der allezeit gutgelaunte Mann, »im Glücksfall kommt die halbe deutschsprachige Theaterwelt angereist - und wenn es schiefgeht, dann merkt es hier ja eh' fast keiner.«

Regisseure wie Leander Haußmann, Christoph Schlingensief und Martin Kusej haben der engen Grazer Theaterwelt in den vergangenen Jahren jede Menge Radau und ein wenig Glamour beschert; Günthers neuestes Nachwuchs-Fundstück heißt Stephan Kimmig und ist immerhin schon 36 Jahre alt.

Kimmig ist in Stuttgart aufgewachsen und hat in München ein bißchen Schauspielerei gelernt, er war kurz mal Assistent am Berliner Schiller-Theater und hat dann jahrelang im holländischen Eindhoven gelebt und gearbeitet. Derzeit inszeniert er regelmäßig in Stuttgart und neuerdings auch in Heidelberg.

Im vergangenen Oktober aber landete er beim alljährlichen »steirischen herbst«-Festival seinen ersten Grazer Coup: Nach allen Regeln der Bebilderungskunst zerlegte er einen ziemlich schauderhaften Text, den die Festival-Macher wohl in schierem Irrwitz zur Uraufführung angenommen hatten. Der Verleger des Autors drohte mit einem Prozeß (was immer gut ist fürs Geschäft), die Kritiker dagegen staunten - auch die Originalvorlage sei Schrott, dafür aber könne man hier einen höchst begabten Regisseur entdecken.

Dem Theatermacher Kimmig, der ein leiser und bedächtiger Mensch ist, scheint derlei Lob ein bißchen peinlich zu sein. Er habe keine Lust, den bildertrunkenen Wüterich zu spielen. »Statt die Zuschauer mit Effekten zuzuknallen, will ich auf der Bühne mit möglichst wenig auskommen«, sagt er und streicht sich dabei eine Strähne seines schwarzen Zottelhaars hinter den Bügel der Hornbrille, »am besten mit nichts«.

Kimmigs jüngster Streich, der am vergangenen Samstag im Grazer Schauspielhaus Premiere hatte, kommt diesem Ideal ziemlich nahe. Mehr als drei Stunden lang geistern da eine Handvoll Menschen über eine nahezu leere, von riesigen schwarzen Vorhängen begrenzte Bühne - mal zwischen unbenutzten Garderobenständern, mal um vier im Raum verstreute Bidet-Schüsseln herum.

In Sachen Action ist der Theaterabend ein glatter Ausfall; einmal klatscht eine Ohrfeige, ein andermal schmatzt ein Kuß. Dafür geht es in den Dialogen um die allertiefsten, allerhöchsten Fragen: Um die Wahrheit der Empfindungen zum Beispiel, um die Unmöglichkeit der Liebe oder um die wahrhaft revolutionäre Erkenntnis, daß man »falsch singen kann mit echtem Gefühl«. Warum also »soll nicht jemand mit falschen Gefühlen echt fühlen?«

Es ist Robert Musils 1921 veröffentlichtes und lange als unspielbar berüchtigtes Erstlingsdrama »Die Schwärmer«, das sich Kimmig da ausgesucht hat; zwei Frauen und zwei Männer, allesamt zwischen 28 und 35, stochern darin mit vielen schönen Worten nach Fragmenten einer Sprache der Liebe.

Der Kritiker Alfred Kerr schmähte den Text als »Klimakterium, worin sich die Leute pausenlos zerfasern«. Für den Regisseur Kimmig aber gibt es kein Stück, das treffender von den Nöten der heute 30jährigen erzählt: »Irgendein Karriereanfang ist geschafft, das war einfach. Aber plötzlich ist der Punkt da, wo keiner weiter weiß, und so hängen sie verloren in der Luft herum.«

Solche Sätze hören sich erst mal gut an, zumal die »Schwärmer« seit Anfang der achtziger Jahre ohnehin ein kaum mehr heimliches Lieblingsstück vieler Theaterleute sind: Damals inszenierten Erwin Axer und Hans Neuenfels das Stück in Wien und Berlin - mal als Edelboulevard, auf dem Erika Pluhar schmachten durfte, mal als Tobsuchts-Exzeß und großen Monsterauftritt für Neuenfels-Gattin Elisabeth Trissenaar.

In Graz aber ist eine scheinbar beiläufige, dabei wundersam konzentrierte Aufführung zu bestaunen, in der jedem Satz unerbittlich nachgeforscht wird. Die Grundkonstellation selbst, die ein sehr gewöhnliches Ehe-Doppeldrama abbildet, interessiert Kimmig kaum: Gut, da ist der Biologieprofessor Thomas, der gemeinsam mit seiner »dunklen, schweren« Ehefrau Maria in seinem Landhaus zwei Flüchtlinge aufnimmt - die ebenso rätsel- wie flatterhafte Regine ist gerade ihrem zweiten und um einiges älteren Gatten entwischt, nachdem sie Ehemann Nummer eins in den Suizid getrieben hat; in ihrem Schlepptau ölt sich der Filou Anselm durch den Salon, der schnell auf Maria umschwenkt, weil ihn Regine schon wieder anödet.

Moralische Schuld oder das ewige Hadern um Treue und Verrat aber werden hier nicht verhandelt. Es geht allein um die Rigorosität der Gefühle: Die Worte werfen schnell lyrische Blasen bei Musil, wenn vom »Tropfen Dummheit« die Rede ist, ohne den man nicht lieben könne, oder von einer Aufrichtigkeit, »die wie ein kleines Tier in dir herumschlüpft«.

In Kimmigs klug gekürzter Version ist von der Deliriumshitze dieser Versuchsanordnung nichts zu spüren. Statt dessen sprechen die vier Helden, als staunten sie selbst über die Merksätze und sogleich wieder verworfenen Thesen, die ihnen in ihrer Wahrheitssucht über die Lippen kommen. Im Grunde läßt schon Musil alle möglichen Einwände gegen seine Figuren diese selbst formulieren: den Ekel vor der Aphorismen-Verliebtheit dieser Innerlichkeitsvirtuosen, vor dieser »entsetzlichen Sinnlichkeit« und vor den »Wahnideen«, die sie umtreiben.

In Graz bekommt keiner von ihnen recht: nicht der »Verstandesmensch« Thomas und die zunächst nur dumpf-sinnliche, später aber zu pragmatischer Geistesklarheit erwachende Maria, nicht der Luftikus Anselm und schon gar nicht die lasziv irrlichternde Regine; wenngleich Kimmig für diese Rolle mit der jungen Schauspielerin Dascha Poisel die schönsten Erfindungen gelingen: Die magnetische Kraft, die sie auf die Männer ausübt, ist dieser Frau selber unheimlich, und wenn sie über den mattglänzenden Bühnenboden stelzt, als balanciere sie auf einem Schwebebalken, dann sieht man ihren koketten, schmalgliedrigen Bewegungen die Furcht vor dem Absturz bereits an - ist ihr Zauber erloschen, bleibt ihr nur das Alleinsein oder der, naturgemäß lächerliche, Suizid.

Kimmig, der als eines seiner Vorbilder Klaus Michael Grüber nennt, vermeidet jeden Ausbruch. Er läßt seine Schauspieler den Text nicht illustrieren, sondern zeigt lauter Liebesduelle im Schwitzkasten. Der Zwang zur Nähe und zum Geständnis, zum fortwährenden Ahnen und Raunen, macht die Liebenden mitunter schwer erträglich, und doch verleiht gerade die entschlossene Reduktion ihrem Kampf eine sanft-heroische Größe.

Am Ende, im dritten Akt, liegen Thomas (Jörg Lichtenstein) und Regine ermattet von der Schlacht auf dem Boden. In Decken und Teppiche gehüllt, an zwei gegenüberliegende Wände gelehnt, starren sie einander an. Ihre Verzweiflung ist nicht aufrichtiger als ihre Euphorie, und genau das ist ihr Elend und ihre wichtigste Erkenntnis: »Man nimmt etwas nicht ernst und lebt es«, heißt es einmal im Stück - so wird aus Musils Ideal vom »hypothetischen Leben« ein Leben mit Prothesen.

Wolfgang Höbel

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