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HERZ Dünnes Blut

aus DER SPIEGEL 31/1960

Blut-Spezialisten aus fünf Ländern, die sich unlängst in Hamburg zu einem »Symposion über Blutgerinnung« versammelten, haben herzlabilen Patienten neue Überlebens-Chancen eröffnet. Voraussetzung: Die vom Herzinfarkt bedrohten Männer und Frauen müssen die gleichen Unbequemlichkeiten wie Diabetiker auf sich nehmen. Wie Zuckerkranke sollen Infarktgefährdete künftig in genauer Dosierung Tabletten einnehmen und regelmäßig ihr Blut kontrollieren lassen.

Die Verheißungen der Ärzte stützen sich auf klinische Erfahrungen mit Medikamenten, die das Gerinnen des Blutes erschweren. Vom Herzinfarkt bedroht sind nämlich vor allem Menschen, deren Blut besonders leicht gerinnt. Bildet sich ein Pfropf aus verklumpten Blutkörperchen in den Herzkranzarterien, die den Herzmuskel mit Blut versorgen, wird ein Teil der Herzmuskulatur von der Blutzufuhr abgeschnitten und stirbt ab. Ein Herzinfarkt ist entstanden.

Zwar sind den Ärzten seit Jahrzehnten Medikamente bekannt, die das Blut weniger leicht gerinnen lassen (Antikoagulantien), aber erst 1937 wagte der Stockholmer Chirurg Clarence Crafoord ein gerinnungshemmendes Mittel zur Verhütung einer Gefäßverstopfung anzuwenden. Crafoord spritzte mehreren Patienten nach der Operation ein Antigerinnungsmittel (Heparin) ein, das aus tierischen Organen gewonnen wird.

Aufgrund statistischer Überlegungen konnte Crafoord annehmen, daß seine vorbeugende Behandlung eine Reihe von Patienten vor dem Exitus durch Lungen-Embolie (Verstopfung der Lungen-Venen) bewahrt hatte.

Indes: Es vergingen nochmals mehr als zehn Jahre, bevor die Chirurgen Professor Crafoords Pioniermethode als Routineverfahren anwenden konnten. 1948 begann die Universitäts-Frauenklinik Hamburg als erstes Krankenhaus der Welt, Antigerinnungsspritzen regelmäßig zu verabfolgen. Heute gehört diese Prozedur zu den Standardmethoden in allen Operationssälen. »Seit wir die Antigerinnungsmittel benutzen«, erklärte der Hamburger Blut-Experte Dr. Thies, »haben wir von den behandelten Patienten keinen mehr durch Embolie verloren.«

Die Tatsache, daß sowohl die Embolie als auch der Herzinfarkt durch denselben Verstopfungseffekt ausgelöst werden, verlockte die Spezialisten, Antigerinnungsmittel auch bei Herzinfarkten zu verordnen. Der nächste Schritt ergab sich von selbst. Da Patienten, die bereits einen Herzinfarkt überstanden haben, besonders anfällig für ähnliche Attacken sind, mußte die Behandlung mit gerinnungshemmenden Stoffen als rettende Prophylaxe erscheinen: Die Ärzte gingen dazu über, den Antigerinnungsstoff Kumarin als Vorbeugungsmittel zu verabreichen. Im Gegensatz zum Heparin, das in die Blutbahn gespritzt werden muß, kann Kumarin zu Tabletten verarbeitet und eingenommen werden.

Der Dauergebrauch des gerinnungshemmenden Medikaments erfordert allerdings strenge Kontrolle; denn der Einfluß des Kumarins wirkt sich wie eine milde Form der Bluter-Krankheit aus. Eine Überdosis des Mittels kann also für den Patienten fatale Folgen haben.

Als Musterbeispiel für die Gefährlichkeit des Kumarins gilt ein Unglücksfall, der sich 1922 ereignete. Damals verendete in Kanada eine Herde von Rindern, nachdem sie verdorbenes Süßkleeheu, gefressen hatte, an unstillbaren inneren Blutungen. 19 Jahre blieb der Tod der Tiere rätselhaft. Erst 1941 entdeckten die amerikanischen Forscher Link und Campbell, daß sich in faulendem Kleeheu Kumarin bildet.

Freilich hatten die Mediziner schon frühzeitig erkennen müssen, daß sich die Dauerzufuhr von Kumarin nicht so einfach regeln läßt wie der Arzneikonsum der Zuckerkranken. Im Gegensatz zu Diabetikern, die der Arzt jeweils für längere Zeit auf eine bestimmte Medikament-Dosis »einstellen« kann, müssen sich Infarktverdächtige mindestens jede Woche einem Blutgerinnungstest unterziehen. Aufgrund der Testergebnisse kann der Arzt dann die Kumarin-Dosis für die nächsten Tage bestimmen.

Angesichts solcher Schwierigkeiten schreckten die Mediziner vielerorts davor zurück, die Kumarin-Behandlung einzuführen. In einigen großen Behandlungszentren jedoch wurde die Methode ständig verfeinert. Die umfangreichsten Erfahrungen sammelten norwegische Ärzte. In Oslo wurde eigens ein Institut zur Erforschung von Thrombose, Embolie und Herzinfarkt gegründet, das auf die Untersuchung des Blutes infarktbedrohter Patienten spezialisiert ist.

»Ohne vorbeugende Behandlung erliegen 75 Prozent derjenigen, die einen Herzinfarkt überstanden haben, innerhalb von fünf bis zehn Jahren einem zweiten Infarkt«, konstatierte der Direktor des Osloer Instituts, Professor Paul Owren, in Hamburg. »Bei ständiger Prophylaxe mit Kumarin jedoch sterben nach unseren Erfahrungen in diesem Zeitraum nur 25 Prozent durch Herzinfarkt.«

Über frappierend gute Ergebnisse konnten auch Hamburger Mediziner berichten: Unter Aufsicht von Ärzten der Chirurgischen Universitätsklinik schlucken etwa 60 Patienten seit Jahren regelmäßig Anti-Infarkt-Tabletten. Keiner von ihnen starb am Herzinfarkt.

Zu den Patienten, die den Blutforschern Erfahrungen über die Dauerbehandlung mit Kumarin lieferten, gehört auch der amerikanische Präsident Eisenhower. Nach dem Herzinfarkt des Präsidenten im Herbst 1955 hatte sich sein Leibarzt, der Bostoner Herzspezialist Paul Dudley White, entschlossen, das Blut seines Schützlings dünnflüssig zu halten. Seitdem schluckt Ike regelmäßig Kumarin-Tabletten.

Mediziner Crafoord

Tabletten gegen Herzinfarkt

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