Zur Ausgabe
Artikel 70 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Raumfahrt Dunkle Mitte

Die Raumfahrt entdeckt wieder die Erde: Der jüngste US-Satellit soll Bodenschätze, Ernteaussichten und Umweitschäden ausspähen.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Wenn man einen Dollar in die Raumfahrt hineinsteckt«. so kalkulierte einst Raketenpionier Wernher von Braun, »kommen zwei wieder heraus.« Mit dieser Rendite will sich die Nasa fortan nicht mehr zufriedengeben

Nicht das Doppelte, sondern ein Vielfaches der Investitionskosten soll nach den Vorstellungen der Nasa-Ökonomen bei den jüngsten amerikanischen Raumfahrt-Unternehmen wieder herausspringen -- Exkursionen in den erdnahen Weltraum. die der Beobachtung und Erforschung des Planeten aus großer Höhe dienen.

Rund ein Jahrzehnt nach dem Aufbruch ins All haben sich Amerikas Raumforscher nun den Problemen auf ihrem Heimatgestirn zugewandt. Am vorletzten Sonntag schickten sie einen ersten Raumspäher aus. der die Entwicklung des Wetters und der Umweltverschmutzung oder die Verbreitung von Schädlingen auf der Erde erkunden 011. Jeder Dollar für das Projekt. so rechnen Agrar-Experten. werde allein der Landwirtschaft »für fünf Dollar Nutzen« einbringen -- insgesamt 45 Milliarden Dollar während der nächsten zwei Jahrzehnte.

Der erste Sendbote der neuen amerikanischen Raumfahrt-Etappe. der 920 Kilogramm schwere Umwelt-Satellit »ERTS-A"**. umkreist die Erde auf einer polnahen Bahn vierzehnmal an jedem Tag. Für täglich 78 Minuten werden per Funk die Kameras des außerirdischen Beobachters eingeschaltet; dann klicken die Auslöser, 890 Kilometer über der Erde.

Die Aufnahmen der »ERTS«-Kameras, die zunächst auf Magnetband gespeichert und später von vier Bodenstationen abgerufen werden können. sollen den Wissenschaftlern vor allem helfen.

bislang noch nicht entdeckte Rohstofflager aufzufinden.

* Dürreperioden. Oberschwemmungen oder Vulkanausbrüche vorauszusagen,

* Klima- und Landschaftsveränderungen zu erkennen, die durch Umweltverschmutzung ausgelöst werden.

Etwa ein Jahr wird der »ERTS-A«-Satellit. den Ingenieure des US-Elektrokonzerns General Electric für 54 Millionen Dollar gebaut haben, funktionstüchtig bleiben. In dieser Zeit soll er wöchentlich 9000 Funkbilder zur Erde senden -- jedes Photo enthält das Abbild einer Erdregion, die rund 34 000 Quadratkilometer umfaßt.

Insgesamt 305 verschiedene Experimente, vorbereitet von Wissenschaftlern aus 35 Ländern, wird »ERTS-A« im Verlauf seiner Mission ausführen. Technische Herzstücke des Satelliten sind zwei sogenannte Multispektral-Sensoren, die Aufnahmen in verschiedenen Bereichen des Lichtspektrums machen können. sowie vier Spezial-Fernseh-

* In einer Weltraum-Testkammer bei General Electric.

** ERTS Earth Resources Technology Satellite; zu deutsch etwa: Forschungssatellit zur Erkundung der irdischen Umwelt und Rohstoffquellen.

kameras, die jeweils im grünen, roten und infraroten Spektralbereich photographieren. Trotz ihrer großen Entfernung von der Erde liefern die Kameras so scharfe Bilder, daß die Forscher noch Objekte von der Größe eines Fußballfelds ausmachen können.

Bei der Entwicklung des Lichtbild-Satelliten, dem in 16 Monaten ein weiterer »ERTS«-Beobachter folgen soll, nutzten die Wissenschaftler die Erkenntnis. daß alle Objekte auf der Erdoberfläche -- Seen, Wälder, Küsten oder Gebirge -- das einfallende Sonnenlicht in jeweils charakteristischer Zusammensetzung zurückstrahlen. Dabei reflektieren beispielsweise Baumwollfelder, die von Schädlingen befallen sind, die Lichtstrahlen in anderer Mischung als die gesunden Pflanzen. Auf den Spektralaufnahmen des Satelliten werden die Unterschiede sichtbar.

Da die Umlaufbahn des »ERTS«-Spähers so bemessen ist. daß er alle 18 Tage exakt zur selben Tageszeit (um 9.30 Uhr vormittags) den gleichen Landstrich überfliegt, können die forscher beim Vergleichen der Satelliten-Photos erkennen, ob sich etwa der Schädlingsbefall ausgedehnt hat oder ob inzwischen getroffene Gegenmaß nahmen erfolgreich waren.

Oberdies erhoffen sich die Wissenschaftler ähnlich exakte Erkenntnisse über Ausmaß und Ursache der Verschmutzung von Meeren, Seen und Häfen, über den Forstbestand in verschiedenen Ländern, über die Wanderbewegung von Sandbänken oder die Entstehung und Ausbreitung von Schneedecken und Eisbergen.

Anhand von »ERTS« -Photoserien wollen US-Forscher die Dunstglocke über Los Angeles analysieren. Indische Wissenschaftler suchen auf den Bildern nach Anzeichen für verborgene Bodenschätze. die Japaner studieren darauf den Weg der Monsunwolken. und saudiarabische Forscher möchten schließlich jene Gebiete in ihrer Heimat ausmachen. in denen sich die Heuschreckenschwärme vorzugsweise sammeln und vermehren.

Eine amerikanische Forschergruppe möchte mit »ERTS«-Hilfe sogar den heimischen Haschisch-Handel bekämpfen: Die Wissenschaftler haben im Süden der USA eigens drei Marihuana-Felder angepflanzt, um herauszufinden. ob Hasch-Anbaugebiete von dem Raumspäher aufgespürt werden können.

Gleichsam um den Beginn eines neuen Abschnitts in der Raumfahrtgeschichte zu markieren, bietet das amerikanische Innenministerium neuerdings einen Photo-Service an: Für 26 Millionen Dollar haben die Raumfahrt-Manager in Goddard Space Flight Center in Greenbelt (US-Staat Maryland) ein riesiges Photolabor eingerichtet. Dort können wöchentlich 250 000 Negative und Photoabzüge entwickelt werden -käuflich für jedermann zum Stückpreis von 1.25 Dollar,

Aufnahmen aus dem Reich der Mitte sind jedoch nicht erhältlich. Die rotchinesischen Wissenschaftler haben bislang kein Interesse an »ERTS«-Photos bekundet. Wenn der Satellit China passiert, werden deshalb -- so heißt es die Kameras ausgeschaltet.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 70 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.