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MASSENHYSTERIE Dunkler Zauber

aus DER SPIEGEL 47/1965

Die Epidemie begann nach einem abendlichen Chorsingen in der Methodisten-Kirche der amerikanischen Kleinstadt Welsh (US-Staat Louisiana). Eine der Sängerinnen, ein 13jähriges Negermädchen, erlitt einen Schwindelanfall und wurde bewußtlos. Erst Stunden später kam das Mädchen wieder zu sich.

Tags darauf erkrankte eine ihrer Schulfreundinnen unter den gleichen Anzeichen. Sie mußte vier Wochen der Schule fernbleiben, weil sich diese Anfälle täglich wiederholten. Sechs Wochen nach Beginn der Seuche war die Zahl der Erkrankten auf 22 angestiegen. Bei allen Patienten ähnelten sich die Symptome: Angstgefühle, Atemnot, flatternde Augenlider, Kopf- und Bauchschmerzen, Schwindelanfälle und ein Zittern, ähnlich einem epileptischen Anfall.

Alle Versuche, dem seltsamen Leiden mit ärztlicher Kunst beizukommen, schlugen fehl. Die staatlichen Gesundheitsbehörden wurden alarmiert. Erste Vermutung der Epidemiologen: eine geheimnisvolle Infektionskrankheit. Aber es gab keinen Erreger. Ebensowenig bestätigte sich der Verdacht, die Anfälle seien Folge übermäßigen Rauschgiftgenusses. Die Kranken selber wußten nur die Auskunft zu erteilen, sie seien »Opfer eines dunklen Zaubers«.

Die Mediziner waren entschlossen, das Geheimnis zu entzaubern. Unter der Leitung von Professor James A. Knight von der Tulane-Universität in New Orleans rückte ein Team von Neurologen und Psychiatern an. Die Seuchenopfer - und eine gleich große Kontrollgruppe gesunder Mitschüler - wurden abermals untersucht. Die Ärzte maßen Hirnströme, prüften Rückenmarksflüssigkeit und unterwarfen die Schülerinnen einer Reihe von Psycho-Tests. Im »American Journal of Public Health«, dem offiziellen Organ der amerikanischen Gesundheitsbehörde, veröffentlichten jetzt Professor Knight und seine Mitarbeiter die verblüffenden Befunde ihrer Untersuchung: Die Schulmädchen von Welsh waren von einer Seuche ohne Erreger befallen worden - von epidemischer Hysterie (Massenhysterie). Wurzel der Seelenverwirrung: Sexual -Bedrängnis.

Harmlosere Ausbrüche ansteckender Seelen-Entrückung konstatieren die Psychologen bei Massenveranstaltungen allenthalben, bei Reichsparteitagen ebenso wie bei Fußball-Orgien und Beatle-Sessions. Doch nur in seltenen Fällen haben die Mediziner während der letzten Jahrzehnte eine hysterische Epidemie beobachten können, wie sie im Mittelalter ganze Stadtgemeinden heimsuchte - und deren Bewohner beispielsweise in manischer Tanzwut auf die Straßen trieb - und wie sie sich Anfang 1962 in Louisiana zutrug.

Jahrhundertelang galt Hysterie als spezifisches Frauenleiden. Der Name der Krankheit geht auf das griechische Wort für Gebärmutter ("hystera") zurück: Der Altmeister der Medizin, Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.), hatte die Auffassung vertreten, daß dieses Organ Ursprungsort des Leidens sei. Bei Frauen mit zu spärlicher sexueller Aktivität, so mutmaßte der Grieche, beginne die Gebärmutter zu schrumpfen und den Körper zu durchwandern; dabei könne sie dann der Atemluft den Weg versperren oder sich auf die Leber oder andere Organe legen und so die mannigfachen Beschwerden Hysterie -Kranker verursachen.

Auch im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit verharrten die Mediziner in dem Glauben, die Hysterie sei ein organisches Leiden, dessen Ursprung in einer Erkrankung des weiblichen Genitalorgans zu suchen sei. Noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts versuchte ein deutscher Arzt namens Alfred Hegar, schwere Hysterie durch operative Entfernung der Eierstöcke zu kurieren.

Doch um jene Zeit setzte sich eine neue Deutung des seltsamen Leidens durch. Ausgehend von den Forschungen seines Lehrers Jean-Martin Charcot (1825 bis 1893), identifizierte Sigmund Freud die Hysterie als eine Krankheit, der nicht körperliche, sondern psychische Störungen, fast immer aus dem sexuellen Bereich, zugrunde liegen.

Die Sex-Antriebe, so analysierte Freud, geraten in Konflikt mit den Verboten der Gesellschaft. Der Patient verdrängt seine Begierden, aber die machtvollen Seelen-Triebkräfte brechen sich

- dem Betroffenen unbewußt und gegen seinen Willen - wieder Bahn: Mit physischen Krankheitssymptomen, bis hin zu Lähmungserscheinungen, Krämpfen und Gedächtnisschwund, signalisiert er seiner Umwelt den Konflikt.

Folgerichtig war während des Mittelalters, das weithin unter dem Zeichen einer vom Christentum betriebenen Verteufelung des Sexuellen stand, die Hysterie eine verbreitete Zeiterscheinung. Erstaunliches berichtet beispielsweise der Berliner Arzt und Veitstanz -Historiker Justus Friedrich Karl Hecker (1795 bis 1850) aus einem Kloster des 15. Jahrhunderts: Eine der Nonnen begann plötzlich »zu miauen wie eine Katze«, und alle anderen Nonnen schlossen sich alsbald der seltsamen Kundgebung an. In einem anderen Nonnenkloster, so Hecker, brach Schlimmeres aus: Die Nonnen bissen einander, und »wie ein Waldbrand« verbreitete sich die Beiß-Manie über deutsche Klöster.

Ein Konflikt zwischen klösterlichem Regiment und sexuellem Streben war es auch, was Psychiater Knight und seine Mitarbeiter zutage förderten, als sie den Ursachen der Massenhysterie an der Negerschule in Welsh nachspürten.

Zwei Jahre vor dem Ausbruch der Epidemie waren ein Junge und ein Mädchen von der Schule verwiesen worden. Das Mädchen war schwanger, der Junge galt als mutmaßlicher Vater; beide wurden in ein staatliches Erziehungsheim eingewiesen.

Anfang 1962 verbreitete sich in der Schule das Gerücht, alle Mädchen müßten sich einem Schwangerschaftstest unterziehen, weil wiederum zwei von ihnen ein Kind erwarteten. Dieses Gerücht, verbunden mit der Drohung, ins Erziehungsheim geschickt zu werden, rief unter den Schülern Angst hervor.

Nicht ohne Grund; denn kurz zuvor hatte eine Untersuchungskommission begonnen, Ermittlungen über die sexuellen Beziehungen der Schüler untereinander anzustellen. Eile Rechercheure kamen zu einem stattlichen Ergebnis: Eines der Mädchen war schwanger, eine andere 14jährige Schülerin hatte mit mehr als dreißig Jungen verkehrt. In einigen Fällen hatten sich die Begegnungen sogar in der Schule zugetragen: in der Dunkelkammer des Photolabors.

Die Schulleitung verhängte harte Strafen. Wiederum wurden vier Schüler in die Erziehungsanstalt eingewiesen. Schließlich wurde zumindest für einige der Jugendlichen (Durchschnittsalter: 14 Jahre) die Spannung zwischen den eigenen Trieben und der Strafandrohung der Erwachsenen so unerträglich, daß sie hysterisch reagierten. Die Krankheit war eine Flucht aus dem Konflikt, aber zugleich auch eine Art von demonstrativem Protest: Bezeichnenderweise häuften sich die Anfälle, sobald die Jugendlichen in der Schule von den Ärzteteams beobachtet wurden,

Nur selten vermögen die Wissenschaftler den psychologischen Hintergrund einer Massenhysterie so deutlich aufzuhellen wie bei, den Schulmädchen in Louisiana - dort klang die Epidemie prompt wieder ab, nachdem der strafende Schulleiter von einem verständnisvolleren, modernen Sex-Gebräuchen aufgeschlosseneren Pädagogen abgelöst worden war.

Weitgehend ungeklärt blieb demgegenüber eine Erkrankungswelle, die Mitte letzten Monats Englands Eltern schreckte. Sie begann an der St.-Hilda-Schule in Blackburn, 30 Kilometer nordöstlich der Beatle-Heimat Liverpool. Bei einer Durchreise der Prinzessin Margaret sanken wartende Teens reihenweise hin, mit Heulen und Zähneklappern, Bauchgrimmen und sogar Anzeichen von Lähmung - neun mußten ins Krankenhaus.

Über eine Woche lang rätselten die Ärzte. Ein »Virus X« wurde verdächtigt, sodann eine seltene, als »epidemisches Erbrechen« bekannte Krankheit. Doch schließlich einigten sich Englands Mediziner auf die Diagnose Massenhysterie. Kommentar der Londoner »Times": »In unserer Zeit des wissenschaftlichen Materialismus grenzt das an Majestätsbeleidigung.«

Tatsächlich hat sich offenbar die Seelenseuche zumindest in einem Punkt gegenüber ihrer mittelalterlichen Erscheinungsform nicht gewandelt: Die Opfer sind fast ausnahmslos weiblich. In Louisiana war unter den 22 Hysterie-Kranken nur ein Junge. In England forderte die Seuche in acht Städten über tausend Opfer - alle waren Mädchen.

Hysterische Veitstänzer im Mittelalter: Aus sexueller Bedrängnis ...

... Flucht in die Krankheit: Hysterische Beatle-Fans

Britische Hysterie-Meldung*

Mehr als tausend Mädchen ...

Hysterie-Forscher Knight

... erkrankten an der Seelenseuche

* Schlagzeile im »Sunday Mirror« vom 17. Oktober 1965.

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