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GARGALLO Durchsichtige Gestalten

aus DER SPIEGEL 51/1966

Der Künstler war Metallarbeiter: Mit 30 bog und schlitzte er Kupferfolien, wenig später behämmerte er dünne Eisenplatten, als 47jähriger lernte er autogenes Schweißen.

Die raffinierten Techniken, mit denen der spanische Bildhauer Pablo Gargallo sein Material zu bizarren Gestalten formte, trugen ihm weltweite Anerkennung ein. Kunsthistoriker wie der Düsseldorfer Professor Eduard Trier sehen in Gargallo einen »Wegbereiter der modernen Plastik«; bedeutende Museen - darunter das New Yorker Metropolitan Museum und das Pariser Musée National d'Art Moderne - kauften Gar allo-Werke an; große Ausstellungen machten den Bildhauer schon vor Jahrzehnten in Frankreich, Spanien und Amerika bekannt.

Doch erst jetzt, 32 Jahre nach Gargallos Tod, wird das Oeuvre des Künstlers auch in Deutschland ausgestellt - vorn Duisburger Wilhelm-Lehmbruck -Museum. Museumsdirektor Gerhard Händler, auf moderne Plastik spezialisiert, hat vornehmlich Werke aus dem Besitz der Gargallo-Tochter Pierette ausgeliehen und die wertvollsten Stücke bis zu 160 000 Mark versichert. Er zeigt gegenwärtig - zusammen mit 65 Zeichnungen - 80 Skulpturen, die der »Protagonist der Schmiedekunst« (Händler) von 1900 bis 1934 angefertigt hat.

Schmied Gargallo freilich war nicht immer Schmied. Von seinen Anfängen - in Duisburg durch einen eher süßlichen »Kleinen Mädchenakt« aus Marmor vertreten - bis zum Lebensende arbeitete er immer wieder auch in den herkömmlichen Werkstoffen Stein und Terrakotta: rustikale Frauenleiber im Geschmack Aristide Maillols oder realistische Porträtbüsten.

Berühmtestes Porträtmodell des 1881 im aragonischen Dorf Maella geborenen Gargallo war sein Landsmann und Altersgenosse Pablo Picasso, mit dem er schon 1901 in Barcelona eine Werkstatt und dann wieder 1906 in Paris, sein Atelier im Haus »Bateau Lavoir« teilte. Pablo meißelte Pablos Kopf aus Stein (als Kapitell für ein Theater in Barcelona) und brannte ihn später, 1913, noch einmal in Ton.

Durch den Atelierfreund lernte Gargallo weitere Künstler und Literaten vom Montmartre wie Juan Gris, Amedeo Modigliani, Max Jacob und Guillaume Apollinaire kennen - ein Zirkel, der ihn zu persönlichen, neuartigen Erfindungen anregte: Der Bildhauer suchte eigenwilligere Formen und ein ungewohntes Material. 1911 begann er zu schmieden und zu löten.

Gargallos erste Metallarbeiten waren groteske Masken aus gebogenen Kupfer - oder Eisenfolien. Augen und Münder wurden ausgeschnitten oder aufmontiert, dünne Metallstreifen zu Locken gekräuselt.

Daß sich in der gleichen Technik auch ein weiblicher Körper darstellen ließ, bewies der Spanier - wegen des Krieges vorübergehend nach Barcelona zurückgekehrt, wo er eine Professur annahm - im Jahre 1915: Er schmiedete einen »Kleinen Frauentorso« mit vorgewölbtem Bauch und ausgeschnittenen Brustkonturen.

Andere Form-Möglichkeiten erprobte Gargallo in den folgenden Jahren:

- Er setzte kubistische Figuren aus einzelnen Konkavformen ("en creux") zusammen - Figuren, die zwar Im traditionellen Bronzegußverfahren hergestellt wurden, die aber wie ge - hämmert wirkten ("Liegende Frau«, 1923).

- Er montierte silhouettenhafte Metallprofile in Scherenschnitt-Manier-vor Hohlräumen und glatten Flächen ("Selbstbildnis«, 1927).

- Er baute aus gewölbten Platten und aus skelettartigen Teilen große, teilweise durchsichtige Gestalten wie

den 2,35 Meter hohen .Propheten' (Gipsmodell 1933).

Seine Experimentierlust verband Gargallo, der bei aller Formvereinfachung doch niemals abstrakt arbeitete, mit einem noch kühneren eisenverarbeitenden Künstler aus Spanien - mit Julio Gonzales, den er 1927 überreden konnte, die Malerei zugunsten der Bildhauerei aufzugeben.

Für den guten Rat revanchierte sich Gonzales mit praktischer Belehrung: Er unterwies den Kollegen in der Schweiß-Technik, die er als Renault-Arbeiter erlernt hatte.

Schweißend, schmiedend, lötend wirkte Gargallo als Pionier. »Damit«, sagt Gargallo-Aussteller Händler, »hat er Schule gemacht. Heute sehen fast alle Bildhauerateliers wie Schlosserwerkstätten aus.«

Bildhauer Gargallo im Atelier: Noch süßen Marmormädchen ...

... Unterricht im Schweißen: Gargallo-Skulpturen »Kleiner Frauentorso«, »Harlekin«

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