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FLUGZEUGE Echo verschluckt

Über den hochgeheimen amerikanischen »Stealth«-Bomber wurde in Washington bekannt: Das gegen Radar-Suchstrahlen immune Tarnflugzeug hat die Form einer »fliegenden Tragfläche«. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Als sei ein riesiger Jet im Flug zerborsten und als halte nur mehr eine Laune der Natur die Tragflächen in der Luft, so fluchte das bumerangähnliche Gebilde im Oktober 1947 über die kalifornische Mojawe-Wüste: ein Flugzeug ohne Rumpf, ohne Schwanz und Nase.

»Flying Wing«, fliegende Tragfläche, hatte Konstrukteur John Knudsen Northrop damals den Bomber-Prototyp »YB-49« getauft. Das urzeitlich anmutende Flügelmonster mit 52 Meter Spannweite war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von der Northrop Corporation in Los Angeles entwickelt und getestet worden: ein achtstrahliger Jet von - verglichen mit Rumpfflugzeugen - kostengünstiger Bauweise und idealer Aerodynamik. Zur Serienfertigung kam es allerdings nicht - die amerikanische Luftwaffe killte »Jack« Northrops Lieblingskino wegen zu geringer Reichweite.

Nun erwacht der Flug-Zombie zu neuem Leben. Amerikas hochgeheimer Tarnbomber ("Stealth Bomber"), so enthüllte der amerikanische Senator Barry Goldwater, Vorsitzender des US-Verteidigungsausschusses im US-Senat, sieht aus wie eine »Flying Wing«.

Seit zehn Jahren tüfteln Northrop-Ingenieure im Auftrag des Pentagon an dem geheimnisumwitterten Stealth-Projekt. Die ersten von insgesamt etwa 100 Geisterbombern, so ließ die Air Force jüngst verlauten, sollen bereits 1991 in die Staffeln der US-Luftwaffe einrücken - als Fernbomber, gegen die alle herkömmlichen Abwehrwaffen nichts ausrichten können.

Wie unter einer Tarnkappe sollen Stealth-Bomber tief in die Sowjet-Union einfliegen können, unsichtbar für die Radarantennen der sowjetischen Luftabwehr: Auf den Bildschirmen der östlichen Luftverteidiger bleibt alles stumm und ruhig, weil die Tarnbomber kein Radar-Echo zurückwerfen.

Bis heute unterliegt das Stealth-Programm strikter Geheimhaltung, sogar die Entwicklungskosten für den Geisterflieger werden in anderen Rüstungsprogrammen versteckt. Dennoch sind die wichtigsten technischen Tricks bekannt die der Tarnung gegen Radarstrahlen dienen. Von einer Kombination technischer Finessen beim Stealth-Bomber berichtete das Fachblatt »Aviation Week & Space Technology": *___Spitzwinklige Konfigurationen, an denen sich ____Radarstrahlen gut brechen würden - dazu zählen ____Übergänge zwischen Tragflächen und Rumpf, das Leitwerk ____sowie die Lufteinlässe der Triebwerke -, werden bei der ____Konstruktion vermieden. *___Blanke Metallflächen, die den Radar-Suchstrahl intensiv ____zurückwerfen, werden mit Kunststoffen, etwa ____Kohlenfaserstoffen, beschichtet, das Radar-Echo wird so ____geschwächt. *___Die Wärmeabstrahlung der Triebwerke, die normalerweise ____die Erfassung des anfliegenden Bombers mittels ____Infrarot-Sensoren erlaubt, wird durch technische ____Kunstgriffe vermindert, zum Beispiel durch Isolierung ____der Triebwerke mittels luftdurchströmter Verkleidungen. *___Trickreiche Elektronik soll zudem die gegnerische ____Luftabwehr narren; so können auf Radarschirmen Ziele ____vorgegaukelt werden, die tatsächlich nicht existieren.

All das soll nun mit der »Wing«, der fliegenden Tragfläche, verwirklicht werden - gleichsam dem Inbegriff der reinen Aerodynamik.

Bereits 1910 hatte der deutsche Ingenieur Hugo Junkers ein Patent für ein »Nurflügelflugzeug« angemeldet. Doch für Jahrzehnte erhoben sich allenfalls skurril anmutende Segel- und Leichtflugzeug-Konstruktionen als Nurflügler in den Himmel. Junkers selbst baute 1928 mit der »G 38« einen Zwitter: Sein Passagierflugzeug von 44 Meter Spannweite und 23 Tonnen Fluggewicht hatte nur noch einen Stummelrumpf mit Kastenleitwerk, aber gewaltigen Tragflächen, in denen vier Motoren sowie Teile des Passagier- und Frachtraums untergebracht waren.

Gleichsam zur reinen Lehre fand erst »Jack« Northrop mit der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges konzipierten »Flying Wing": An dem 40-Tonnen-Bomber trug jeder Quadratzentimeter Außenhaut dazu bei, das Monstrum in die Luft zu heben.

Was Northrop nicht wußte: Mit seinem aerodynamischen Wundergebilde hatte

er zugleich die optimale Form für das Versteckspiel vor den Suchstrahlen des Radars gefunden. Von allen Flugzeug-Konstruktionen, so Experten, besitzt der Nurflügler den kleinsten »Radarquerschnitt«, die geringstmögliche Angriffsfläche für die kurzwelligen Suchstrahlen.

Ansätze der modernen Tarn-Technologie finden sich schon seit 1964 an amerikanischen Hochleistungs-Flugzeugen. Als erster Militärjet mit verringertem Radarquerschnitt gilt Lockheeds Aufklärer »SR-71«. Die »Blackbird« - wie ihre berühmte Vorgängerin »U-2« ein von dem Star-Fighter-Konstrukteur Clarence ("Kelly") Johnson entwickeltes Spionageflugzeug - besitzt einen flachen rochenförmigen Rumpf, zwei in die Tragflächen integrierte Triebwerke, deren Wärmestrahlung großenteils abgeschirmt wird, sowie kleine »radarschlüpfig« montierte Seitenflossen am Heck.

Auch Amerikas neuer, überschallschneller strategischer Atombomber, die »B-1B«, trägt die Handschrift der Tarn-Designer. Das Flugzeug, von dem 100 Exemplare bis 1988 den veralteten »B52«-Bomber ablösen sollen, ist für Radar schon schwer auszumachen: Der 80-Tonnen-Bomber bietet Radarstrahlen nur den hundertsten Teil der Rückstrahlfläche einer B-52.

Doch »konventionelle Flugzeuge wie die B-1«, hieß es in einem der raren Air-Force-Kommentare zum Stealth-Projekt, unterlägen »fundamentalen Tarn-Grenzen. Deshalb soll neben der B-1 der gleichsam radar-immune Nurflügler als Atomwaffenträger eingesetzt werden. 1987, so Air-Force-Quellen, werde der erste Stealth-Bomber testbereit sein, ein Flügelmonster, das etwa so groß ist wie die historische »Flying Wing« und rund 180 Tonnen wiegen soll.

Seit die Northrop Corporation 1981 in einer siebenzeiligen Mitteilung bestätigte, sie sei von der Air Force mit dem Tarnbomber-Projekt beauftragt, flossen der kalifornischen Flugzeugfirma jährlich eine Milliarde Dollar für die Stealth-Entwicklung zu. Am Ende des geheimen Milliarden-Deals, argwöhnen Stealth-Kritiker im amerikanischen Kongreß, werde das teuerste Flugzeug der Geschichte stehen 600 Millionen Dollar, doppelt soviel wie eine B-1B, werde jeder einzelne Geisterflieger kosten.

Als aufwendige Konstruktionseigenheiten des Tarnfliegers gelten Triebwerksauslegung und Aerodynamik; der Stealth-Bomber wird nur mehr mit Computerhilfe zu fliegen sein. Hohe Entwicklungskosten erfordert auch die Tarnbeschichtung: Gebraucht werden Kunststoffe mit exotischen Eigenschaften, die zwar Radarstrahlen »schlucken«, nicht aber den Reibungswiderstand an der Außenhaut erhöhen. Endlich sind elektronische Verwirrspiele für Radarstrahlen unterschiedlicher Wellenlängen zu entwickeln: Da Radarantennen auf verschiedenen Frequenzen suchen können, gilt es, die Luftabwehr mit maßgeschneiderten Falschsignalen zu narren.

Ob die erhofften Flug- und Trug-Eigenschaften letztlich zu erreichen sind, wissen nur die Ingenieure in den streng abgeschirmten Entwicklungsabteilungen der Flugzeugkonzerne - nicht nur bei Northrop. Wie ein Stealth-Flieger geistert seit Jahren das Gerücht in der Luftfahrt-Branche, es gebe noch eine Kampfflugzeug-Tarnvariante: entwickelt von Altmeister Kelly Johnson und seit 1977 in der Erprobung bei dem Luft- und Raumfahrtkonzern Lockheed.

Der Geisterflieger Nummer zwei, dessen Existenz bisher vom Pentagon bestritten wird, soll die Typenkennung »F19« tragen (Air-Force-Dementi: die Bezeichnung sei »niemals vergeben worden); der Stealth-Jet soll in kleiner Stückzahl im Lockheed-Werk in Burbank (Kalifornien) gebaut und zur Flugerprobung per Transportflugzeug nach Groom Lake in Nevada gebracht werden. Eine Staffel der Ghost-Fighter, so die"Internationale Wehrrevue«, sei in einem streng abgeschirmten Teil des Luftwaffen-Erprobungsgebiets Nellis, nordöstlich von Las Vegas, stationiert.

Auch zu US-Basen im Ausland, so behaupten amerikanische Militär-Experten, werde der Tarn-Fighter von Lockheed gelegentlich verfrachtet - wo er den Geflogenheiten der heimischen Fledermaus folge: Im Schutze der Nacht steige der Geister-Jet zu geheimen Missionen auf, bei Tage bleibe er unsichtbar in seinem Versteck. _(Vor der »Flying Wing«. )

Vor der »Flying Wing«.

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