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KUNST Echt Plastik

Eine Bilder-Welt aus bunten Fundstücken: das Werk des Briten Tony Cragg. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Ein blauer Kleiderbügel. Ein blauer, weißgetupfter Ball. Ein blauer Schutzhelm. Eine blaue Kanne. Ein blaues Rohr. Ein blaues Faß. Ein blaues Regal.

Kleine und große Dinge, alle in Tönen zwischen Türkis und Himmelblau lackiert, emailliert oder durchgefärbt, finden sich wie von hundert Müllhalden zusammen. Auf dem Fußboden des Museums hält zweierlei sie für das Betrachter-Auge beieinander: ihre blaue Farbe sowie die Silhouette einer geschwungenen, von einer Spitze aus gleichmäßig breiter werdenden geometrischen Figur, die den Grundriß für das Sammelsurium abgibt. Zum dicken Ende hin übrigens wird es auch immer höher. Sein Titel: »Horn«.

Ganz locker spielt der Künstler Tony Cragg, ein Brite in Deutschland, mit Objekten, Materialien, Farben und »Images«. Für seine Ausstellungen, so jüngst im dänischen Louisiana-Museum oder jetzt (bis 31. März) in der Münchner Galerie Schellmann & Klüser, rollen als Kunst-Transporte nicht fertige, feste Werke an, sondern Säcke und Kisten voll banaler Fund- und Bruchstücke. Erst an Ort und Stelle, unter Craggs Händen und nach mitgebrachten Schablonen, ordnet sich das Durcheinander zum Bild.

Beispielsweise zu einem sportlichen Selbstporträt in Momentaufnahmen. Cragg, früher ein aktiver Leichtathlet, hat vor einer Mauer in den charakteristischen Bewegungsphasen ("Hop, skip, and jump") eines Dreispringers posiert und die Kontur seines Körpers so auf die Fläche abgepaust.

Diese Umrisse nun füllt er von Fall zu Fall mit bunten Brocken aus, die er per Klebeband an die Wand pappt. Und obwohl die munteren Springer-Figuren scheckig wie Harlekine aussehen, so sind sie doch auch wieder einheitlich bis ins kleinste Teil: Diesmal ist alles Kunststoff.

Dem Plastikzeitalter entsprungen - so scheint Cragg, 34, in eine höchst unsichere Zone und Periode der Kunst geraten zu sein. Längst vergangen sind die Tage der fortschrittsfrohen Pop-art mit ihrer arglosen Begeisterung für ein modernes Synthetik-Leben. Vorbei ist auch die große Zeit der Minimalisten, die Materialien wie Neonröhren oder Stahlplatten beiläufig und sehr »selbstgerecht« (Cragg) mit Beschlag belegten, ex und hopp.

Cragg, typisch in seiner Generation, kultiviert eine neue Empfindlichkeit für den Verschleiß von Ideen und Substanzen.

Ihn beherrscht das zwiespältige Gefühl, daß die Menschheit jahrtausendelang mit denselben Werkstoffen lebte und daß nun fast jeden Tag ein weiterer hinzukommt. Da ist es, sagt der Künstler, »nicht mehr mein Problem, neue Materialien zu entdecken«.

Vielmehr möchte er das Verhältnis von Material, vorgefundenem Gegenstand und entworfener Gestalt möglichst offenlassen, es in Varianten experimentell durchprobieren. Wichtig sei es, so schrieb Cragg im Katalog zur siebten Documenta (bei der unter

anderem sein blaues »Horn« zu sehen war), unmittelbare »Erfahrungen mit Dingen/Bildern zu machen und diese Erfahrungen festzuhalten. Kunst ist dafür gut«.

Deswegen hat er sich auch aus der Wissenschaft abgesetzt. Cragg, als Sohn eines Flugzeugingenieurs in Liverpool geboren, hatte eine technische Ausbildung absolviert und in einem biochemischen Labor gearbeitet, bevor er zur Kunstschule ging. Eine Sportlerliebe führte ihn dann 1977 nach Deutschland. Der schmächtige Langläufer folgte als Ehemann einer Schwimmerin, deren kraftvolle Statur ihm Eindruck machte. Seither wohnt er in Wuppertal und hat mittlerweile auch einen Dozentenjob an der Akademie in Düsseldorf.

Schon englische Strände und Straßen waren für Cragg eine ergiebige Quelle an Fundsachen gewesen. Nun bietet ihm die Gegend von Rhein und Ruhr erst recht ein unerschöpfliches »Paradies«. Beim Sperrmüll und bei Schrotthändlern trägt er zusammen, was nicht auf Höfen oder Bürgersteigen liegt. Ein großes Werkstoff-Reservoir hat er ständig im Atelier, einer früheren Fabrikhalle, aber nie reicht der Vorrat aus, wenn der Künstler an eine bestimmte Arbeit geht.

So viele grüne Kunststoff-Teile zum Beispiel, wie ein fast doppelt lebensgroßer »Polizist« verlangt, kommen eben nur bei gezielter Suche zusammen. Die einschüchternde Figur, 1981 entstanden, ist ein spezifisch deutsches Motiv, eine Erinnerung an Demonstrationen gegen den Schnellen Brüter von Kalkar.

Sehr clever von den Deutschen findet es der britische Beobachter, ihre Polizei in die Sympathiefarbe Grün zu kleiden; aber der politische Aspekt der Arbeit ist doch nur Nebensache. Keinesfalls möchte Cragg »pädagogisch sein«.

Entscheidend bleibt die witzige, widersprüchliche Balance zwischen den Teilen und dem Ganzen. Sieht man das Werk von ferne, so scheint es sich von der Fläche abzuheben und schließt sich zur Figur zusammen.

Aus der Nähe aber nimmt man die Einzelstücke wahr. All diese Flaschen, Deckel, Spielzeugschaufeln und nicht mehr identifizierbaren Fragmente zeigen nun ihre eigentümlichen Formen (Cragg: »Ich genieße es, nicht dafür verantwortlich zu sein"), ihre Farbnuancen, die Spuren früherer Verwendung und Zerstörung.

So steckt in Craggs Unternehmungen auch ein Stück Archäologie des 20. Jahrhunderts. Bunte Kunststoff-Flaschen können für ihren Ausgräber die Würde antiker Krüge annehmen, und eine marmoriert beschichtete Platte ist für ihn eben kein Pseudo-Stein, sondern Originalprodukt - »echt Plastik«, wie er zu seiner Freude einmal auf einem Etikett in Japan gelesen hat.

Da kennt Cragg nichts: Mag er, beispielsweise, Styropor auch noch so sehr »hassen«, er überwindet die ästhetische Ekelschwelle und nimmt das weiße Zeug in sein Repertoire. In einer »Spirale«, die sich wie eine Burg oder Wolkenkratzer-Stadt auftürmt, kontrastiert es unter anderem zu Ziegelsteinen, Holz und Pappe. Ein andermal ("One Space, Four Places") ist es, brockenweise und zwischen mancherlei Materialien, nach Schaschlik-Art an Stäben aufgespießt. Die aber simulieren Möbel-Formen.

Wo weder Substanz noch Farbe Einheit stiftet, genügt sogar das Image allein - etwa das Bild eines Sprossenfensters, das über ein Puzzle aus verschieden bunten und verschieden großen Brettern hinweggemalt ist. Doch auch ein Zeichen-Muster, ein sensibles Cragg-Gekrakel, das differenziert bräunliche Gegenstände überzieht ("Drawing on Objects"), verbindet sie zu einer Art von metaphysischem Stilleben.

Festlegen läßt Cragg sich nicht. Mal scheinen Möbel durch Steine hindurchzuwachsen, mal werden sie von ihnen gestützt wie von Prothesen. Mal zeichnet sich, aus dort am Strand gefundenen Treibgut-Stücken, stimmungsvoll der Golf von Neapel samt Vesuv als »Teerige Landschaft« ab, mal ragt ein »Berg mit Ring« in die Höhe, der von einem kubistischen Schreiner gemacht sein könnte. Genau kann keiner sagen, was es damit auf sich hat und wohin das noch führt.

»Ich möchte«, betont nämlich der Künstler selbst, »nicht den Eindruck erwecken, daß ich alles verstehe, was ich mache.« Sondern: »Ich mache das, weil ich es nicht verstehe.«

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