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MALEREI / MELA MUTER Eckige Kinder

aus DER SPIEGEL 48/1967

»Meine teure, bezaubernde Freundin«, schrieb der Dichter Rainer Maria Rilke 1926 auf hellblaues Briefpapier, »eines Tages werden Sie sicherlich mein Porträt malen -- wie sollte ich Ihrem Elan widerstehen!«

Die Aussicht war begründet -- dem Schwung der schönen Rilke-Freundin Mela Muter (1876 bis 1967) erlagen damals viele berühmte Männer. So porträtierte die nach Frankreich ausgewanderte Polin den Komponisten Roussel und den Architekten Perret, den Kunsthändler und Picasso-Verleger Vollard sowie auch den indischen Nobelpreis-Romancier Tagore. Rilke freilich starb sieben Monate nach jenem zarten Handschreiben noch immer ungemalt.

Die Konterfeis der Mela Muter (bürgerlich: Mutermilch), dazu Schreckbilder aus dem Elendsmilieu, auch Stilleben und Landschaften, wurden rund vier Jahrzehnte lang, bis zum Zweiten Weltkrieg, in Paris alljährlich gezeigt und gerühmt (L'Aurore« 1913: »Welche Autorität, welche originelle Meisterschaft"). Doch als die getaufte Jüdin 1940 in die Provinz floh, geriet sie in Vergessenheit.

Seit kurzem Müht den nachimpressionistischen Bildern der Malerin neuer Ruhm: Die Kölner Galerie Gmurzynska zeigte zuerst 1965 wieder eine Mela-Muter-Schau; nun präsentiert sie -- nach Ausstellungen in Paris, Oslo, San Francisco und New York und ein halbes Jahr nach dem Tod der Malerin -- eine große Retrospektive mit 150 Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen, darunter die Porträts von Vollard und Tagore.

Mit einem Porträt hatte die Warschauer Grundbesitzertochter (Mädchenname: Klingsland) ihre Malkarriere auch begonnen: Einen wohlhabenden Großvater bildete sie so gelungen ab, daß er der Enkelin das Studium in Paris bezahlte. Dorthin übersiedelte sie 1900 mit ihrem Ehemann, der sie bald nach der Geburt eines Sohnes verließ.

Die Verlassene malte danach meist traurige Mutter-und-Kind-Bilder mit jenen eckigen Konturen, die sie bei Cézanne, van Gogh und Gauguin entlehnte. Werke dieser Künstler hatte sie in der Galerie Vollard gesehen und sofort »begriffen, daß das die moderne Malerei war«.

Der Versuch, den kahlhäuptigen Ambroise Vollard selber zu malen, gelang indes nur halb: Als der Galerist mutmaßte, Mela Muter wünsche von ihm protegiert zu werden, ließ sie den Pinsel sinken -- das Porträt blieb unvollendet.

Die stolze Polin, die während des Ersten Weltkriegs aus Geldnot Modell stehen mußte (doch stets bekleidet), arrivierte trotzdem. Ihre Kunst fand Hochschätzung, sie selbst Zugang zu den Pariser Salons. Dort dinierte sie mit Anatole France und traf auch einen Herrn »mit grauen Augen, grauem Teint und sehr scharfen Schnurrbartspitzen": Rainer Maria Rilke.

Der Poet gewöhnte sich daran, die Malerin im Taxi durch den Bois de Boulogne chauffieren zu lassen, ihr rote Rosen zu schenken und zu Gesprächen ins Atelier zu kommen. Einmal plauderte er so zwölf Stunden lang; erst nach sieben Stunden unterbrach sich »mein Rilke« (Mela Muter), um das wartende Taxi fortzuschicken.

Das Pariser Leben der Mela Muter endete mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs -- die Künstlerin verfiel jener tristen Existenz, die sie auf Bettler- und Krüppel-Bildern schon immer beschrieben hatte. Verarmt, durch den Selbstmord ihres Sohnes verbittert und durch einen Unfall gelähmt, schloß sie sich im unbesetzten Avignon fast ganz von der Umwelt ab.

So menschenscheu kehrte die Malerin 1946 nach Paris zurück. Sie mietete ein dunkles Zimmer und blieb dort auch nach 1965 wohnen, als rund 70 ihrer Bilder zu Preisen bis 60 000 Mark verkauft wurden; das Geld überließ Mela Muter -- wie ihren Nachlaß von rund 160 Gemälden -- dem Kinderdorf-Verein »SOS«.

Aus ihrem Elendsquartier prozessierte die Neunzigjährige, die sich für 85 ausgab, derweil um eine Fünf-Zimmer-Villa. Das Haus, 1930 vom Mela-Muter-Modell Perret für die Künstlerin erbaut, war an den Maler Jean Dubuffet vermietet, der es nicht räumen wollte.

»Und auch die Miete«, klagte Mela Muter, »zahlt er mit einem Monat Verspätung.«

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