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AUTOMOBILE Edles Ei

VW-Käfer jeglicher Bauart werden zur begehrten Antiquität. Als aufgemöbelte Kraft-Eier kosten sie oft mehr als 50000 Mark. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Die Deutschen, sollte man meinen, haben sich daran sattgesehen: 14,3 Millionen »Käfer« sind in Wolfsburg (und Emden) vom Band gerollt, 111000 wurden noch aus Mexiko ins Land geholt. Kein Bedarf mehr an dem eiförmigen Long-Seller mit der Technik von gestern?

Im Gegenteil. Seit vor zwei Jahren der VW-Import aus dem Zweigwerk in Mexiko gestoppt wurde, geht's mit den Käufen hier erst richtig los: Das Blech-Ei wird zum Kultmobil.

Bergbauern im Bayerischen Wald schätzen den Benzinschlürfer mit dem keuchenden, rasselnden Boxermotor im Heck als winterfesten Lastesel, Hausfrauen kutschieren ihn als zuverlässigen Zweitwagen zu Kindergärten und Einkaufszentren, und für Fahranfänger und Studenten ist der vor gut 50 Jahren entwickelte Oldie oftmals die einzige (weil billigste) Möglichkeit, überhaupt am automobilen Straßenverkehr teilzunehmen.

Doch des VW-Werks klassenloser Käfer, in über 140 Ländern mehr als 20 Millionen mal verkauft und damit erfolgreichstes Auto der Welt, ist auch noch im Begriff, zum hochklassigen Statussymbol aufzurücken: Finanzkräftigen Kunden, denen seine nostalgischen Rundungen besser gefallen als der moderne Design-Verschnitt aus den Windkanälen der Massenproduzenten, ist der Veteran neuerdings lieb und teuer.

»Diese Leute wollen sich von ihren Nachbarn bewußt abheben«, erklärt der Münchner Käfer-Verkäufer Bernd Grozycki. Vor allem das Cabriolet, dessen letzte Exemplare im Januar 1980 vom Band krabbelten, sei in manchen Großstädten gefragt wie nie zuvor. Grozycki: »Die Reichen finden das schick.«

Nur selten begnügen sich Käfer-Liebhaber, die mit ihren Wagen Anschluß an die Blech-Schickeria finden wollen, mit der mageren Serienausstattung des Wolfsburger Bestsellers. »Fast jedes Detail, vom Lenkrad bis zum Motor, können wir verbessern, veredeln oder gleich ganz austauschen«, offeriert Axel Schütte, Chef der Firma Cabrio-Partner im westfälischen Oerlinghausen, seiner Käfer-Kundschaft.

Der neue Kult um den Käfer kennt kaum Grenzen. Neben Reifenwalzen im Renn-Format, verbreiterten Kotflügeln, Spoilern und Sonderlackierungen in diversen Daimler-Benz-Farben wird oft sogar ein veränderter Innenraum gewünscht: neue Armaturenbretter auf poliertem Wurzelholz, Anzeige-Instrumente aus dem Porsche-Ersatzteillager und mit feinstem Leder überzogene Sportsitze, dazu elektrische Fensterheber und HiFi-Türme, deren Getöse, gleichmäßig verteilt über ein Dutzend Lautsprecher, gegen Windgeräusche und Motorlärm anplärren muß. Wem das noch nicht genügt, der darf auch im Verborgenen weiter investieren, beispielsweise durch Anschaffung verchromter Schutzhüllen für Lichtmaschine und Zündspule oder gar durch den Erwerb eines Ölpeilstabes in Form eines Kampfschwertes.

Dutzende von Firmen in der ganzen Bundesrepublik sorgen ständig für Nachschub

an ausgefallenen Käfer-Variationen. Mit Hilfe von Blechscheren. Schweißapparaten und Kunststoffbausätzen werden langweilige Limousinen zu zweisitzigen »Speedster«-Modellen oder zu Coupes »im Stil der 40er Jahre« (ab 12000 Mark) umgestaltet. Noch extravaganter ist Peter Aumanns Beitrag zum Käfer-Kult: Der Karosseriebauer aus Rheine verpaßt dem Wolfsburger Rundling eine spitze Plastiknase und ein buckliges Kombiheck. Zum Preis von rund 25000 Mark können »Ausgeflippte damit renommieren« (Aumann).

Um mit ihren Spielmobilen auch auf der Autobahn halbwegs mithalten zu können, lassen die Käfer-Freaks nicht selten auch die Motorleistung kräftig aufrüsten. Die schwächlichen Originalmaschinen werden frisiert oder gegen Aggregate aus anderen Fahrzeugen ausgewechselt. Tuning-Altmeister Gerhard Oettinger aus dem hessischen Friedrichsdorf, dessen potente »Okrasa«-Käfer schon in den 50er Jahren mit knapp 50 PS auf die Überholspur gingen, liefert seit einigen Wochen wieder Kraftpakete für den Käfer. Für 16540 Mark gibt es bei Oettinger 100 Pferdestärken - vom TÜV genehmigt, vom Katalysator gereinigt.

Andere Tuningwerkstätten installieren auf dem Käfer-Chassis sogar sechszylindrige Porsche-Triebwerke mit bis zu 230 PS. Derart aufgemöbelte Kraft-Käfer kosten mehr als 50000 Mark, offenbar keine Hemmschwelle für Mercedes-müde Manager, finanzstarke Freiberufler oder Low-Tech-Anhänger, denen Porsche oder BMW zu alltäglich sind.

»Die Nachfrage«, berichtet Käfer-Veredler Schütte, »wird immer stärker.« Der Wunsch aufzufallen offenbar auch: Waren noch bis vor wenigen Wochen unauffällige Grau- und Blautöne angesagt, so werden derzeit verstärkt schrille Farbkombinationen geordert. Schüttes Firma lieferte bereits ein Luxus-Cabrio »im grellen New Look nach München«.

Das Blechkleid, so wollte es der Käfer-Kunde, wurde türkismetallic lackiert, die gesamte Innenausstattung aus knallgelbem Wasserbüffelleder genäht.

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