Ehepaar Schröder auf Instagram Bodenheizungswarme Bedeutungslosigkeit

Verweht ist der volkstümliche Schröder, der sich nach einer Flasche Bier verzehrt: Auf dem Instagram-Kanal seiner Frau tritt der Ex-Kanzler domestiziert zwischen Herbstdeko und Filzpantoffeln auf. Was sagt uns das?
Eine Stilkritik von Arno Frank
Gerhard Schröder und Soyeon Schröder-Kim: Zufällig und zusammenhangslos

Gerhard Schröder und Soyeon Schröder-Kim: Zufällig und zusammenhangslos

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Sean Gallup / Getty Images

Wer sich selbst etwas Gutes tun oder eine kleine Freude bereiten will, sollte mal bei Instagram vorbeischauen. Das koreanische Wort für "kleine Freude an einem Tag" lautet "Hasosul", umschreibt die bescheidenen "Freuden des Alltags" und darf auch als "hygge" Variante von "carpe diem" verstanden werden. Sinnstiftend thront der Begriff als Hashtag (#Hasosul) über dem Instagram-Auftritt von Soyeon Schröder-Kim, 52, der fünften Ehefrau von Altkanzler Gerhard Schröder, 76. Mit Herzchen.

Was bedeutet das?

Das Herzchen ist wichtig, handelt es sich doch um die digitale Dokumentation einer Liebe. Wie bei dem Wendler und der Wendlerin, Deutschlands zweitrelevantestem Instagram-Liebespaar mit zweitgrößtem Altersunterschied zwischen den Beteiligten (und aktuell vermutlich einigen Problemen, aber das gehört hier nicht hin). Nur geht es bei der Schröder-Kim und dem Schröder ein wenig herbstlicher zu, bescheidener. Und politischer.

Zwar gilt das Private als politisch, und auf Instagram wird dieses Politische sozusagen als intime Außenpolitik öffentlich ausgestellt. Wie durch ein virtuelles Schlüsselloch ist da aber nur zu sehen, was gesehen werden soll. Politisch steht der emeritierte Kanzler wegen seiner geschäftlichen wie freundschaftlichen Nähe zum Kreml unter Druck. Zu sehen ist davon auf Instagram: nichts.

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Dafür gibt es Gerhard Schröder in allen Lebenslangen. Beim Aufhängen eines Bildes mit dem Hammer in der Hand. Beim Herzeigen eines Sträußchens mit Feldblumen. Beim Herumsitzen in Parlamenten oder Herumstehen mit wichtigen Leuten. Beim Rühren von Bratkartoffeln in der Pfanne auf dem Induktionsherd, wobei er über mutmaßlich nacktem Oberkörper eine blaue Steppweste trägt. Beim Ernten der Tomaten auf dem Dachgarten, wobei die Altkanzlerfüße zum Schutz gegen die niedersächsische Witterung in grauen Filzpantoffeln stecken, auf die süße Schäfchen gestickt sind.

Echter Höhepunkt sind die Filme. Wir sehen Gerhard Schröder, wie er an der abendlichen Tafel sonor Rilke zitiert ("Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr …"), während die Kamera liebevoll über herbstliche Gestecke gleitet, bis wir den rezitierenden Hausherrn vor einem Teller mit Kartoffelsuppe sitzen sehen. Wir sehen Gerhard Schröder, wie er seiner Frau die Vorteile und Tücken der Hagenbutten schildert ("Ich will Dir nur sagen, das sind Hagebutten …"), als käme die Pflanze nicht - wie auch seine Frau - ursprünglich aus Korea.

Aber wollen wir das sehen? Will Gerhard Schröder, dass wir das sehen?

Es ist nicht sein Auftritt, sondern der von Soyeon Schröder-Kim. Wir sehen sie beim Basteln von Mund-Nasen-Masken und beim Schneidern traditioneller Kostüme. Wir sehen sie beim Signieren ihrer eigenen Autogrammkarten und bei Videokonferenzen. Wir sehen die dolmetschende Wirtschaftsmanagerin auf Empfängen, im Flugzeug, vor einem VW Beetle und als Gesprächspartnerin der "Seoul Economic Daily". Wir sehen sie in gelber Steppweste über der Gemüsepfanne (mit Sojasauce).

"Der Altkanzler spielt in dieser Inszenierung als Gelassenheitsdarsteller die Rolle eines besonders edlen Möbelstücks"

Eine Frau von Welt zwischen den Welten. Ohne ihren Einfluss hätte Schröder wohl kaum eine Miniatur der umstrittenen "Trostfrauen"-Skulptur für das Vorzimmer seines Büros bestellt. Was sie schreibt, schreibt sie auch auf Koreanisch, sendet also ebenfalls für die ferne Heimat. Wo Brigitte Seebacher-Brandt, mit der Schröder-Kim ein flottes Selfie postet, wiederum eher unbekannt sein dürfte.

Der Altkanzler spielt in dieser Inszenierung als Gelassenheitsdarsteller die Rolle eines besonders edlen Möbelstücks. Man kann ihn mal hier, mal dort hinstellen und seine gemütliche Wirkung entfalten lassen. Wie einen Schreibtisch, auf dem einmal historische Dokumente unterzeichnet wurden. Er ist, wie seine Frau ihn liebevoll nennt, ihr "Yopsigi" (Koreanisch für: "Mensch bei mir"). So scheint es, als habe der Altgeck inzwischen sogar seine Eitelkeit endgültig ausgelagert: "Mach du mal, Soyeon!".

Verweht ist der volkstümliche Schröder, der sich nach einer Flasche Bier oder Bratwurst verzehrt. Es ist ein domestizierter Bratkartoffel- und Pantoffelschröder. Zufällig und zusammenhangslos wirbt Schröder-Kim auch für den "Kultursensible Altenhilfe HeRo e.V.", der gern "Generationen und Kulturen" verbinden möchte.

Das Paar lebt abwechselnd in Hannover und Seoul, ideell aber ist es zärtlich hingelagert auf Instagram als west-östlichem Diwan. "Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen", wie der Dichter schreibt.

Auch stilistisch und ikonografisch ist ihr Alltag ein palliatives Nirgendwo. Weiße Wände, hellbraunes Parkett, viel saisonale Botanik, ein Hauch von Vanitas und vergangener Größe. Vorhölle und Vorhimmel im Hier und Jetzt und so leblos, als hätte Stanley Kubrick als Innenarchitekt seine Hand im Spiel gehabt.

Es hat auch etwas Tröstliches

Natürlich ist diese bodenheizungswarme Bedeutungslosigkeit auch strategischer Natur. Andere Aufsichtsratsvorsitzende russischer Energieriesen wohnen vermutlich anders. In seinem Büro hängen der Reihe nach alle Kanzler, von Adenauer bis Schröder. Nach Schröder ist die Fläche frei, da kommt nichts mehr - außer einem großen Stich von Uraltkanzler und Gründervatter Bismarck. Mit Pickelhaube.

Ein Bundeskanzler, möchte man meinen, nähme die Würde des Amtes auch in den Ruhestand mit. Nicht nur ist es ihm nicht peinlich, auf diese Weise im aromatisierten Abklingbecken seiner Wichtigkeit vorgeführt zu werden. Es ist ihm vermutlich sogar recht. Kein Welt-, ein Hagebuttenerklärer.

Und so hat der bizarre Account in diesem seltsamen Herbst auch etwas Tröstliches, als wär's eine letzte Botschaft des großen Sozialdemokraten an sein Volk. Wer jetzt kein Haus hat! Hüllt euch in Steppwesten! Bastelt Juckpulver aus Hagebutten! Und schämt euch nicht.

Hasosul!

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