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Wohnen Ehrlich rauh

»So kann man innerstädtisch wohnen«, lobte das Fachblatt »Bauwelt": »Modellhaft« sei die teilweise industriell vorgefertigte Wohnzeile in München-Schwabing, die sechs Familien und ein Büro beherbergt.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Schamhaare«, sagt einer der Erbauer, und er meint Zwerg-Vorgärten mit eingezäunten Sträuchern, Blumenbeeten und gehegten Krokussen, »sollte es hier nicht geben.«

Ein Team junger Architekten hat fertiggebracht, was im Land der Häusle-Bauer und Gartenzaun-Fetischisten bislang undenkbar schien: Sieben Einfamilienhäuser wurden (im Einvernehmen mit den Bauherren) ohne Zwischenräume, ohne eingekastelte Rasen-Areale zusammengefügt -- und konnten dafür mit Spielflächen, Schwimmbad und Sauna ausgestattet werden. Zudem, und das scheint noch bemerkenswerter, sind alle sieben Häuser in einem industriell vorgefertigten Betonskelett zusammengefaßt: Die Erbauer wollten an einem bescheidenen Beispiel demonstrieren, welche Möglichkeiten eine Bauweise mit vorfabrizierten Elementen bietet.

Nun ist die Anschrift »8 München 28, Genterstraße 13« weit über die bayrische Metropole hinaus bekannt -- als »eine der erfreulichsten Wohn-Alternativen der letzten Zeit«, wie Architektur-Kritiker Peter M. Bode in der »Süddeutschen Zeitung« rühmte. Auf einem Grundstück von 2250 Quadratmetern entstanden dort im letzten Jahr 1125 Quadratmeter Wohnfläche. In Gemeinschaft mit dem Büroapparat des Münchener Baumeisters Otto Steidle, 29, entwickelten die Schweizer Architekten Ralph Thut, 29, und Doris Thut, 27, ein vielfältig nutzbaren Wohnsystem.

Zwar hat die Häuserzeile nur die Höhe von zwei konventionellen Geschossen, aber in ihrem Innern wurden sechs verschiedene Ebenen geschaffen, von denen vier als Wohnfläche zu nutzen sind. So führen vom Wohnbereich acht Stufen in ein Studio, 16 weitere zum Schlafbereich der Eltern, wiederum acht zu den Kinderzimmern.

Die Trennwände, auch die zwischen den Häusern, sind aus Gips gefertigt und jederzeit zu versetzen. Auch das Gerippe aus vorfabrizierten Säulen, Längs- und Querträgern sowie Deckenplatten kann noch weiter um- und ausgebaut werden.

Die Architekten haben die Konstruktion, drinnen und draußen, mit voller Absicht sichtbar gelassen und so den Räumen einen Hauch von »Brutalismus« verliehen -- oder, wie die »Süddeutsche Zeitung« anmerkte, von »ehrlicher Rauheit«.

Mit ihrer kunstvollen Schachteltechnik schafften es die Architekten, daß auf einer Grundfläche von 55 bis 75 Quadratmetern pro Haus jeweils zwischen 120 und 170 Quadratmeter Wohnfläche entstanden (Baupreis je Quadratmeter: etwa 2000 Mark; Gesamtkosten der Anlage: 1,7 Millionen Mark).

Kurioserweise sind die schärfsten Kritiker des Bauwerks seine Urheber. »Die Wohnanlage«, so Architekt Ralph Thut, »repräsentiert noch ein Übermaß an bürgerlicher Ideologie in Ästhetik und Formalistik.«

Und Doris Thut meint: »Für einmalig schöne Häuschen braucht man keine Industrialisierung.« Was in Wahrheit gebraucht würde, sei die »Vervielfältigung eines solchen Systems durch die Industrie«.

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