Margarete Stokowski

Gerechtigkeit Ehrt und bezahlt die Putzfrauen!

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
"Muss ich meine Putzfrau bezahlen, wenn sie wegen Corona nicht kommt?" Hinter solchen Fragen steckt ein Feminismus-Begriff, bei dem reiche Frauen sich verwirklichen, während die dreckige Arbeit von ärmeren erledigt wird.
Putzen ist keine demütigendere Tätigkeit als Kochen, Einkaufen oder Duschen.

Putzen ist keine demütigendere Tätigkeit als Kochen, Einkaufen oder Duschen.

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Andreas Berheide/ Shotshop/ imago images

Schon über dreißig Jahre als Polin in Deutschland und noch nie übers Putzen geschrieben, na dann mal ran. Ist Ihnen auch aufgefallen, dass wir zwar gerade in einer Pandemie leben und ständig von Hygiene geredet wird, aber sehr wenig vom Putzen? Ganz am Anfang, als alle versuchten, sich an den Lockdown zu gewöhnen, gab es hier und da noch Putztipps - Essigreiniger gegen Langeweile usw. -, aber dabei ging es meist ums private Putzen und selten ums berufliche.

Wobei beides nicht sehr hochgeschätzt wird. Im "Kölner Treff" war neulich Samantha Cristoforetti zu Gast . Sie ist Kampfpilotin, Luft- und Raumfahrttechnikerin und Astronautin und erzählte von ihrem Aufenthalt auf der ISS und ihrer Arbeit (Bordingenieurin) und dem Leben dort – dass es einen Putzplan gibt zum Beispiel, wie in einer WG. Zeitweise war sie die einzige Frau an Bord, sie habe aber keine Sonderrolle deswegen gehabt, erzählte sie. In der Runde saß auch Geiger André Rieu und fragte sie (direkt nachdem sie die Moderatorin gefragt hatte, ob sie ihre Tochter noch mal verlassen würde, um ins All zu fliegen - ja): "Und wer putzt da jetzt, wo Sie jetzt hier sind?"

Es war nur ein Witz, schob Rieu nach, als Cristoforetti sagte, es gebe ja den Putzplan. Der eigentliche Witz ist aber natürlich, dass es 2020 immer noch Menschen auf der Welt gibt, die glauben, es sei lustig so zu tun, als seien Frauen überall fürs Putzen zuständig, selbst im All. Ach, die kleine, erholsame Abwertung zwischendurch.

"Der Name Fatma bedeutet ins Deutsche übersetzt Putzfrau", schrieb Fatma Aydemir vor Kurzem in der "taz" . "Das lernte ich im Alter von acht Jahren vom Nachbarsjungen Jonas." Sie erzählt, wie sie zu ihrer Mutter rennt und weint, und die Mutter fragt: "Aber was ist schlimm daran, eine Putzfrau zu sein?"

Putzen wird gleichermaßen verachtet und fetischisiert

Es ist natürlich eigentlich nichts schlimm daran, eine Putzfrau zu sein, außer die Umstände. Putzen an sich ist keine demütigendere Tätigkeit als Kochen, Einkaufen oder Duschen, es zählt zu den lebenserhaltenden Maßnahmen des Alltags. "Fenster putzen, warum nicht?", sagte Simone de Beauvoir mal in einem Interview. "Das ist genau so viel wert wie Schreibmaschine schreiben." Erniedrigend wird Putzen erst durch die Bedingungen, unter denen es stattfindet. 

Dabei wird Putzen interessanterweise gleichermaßen verachtet und fetischisiert. Einerseits gilt Putzen als einer der Scheißjobs schlechthin, gleichzeitig wird über Frauen, die in Privathaushalten putzen, oft auffällig lieblich gesprochen, sie sind "eine Perle", ein "Engel", und ohne sie "ginge es nicht". Wenn man Leute fragt, warum sie die Wohnung verlassen, während ihre Putzfrau für sie putzt, dann sagen sie oft, "aus Respekt" und "damit sie ihre Ruhe hat". Die Leute betonen immer, wie gut sie mit "ihren" Putzfrauen umgehen, und ich will gar nicht sagen, dass sie lügen, aber es scheint eine gewisse Diskrepanz zu geben zwischen der Wertschätzung für einzelne, bestimmte Putzfrauen und dem Image des Jobs im Allgemeinen.

Das schlechte Image des Jobs hat sicher auch damit zu tun, dass die Arbeit dahinter unterschätzt wird. Putzen kann nicht jeder, manche machen es wahnsinnig schlecht. Nicht, weil sie es prinzipiell nicht lernen können, sondern weil sie unterschätzen, dass Putzen eine Arbeit ist, die man gut oder schlecht machen kann.

Reinigungskraft am Universitätsklinikum Freiburg: "Aber was ist schlimm daran, eine Putzfrau zu sein?"

Reinigungskraft am Universitätsklinikum Freiburg: "Aber was ist schlimm daran, eine Putzfrau zu sein?"

Foto: Philipp von Ditfurth/ picture alliance/ dpa

Die Literaturwissenschaftlerin Maria Antas schreibt in "Wisch und Weg" (das beste Buch über Putzen, das ich kenne) unter anderem über wissenschaftliche Forschung zum Putzen: Gudrun Linn schrieb 1985 in Stockholm ihre Promotion zur Frage "Wie sollten Badezimmer gebaut sein, um die Reinigung zu erleichtern?" (PDF ). Sie bekam in den Medien eine Art frühen Shitstorm dafür: Männer hielten es für einen Skandal, dass es Wissenschaft sein sollte, wie man putzt. Die Baunormen, die sie in ihrer Arbeit kritisiert hatte, wurden trotzdem geändert. (Sie plädierte unter anderem für wandhängende Toiletten.)

Gleichzeitig wird Putzen oft eigenartig hochgelobt und zu einer Art meditativem Optimierungsprogramm verklärt. Ich putze selbst extrem gern und viel, aber ich denke nicht, dass man davon (oder davon, dass man "dazu steht") zu einem besseren Menschen wird. Die Philosophin Nicole C. Karafyllis beginnt ihr Buch "Putzen als Passion" (das schlechteste Buch über Putzen, das ich kenne) mit dem Satz "Ja, ich putze selber", was allerdings nicht so besonders ist, weil das für die allermeisten Frauen auf der Welt gilt.

Putzen sei, schreibt sie, "für viele Akademiker bis heute mit negativen Gefühlen verbunden" - als wenn es für Nichtakademiker anders wäre - und: Das, was man "dem Putzen abringen" sollte, sei "eine Zeit der Erlebnisse mit dem Schmutz". Diesen "lebensbejahenden Mehrwert" könnten die "Putzfrau und der Raumpfleger, die Räume für andere und nicht für sich selbst putzen, gar nicht haben, und das ist ein Jammer."

Na ja. Ein Jammer ist es eher, dass Putzen als schlecht angesehener Job für Frauen und Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund gilt, die man dafür mies bezahlt und unter schlechten Bedingungen arbeiten lässt, obwohl es sich um eine Arbeit handelt, die nicht nur einen Haufen Fähigkeiten erfordert, sondern auch lebensnotwendig ist.

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Wir würden alle sterben, wenn Leute nicht beruflich für uns putzen würden: die Bahnen, die Krankenhäuser, die Supermärkte, alles. Es ist eine Arbeit, für die selten von Balkonen geklatscht wird, und eine, die oft unsichtbar bleibt, wie die meiste Reproduktionsarbeit . (Ich denke, nur nebenbei gesagt, dass das zusammenhängt, die Leute wollen einfach nicht permanent daran erinnert werden, dass sie Tiere sind, die Dreck produzieren und irgendwann auch zu Staub zerfallen werden.)

Am Flughafen Tegel gibt es Plakate, die für "Reinigung per WhatsApp" werben : Man soll eine Nachricht schreiben, wenn es irgendwo dreckig ist, und dann wird es quasi wie von Zauberhand sauber. Wenn all diese Menschen, die diese Arbeit erledigen, streiken würden: Viel Spaß, RIP.

Wenn man vom Putzen redet und davon, dass es oft von Frauen erledigt wird, kommt natürlich immer jemand, der auf Müllmänner verweist, allerdings haben die, soweit ich sehe, gar kein so schlechtes Gehalt, einen Arbeitsvertrag, Versicherungen und eine Rente, während sehr viele Frauen, die putzen, all das nicht haben.

"Muss ich meine Putzfrau bezahlen, auch wenn sie nicht kommt?"

Und während der Pandemie erst recht nicht, denn Quarantäne heißt für viele auch: Die Frau, die sonst putzt, kommt nicht. Ob man sie trotzdem weiterbezahlen sollte, ist eine völlig bizarre Diskussion, aber sie findet statt. Natürlich sollte man sie weiterbezahlen. Was ist denn das für eine Frage? Eine Twitter-Debatte in England , die ich vor wenigen Tagen mitverfolgt habe, geht kaum in meinen Kopf rein.

Die Kurzversion: Einige Frauen fanden, die Putzfrau soll gefälligst kommen, weil sie als Frau mit "richtigem" Job (meine Wortwahl) sonst nicht arbeiten könnten, es sei also sexistisch zu fordern, dass Frauen selbst putzen sollen. Andere fanden zu Recht, es sei absurd, Arbeiterinnen zum Wohle von Besserverdienerinnen zu gefährden , und hörten dann wiederum , man soll gerade als Linke doch bitte (den besser verdienenden) Frauen nicht vorschreiben, was sie tun sollen.

Für manche bedeutet Feminismus immer noch, dass ein paar reiche Frauen sich verwirklichen und die dreckige Arbeit einfach an ärmere Frauen weiterreichen - egal, zu welchen Bedingungen. Kennen Sie dieses Zitat von Audre Lorde ? "Ich bin nicht frei, solange irgendeine andere Frau unfrei ist, auch wenn ihre Fesseln ganz anders sind als meine." Fällt mir nur gerade ein.

Auch in Deutschland gibt es diese Diskussion. Auf Freundin.de gibt es einen Text zur Frage  "Muss ich meiner Putzfrau jetzt absagen?" Und wenn man ihr absagt: "Muss ich meine Putzfrau weiterbezahlen, auch wenn sie nicht kommt?" Die Antwort ist dann davon abhängig, wie die Frau genau beschäftigt wird. Wenn es illegal läuft, ist die Antwort: "Lassen Sie - wie geschätzt 80-90 Prozent aller Haushalte mit einer Putzfrau - Ihre Reinigungskraft schwarz arbeiten? Wenn ja, steht ihr ebenfalls nichts zu."

Man könne ihr natürlich - das ist allen Ernstes der Tipp der Redaktion - trotzdem etwas zahlen, was sie dann aber später wieder reinholen soll, indem sie länger bleibt. Denn sie einfach weiterzubezahlen, wie jeder anständige Arbeitgeber das machen würde, wenn die Arbeit durch äußere Umstände unmöglich wird, das ist offenbar zu viel verlangt.

Klar, vielleicht verdienen die Leute, die sonst fürs Putzen bezahlen, im Moment aufgrund der Umstände weniger. Die Frau, die sonst putzt, verdient dann aber im Zweifel: nichts. Wenn Sie mich fragen: Wer seine Putzfrau wegen der Pandemie nicht kommen lässt und dann auch nicht bezahlt, dem würde ich es vollständig gönnen, beim nächsten Besuch von ihr ausgeraubt zu werden.

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