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VERLAGE Eichborn vor dem Aus?

aus DER SPIEGEL 2/2003

Es war einmal ein Kleinverlag mit frechem Fliegen-Logo, schlau gemixtem Programm von Höchstkultur ("Die Andere Bibliothek") bis Krawall-Komik, mit Autorenstars und gewitzter Crew. Märchenhaft lange segelte der Frankfurter Eichborn Verlag den Branchenkrisen davon - doch nun droht das Aus: Mitarbeiter und Vorstand sind zerstritten; immer mehr Stützen des Verlagsteams wandern ab. »Wir stehen alle fassungslos vor der Situation, dass ein seetüchtiges Schiff ohne Not auf ein Riff zugesteuert wird«, sagt Lektor und Betriebsratschef Oliver Domzalski bitter. Doch die Intervention beim sechsköpfigen Aufsichtsrat blieb erfolglos: Er stützt weiter den Mitgründer und Vorstand Matthias Kierzek, der nach Eichborns Börsengang im Jahr 2000 für unrentable Beteiligungen und Subunternehmen Millionen ausgab. Obwohl die Verlagsmannschaft ihm schriftlich ihr Misstrauen bescheinigte, blieb Kierzek auf seinem Posten. Weder der Abgang des Programmchefs Wolfgang Ferchl noch der Exodus von Erfolgsautor Walter Moers ("Kleines Arschloch«, »Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär") und Pressechefin Susanne Klein konnten ihn erschüttern. Dabei dürfte die »Enthauptung des Verlages« (Domzalski) bald komplett sein: Auch Vertriebschef Andreas Horn verhandelt bereits über seinen Weggang. Anstatt Horn, wie die Belegschaft in ihrem Protestbrief verlangte, zum Vorstand zu machen, berief der Aufsichtsrat zum Jahresanfang den Eichborn-fremden Buchmanager Peter Wilfert als zweiten Vorstand für Programm und Marketing. Wilfert, vergangenes Jahr bei Rowohlt gescheitert, will sich in »Programmarbeit« stürzen und »gerade die anspruchsvolle Literatur« ausbauen. Wilfert: »Ich sehe die Krise nicht.« Viel Zeit dafür wird ihm nicht bleiben: »Jede neue Woche der Ungewissheit« wirke verheerend, weitere Flucht von Lektoren und damit Autoren sei »stark zu befürchten«, warnt Domzalski. »Wir wollen nur so professionell und erfolgreich, wie wir das in den letzten Jahren gemacht haben, arbeiten können.« Beschwörende Töne - zuversichtlich klingen sie kaum noch.

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