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BÖRNE Eiche engagée

aus DER SPIEGEL 6/1965

Seine Feinde sahen in ihm einen Volksaufwiegler und Vaterlandsverräter, seinen Spöttern galt er als Idol »christlich-germanischer Esel« (Karl Marx), doch seine Bewunderer priesen ihn als wortgewaltigen Republikaner und Propheten der Revolution, als »Bannerträger deutscher Freiheit« und »einzigen Mann in Deutschland zu seiner Zeit« (Friedrich Engels).

»Ja, dieser Börne war ein großer Patriot, vielleicht der größte, der aus Germanias stiefmütterlichen Brüsten das glühendste Leben und den bittersten Tod gesogen«, schrieb Heinrich Heine, der im übrigen für seinen Zeit- und Schicksalsgenossen eher Spott als Bewunderung empfand.

Und der dänische Kritiker Georg Brandes rühmte 1896, sechs Jahrzehnte nach Ludwig Börnes Tod: Er war der erste Journalist großen Stils, den die deutsche Literatur hervorgebracht, und er war es, welcher die periodische Presse Deutschlands zu einer Macht erhob.«

Dennoch, trotz wertvollster Prädikate, sind dem Schriftsteller Börne die bürgerlichen Büchervitrinen ein ganzes Jahrhundert lang so gut wie verschlossen geblieben. Eine historisch-kritische Ausgabe seiner Werke, 1911 begonnen, gedieh nur bis zur Hälfte (sechs Bände), dann machte der Erste Weltkrieg dem Projekt ein Ende.

Es bedurfte schließlich einer neuen Restaurations-Ära, bis der radikale Restaurations-Feind Börne das bekam, was den Nachruhm eines Autors erst meßbar macht und sanktioniert - eine vollständige Klassiker-Ausgabe in Dünndruck und Leinen: Kurz vor Abschluß des vergangenen Jahres hat das Baseler Germanisten-Ehepaar Inge und Peter Rippmann, beide 35, beide Schüler des Schweizer Literatur-Professors Walter Muschg, im Düsseldorfer Melzer Verlag Ludwig Börnes »Sämtliche Schriften« in drei Bänden herausgebracht*. Ein vierter Band mit Börne-Briefen wird kommenden Herbst nachgeliefert.

Börne, so belehren die Herausgeber, dürfe heute als ein »Vorläufer der Littérature engagée« gelten, er sei »der eigentliche Anreger der Tendenz in der Literatur geworden«. Und seine Tendenzen hat dieser späte Aufklärer in den zwei Jahrzehnten seiner Schreibarbeit zwischen 1818 und 1837 in der Tat bis zum Fanatismus verfochten.

Ob er als Bühnenkritiker die dramatischen Plattheiten Ifflands und Kotzebues mit knappem Sarkasmus abtat oder als politischer Journalist über die »Niederträchtigkeit der Fürsten« und die Trägheit seiner biedermeierlichen Zeitgenossen klagte; ob er Metternichs Österreich als »europäisches China« verhöhnte oder die deutsche Romantik als »Auszehrung der Freiheit« schmähte (Börne: »Je unfreier ein Volk ist, desto romantischer ist seine Poesie") - er blieb in jedem Fall der engagierte Liberale, der in den schönen Künsten vorwiegend brauchbare oder unbrauchbare Mittel zur politischen Befreiung des Bürgertums - und damit auch der deutschen Juden - sah.

Ludwig Börne, ursprünglich Juda Löw Baruch, ist 1786, drei Jahre vor der Französischen Revolution, als Sohn des Bankiers Jakob Baruch in der Judengasse der Reichsstadt Frankfurt am Main geboren worden. Als 16jähriger bereitete er sich im Berliner Haus des jüdischen Arztes Markus Herz auf sein Studium vor und absolvierte dabei gleichzeitig eine unglücklich-schwärmerische »Wertheriade« (so Börne-Biograph Karl Gutzkow) zur schönen Arzt -Gattin Henriette, die ihrerseits ein zärtlich-platonisches Verhältnis mit dem gebrechlichen Theologen Friedrich Schleiermacher pflegte.

Der jugendliche Eigenbrötler, von der »Zauberey der Liebe« enttäuscht und eher arbeitsscheu (Schleiermacher an Henriette Herz: »Louis Baruch liebt und hätschelt seine Faulheit und Eitelkeit"), studierte anschließend in Halle Medizin, dann in Heidelberg Nationalökonomie und promovierte in Gießen zum Doktor der Philosophie.

1811 - Frankfurt gehörte inzwischen zu dem unter napoleonischer Schutzherrschaft gegründeten »Rheinbund« - verschaffte Vater Jakob Baruch, mit der Unbeständigkeit seines Sohnes unzufrieden, dem 25jährigen Gelehrten eine Anstellung als Aktuar bei der Frankfurter Polizei. Es war dasselbe Jahr, in dem die Frankfurter Juden, bis dahin durch strenge Vorschriften diskriminiert, gegen Zahlung von 440 000 Gulden die vollen Bürgerrechte erhielten.

In seinem Amtszimmer im Römer prüfte der junge Beamte, Franzosenfeind und Bruder der Freimaurerloge »Zur aufgehenden Morgenröthe« Wanderbücher und Pässe, er schrieb Protokolle und verfaßte nebenher für eine Frankfurter Zeitung deutschtümelnde und obrigkeitsgläubige Artikel. Patriot Baruch, um 1813: »Es ziemt uns nicht, uns keck in den Rat der Fürsten einzudrängen; sie sind besser als wir.«

Der Fürstenverehrer wurde eines Besseren belehrt, als die Große Armee geschlagen und Napoleon verbannt war. In Frankfurt wurden den Juden die Bürgerrechte wieder entzogen, der Polizei-Aktuar Baruch verlor sein Amt. Die politischen Freiheiten auf die Deutschlands Bürger im patriotischen Taumel der Befreiungskriege von 1813/ 1814 gehofft hatten, blieben aus, und auch der erwartete deutsche Einheitsstaat kam nicht zustande.

Statt dessen kam der »Deutsche Bund«, kam Rußlands, Österreichs und Preußens »Heilige Allianz«, die in Europa für Restauration der durch die Französische Revolution lädierten Ordnung sorgte, kamen die Polizisten, Zensoren und Spitzel des österreichischen Fürsten Klemens von Metternich und die »Karlsbader Beschlüsse« von 1819, durch die vaterländisch und liberal gesinnte Gruppen der studentischen Burschenschaftsbewegung verboten wurden, strenge Überwachung der Universitäten angeordnet und die Pressezensur verschärft wurde.

Zu dieser Zeit begann Baruch-Börne seine Laufbahn als Publizist. Er hatte seinen Namen geändert und war zum christlichen Glauben übergetreten - denn der Taufschein, so fand der frivolere Heinrich Heine, war für einen Juden das »Entreebillett zur europäischen Kultur«.

1818 gründete Börne »Die Wage«, eine »Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst«, deren politische Artikel, Theaterkritiken und Aphorismen er zumeist selbst verfaßte. Außerdem übernahm er die Redaktion der »Zeitschwingen« und der »Zeitung der freien Stadt Frankfurt«.

Börnes Feuilletons und Rezensionen mit ihren Anspielungen auf aktuelle politische Ereignisse, ihrem defätistischen Witz und ihren unverblümten demokratischen Appellen ("Was die öffentliche Meinung ernst fordert, versagt ihr keiner; was ihr abgeschlagen worden, das hatte sie nur mit Gleichgültigkeit verlangt") brachten dem 32jährigen Journalisten sofort ersten Ruhm, den Beamten der Pressezensur ungeahnten Arger.

»Die Artikel«, so urteilte Metternich über die »Zeitschwingen«, »sind aufrührerisch, den Frieden des Bundes störend ... Ein Beispiel mit Börne statuiert, ist sicher eines der glücklichsten.« Tatsächlich, wurde Börne wegen Verbreitung aufrührerischer Schriften verhaftet und auf der Frankfurter Hauptwache arretiert, nach vierzehn Tagen Untersuchungshaft jedoch wieder freigelassen - die Beschuldigung hatte sich in diesem einen Fall als haltlos erwiesen.

Den Frieden des Bundes störte Börne auch weiterhin. Er schrieb gegen Standesvorurteile, er verhöhnte die Weltfremdheit deutscher Professoren und Studenten, er propagierte bürgerliche Freiheit und nationale Einheit, die er fürs erste in einer konstitutionellen Monarchie verwirklicht sehen wollte - die »Eiche Börne« (Friedrich Engels), gefeiert und gefürchtet, wuchs zum hervorragenden Exempel der Opposition.

Börne polemisierte jedoch nicht nur gegen die politischen Reaktionäre und den »großen Makler« Rothschild, dessen Kredite »den Fürsten die Macht verleihen, der Freiheit zu widerstehen«. Er verurteilte auch den »Fürstendiener« und Stabilitätsnarren« Goethe: »Dieser Mann eines Jahrhunderts hat eine ungeheuer hindernde Kraft; er ist ein grauer Star im deutschen Auge ... Seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, seit ich denke, weiß ich warum.« Börnes Grund: Der Jahrhundertmensch Goethe war gleichgültig gegenüber den politischen Zuständen seines Landes und dem Elend seiner Landsleute; er war ein Konservator der feudalen Ordnung, »Dichter der Glücklichen ... nicht der Menge«.

Dagegen lobte Börne den »sittlichen Sänger« Jean Paul, denn der »sang nicht in den Palästen der Großen, er scherzte nicht mit seiner Leier an den Tischen der Reichen«.

Dabei wäre Börne, der damals unter ständigem Geldmangel litt, in den Palästen der Großen durchaus willkommen gewesen. Am Wiener Hof, wo die Familie Baruch in hoher Gunst stand, erwarteten ihn Titel und Einkommen eines kaiserlichen Rats sowie die Zusicherung völliger Zensurfreiheit. Doch Börne mochte kein »Fürstendiener« sein: »Nach Wien gehe ich auf keine Weise.«

Statt dessen ging er auf Reisen, um Deutschlands Oppositionelle kennenzulernen. Er traf mit Ludwig Uhland, Friedrich List und Ernst Moritz Arndt zusammen und machte zweimal für längere Zeit Station in Paris, wo zwar die reaktionären Bourbonen regierten, aber trotzdem »klügere und mutigere Bürger ihre Rechte besser kennen und verteidigen als wir«.

Häufige Begleiterin auf diesen Reisen war Jeanette Wohl, die, um drei Jahre älter als Börne, dem Journalisten seit Beginn seiner Karriere als Ratgeberin, Buchhalterin, Korrektorin und Kopistin diente. Die geschiedene Madame Wohl, von ihrem Schützling als »liebes Brennglas« verehrt, ordnete Börnes spärliche Finanzen und spielte für ihn Lotterie; sie trieb ihn zur Arbeit an und pflegte ihn, als mit einem Blutsturz sein Lungenleiden ausbrach.

Heinrich Heine hat in seiner Streitschrift »Ludwig Börne«, die er nach dem Tod des Kollegen veröffentlichte, eine boshafte Karikatur von Börnes Jeanette, der »bekannten Freiheitsgöttin«, gezeichnet: »Ich sah eine magere Person, deren gelblichweißes, pockennarbiges Gesicht einem alten Matzekuchen glich. Trotz ihrem Äußeren, und obgleich ihre Stimme kreischend war, wie eine Türe, die sich auf rostigen Angeln bewegt, so gefiel mir doch alles, was die Person sagte; sie sprach nämlich mit großem Enthusiasmus von meinen Werken.«

Und: »Die böse Welt behauptete, Herr Börne säße bei Madame Wohl ... so recht in der Wolle; die ganz böse Welt zischelte, es herrsche zwischen beiden nur eine abstrakte Seelenverbindung, ihre Liebe sei platonisch.«

Offenbar hatte die ganz böse Welt recht. Jeanette heiratete schließlich den um zwölf Jahre jüngeren Kaufmann Salomon Strauß (der sich später wegen des »Börne«-Pamphlets mit Heine duellierte). Vor ihrer Eheschließung hatte sie sich freilich ausbedungen: »Der Doktor muß bei uns sein können, wann, wo und so oft und für immer, wenn er es will.«

Der politische Schriftsteller Börne, seit Mitte der zwanziger Jahre kränkelnd, war in seinem Papierkrieg gegen die Restauration schon ziemlich mutlos geworden, als sich 1830 seine sämtlichen Hoffnungen zu verwirklichen schienen. In Paris brach der Juli-Aufstand aus, die Polen revoltierten gegen den russischen Absolutismus, es gab Unruhen in Italien, Belgien, Portugal und sogar in Deutschland.

Börne brach unverzüglich nach Paris auf und wartete dort voller Ungeduld auf die große Revolution. In seinen »Briefen aus Paris«, die er an Jeanette adressierte und auf ihren Rat hin veröffentlichte, prophezeite er, »daß im Jahre 1831 ein Dutzend Eier teurer sein werden als ein Dutzend Fürsten«. Aber so optimistisch er sich auch gebärdete - der »Mai der Völker« blieb aus. Börne sah schließlich ein, daß in Paris nur ein Übel aufs andere gefolgt war: Der Bourbone Karl X. war gestürzt, die »Geldaristokratie«, der »Glücksritterstand« der Industriellen, hatte sich etabliert.

Trotzdem stachelte Börne, der sich in Paris zum Republikaner wandelte, in seinen Briefen weiterhin zur Rebellion gegen die Restauration auf. Er höhnte über »die Fürsten Reuß, Greiz, Schleiz, und wie sie sonst heißen« und fand die Unfähigkeit der Deutschen, Revolution zu machen, »zum Rasendwerden«.

Der erste Band der »Briefe aus Paris«, 1831 publiziert, wurde wegen seiner »gröbsten Schmähungen« verboten - doch zu spät. Er fand seine Kritiker ("Wo irgend auf deutschem Boden ein Galgen steht, wird man kein würdigeres Subjekt daran aufzuhängen finden als diesen Herrn Baruch modo Börne«, urteilte die »Münchner politische Zeitung"), doch er fand vor allem begeisterte Leser.

»Es ist eine wahre Lesewut mit Ihrem Buche«, meldete Jeanette ihrem Doktor. Börne wiederum berichtete 1832 über seine Teilnahme am Hambacher Fest der deutschen Liberalen (auf dem ihm seine Uhr gestohlen wurde): »Gestern abend brachten mir die Heidelberger Studenten ein Vivat mit Fackelzug vor meine Wohnung. Schon früher zog mir auf den Straßen alles nach mit Geschrei: 'Es lebe Börne, es lebe der deutsche Börne, der Verfasser der Briefe aus Paris.'«

Börne verbrachte die letzten sieben Jahre seines Lebens hauptsächlich in Paris. Er führte mit dem Ehepaar Strauß-Wohl einen Hausstand zu dritt, versammelte revolutionsgläubige deutsche Handwerker und Kaufleute um sich und gründete die Zeitschrift »La Balance«, in der er für eine deutsch französische Annäherung eintrat.

Seinen einstigen Freund Heinrich Heine, das »Lümpchen"', der wie er in Paris lebte und nicht mehr an eine deutsche Revolution glauben mochte, mied er, denn er fand: »Es ist ihm nichts heilig, an der Wahrheit liebt er nur das Schöne, er hat keinen Glauben.«

Der engagierte Eiferer, der Tendenz -Literat und politische Journalist Ludwig Börne starb 1837 und wurde auf dem Friedhof Père Lachaise begraben. Die deutsche Revolution, die er zeit seinens Lebens herbeisehnte, hat nie stattgefunden.

* Ludwig Börne: »Sämtliche Schriften«. Joseph Melzer Verlag, Düsseldorf, Band 1: 1224 Seiten; Band 2: 1240 Seiten; Band 3: 1190 Seiten; zusammen 148 Mark.

Börne-Freundin Jeanette Wohl

»Der Doktor muß bei uns sein«

Schriftsteller Börne

»Eier werden teurer als Fürsten«

Börne-Freundin Henriette Herz

»Louis liebt seine Faulheit«

Börne-Kritiker Heine

Pamphlet vom Lümpchen

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