Zur Ausgabe
Artikel 79 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FILM Eigensinnige Vögel

»Kaos« Spielfilm von Paolo und Vittorio Taviani. Italien 1984; 187 Minuten; Farbe. *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 12/1986

Ein Rabe kreist im blauen Himmel hoch über Sizilien. Kreist über schroffen Felsen, verkarstetem Land und satten Olivenhängen, über den Tempeln von Agrigent und über einem Gehölz, das im Volksmund Cavasu heißt. Dort in der Nähe ist der sizilianische Dichter Luigi Pirandello geboren und begraben, und er hat sich ausgedacht, daß dieser Flurname Cavasu vom griechischen Wort »Chaos« herkomme: »Ich bin ein Sohn des Chaos.«

Der Rabe trägt ein helles Glöckchen um den Hals. Hirten haben ihn gefangen, als er, ein Männchen, auf seinem Nest brütete, haben ihn verspottet, weil er mit diesem weibischen Verhalten seinem Geschlecht Schande macht, haben ihn mit seinen Eiern beschmissen und ihm die Narrenschelle umgehängt.

Der verquere, paradoxe, poetische Vogel kreist über dem Film »Kaos« von Paolo und Vittorio Taviani, den eine Reihe von Pirandello-Novellen inspiriert hat. Der Filmtitel ist nicht nur ein Gruß an Cavasu, im Chaos sehen die Tavianis ein Moment des Befreienden und Verwandelnden, eine Verheißung. Ihre Zuneigung ist bei denen, die immer unter die Räder geraten, bei den Chaoten und Dickschädeln, den Narren und Kindern, die, weil sie sich querlegen, doch für einen Glücksaugenblick die Geschichte aus ihrem dumpfen Trott bringen

Die Brüder Paolo und Vittorio Taviani, 54 und 56, die bedächtig und in zwillingshafter Unzertrennlichkeit ihre Filme machen, sind Landschaftslyriker. Wie sie in »Padre Padrone« die Gebirge Sardiniens durchforscht haben und in der »Nacht von San Lorenzo« ihre heimatliche Toscana, so taucht ihr Blick jetzt in die Landschaften Siziliens ein. Sie erzählen von Menschen, die tief in dieser Erde drinstecken: bäurische Krausköpfe, Mädchen mit engstehenden Augen, verrückte Greise - Bilder aus einer Welt, über die das 20. Jahrhundert noch nicht hereingebrochen ist.

Es sind unerhörte Begebenheiten, wo das Gräßliche und das Schwankhafte oft heftig zusammenstoßen. Die alte Frau, deren Leben von Marodeuren im Gefolge des Freiheitskämpfers Garibaldi verwüstet worden ist; der unglückliche Bauer, der in Vollmondnächten wie ein tollwütiger Wolf um seinen Einödhof herumheult; der bucklige Wanderhandwerker, der einen geizigen Gutsherrn übertölpelt; die rechtlosen Neusiedler auf fremdem Land, die dem Großgrundbesitzer mit störrischer List ihren Anspruch auf einen eigenen Friedhof abtrotzen, und mit dem Wohnrecht für die Toten auch das für die Lebenden - dem Fatalismus solcher Geschichten begegnen die Tavianis mit der Heiterkeit, die das helle Glöckchen am Hals des Unglücksraben verkündet.

»Kaos«, aus einer Fernsehserie entstanden, ist episodisch und deshalb, drei schöne Stunden lang, ein kleiner Film. Doch Erzählleidenschaft und Phantasie der Tavianis lassen das Beiläufige groß erscheinen. Ihr Stil ist auch theatralisch, bizarr, überbordend, wahrt stets einen Rest von Geheimnis, und die Musik von Nicola Piovani krönt ihn mit dem Pathos der großen Oper.

In der Schlußepisode tritt Luigi Pirandello selbst auf, kehrt als alternder Mann noch einmal nach Sizilien zurück, ins leere Elternhaus, und führt ein Geistergespräch mit seiner toten Mutter. Von der Kraft des Erinnerns ist da die Rede, und vom Blick der Toten auf die Lebenden, der die Dinge schmerzhafter und zugleich schöner erscheinen läßt - so ist auch der Blick der Tavianis. Ihr traumhafter Filmschluß bewegt sich zurück bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts, in eine Kindheitserinnerung von Pirandellos Mutter, und schafft einen Glücksaugenblick der ganz Gegenwart ist: Es sind die jüngsten Tavianis, die Kinder der Regisseure, die da weiß gekleidet im weißen Sand von Lipari herumtollen, so schwerelos, als könnten sie fliegen.

Urs Jenny _(Mit Enrica Maria Modugno. )

Mit Enrica Maria Modugno.

Zur Ausgabe
Artikel 79 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.