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Ein Amerikaner in Paris

Roman Polanskis neuer Thriller »Frantic« *
aus DER SPIEGEL 34/1988

Damit ein Thriller funktioniert, das heißt: sein Publikum beim Kragen packt, es in die Sitze drückt und nicht mehr losläßt, genügt es nicht, Schrecken zu verbreiten, Blut fließen zu lassen und Spannung zu erzeugen. Obwohl das schon eine ganze Menge ist.

Was dazukommen muß: Der Schrecken auf der Leinwand muß auf kollektive Ängste stoßen, auf etwas, das im Zuschauer nur darauf gewartet hatte, herausgekitzelt zu werden. Hitchcock war der absolute Meister solcher Angstmassagen der Seele. In den besten seiner Filme zeigt er, wie jemand, der brav, bieder und durchschnittlich seinen und unser aller Alltag lebt, durch einen perfiden Zufall ins tiefste Unheil und Verbrechen katapultiert wird.

Roman Polanskis neuer Film, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt, ist nicht zufällig in amerikanischen Kritiken unter Überschriften wie »Der Mann, der zu wenig wußte« oder »Eine Dame verschwindet« gefeiert worden, er heißt auch nicht ganz unschuldig »Frantic« (was an Hitchcocks »Frenzy« anklingt). Denn er ist die Fortsetzung Hitchcocks mit Polanskis Mitteln. Und das, weil er es meisterhaft versteht, eine richtige Taste in der kollektiven Seelenklaviatur der Angst anzuschlagen.

Es ist eine sehr zeitgemäße Angst, die viel mit hilflosen Bürokraten, einer fremd gleichgültigen Umwelt, überlasteten und überforderten Polizisten zu tun hat. Auch damit, daß überall Babylon ist. Wie, wenn man durch einen verdammten Zufall aus der Routine herauskatapultiert wird?

Der amerikanische Arzt, der da mit seiner Ehefrau aus San Francisco in Paris ankommt, um einen Medizinkongreß, auf dem er reden soll, mit einem touristischen Eheausflug zu verbinden, erlebt das Übliche. Die beiden leiden am Jet-lag, sind also übermüdet, sie haben Ärger mit dem Taxi, und einer ihrer Koffer wurde verwechselt. Ach ja: und ob die Kinder, allein gelassen zu Hause, nicht zu viel Unfug anstellen.

Der Verkehr in Paris war zwar chaotisch, aber das Hotel ist von gepflegter Neutralität, man blickt auf die Madeleine, das Frühstück ist bestellt, die Dusche angedreht. Was soll da noch passieren? Mit der Fluggesellschaft hat man wegen des Koffers telephoniert, man wird ein Formular ausfüllen, dann kommt das schon in Ordnung. Und dann erst mal schlafen, schlafen.

So beginnt Polanskis Film, stinknormal, wie es Millionen Woche für Woche erleben, wenn sie ein Wochende in einer Metropole gebucht oder ihre Frau auf eine Tagung mitgeschleppt haben.

Polanski fängt das atmosphärisch dicht, mit Akribie und neugieriger Geduld ein. Er weiß, daß er den Zuschauer so am besten dazu kriegt, den Arzt, wie ihn Harrison Ford kompakt und verläßlich spielt, und seine Ehefrau, die Betty Buckley als mütterliche Kameradin ihm ebenso solide zur Seite stellt, als seine Doppelgänger und Stellvertreter anzuerkennen. Nach dem Motto: Das könnte auch mir passieren.

Denn jetzt passiert es, die Frau verschwindet. Der Mann ist erst irritiert, dann verstört, gerät schließlich in Panik. Und da ihn die Behörden, die er aufsucht, nur irgendwelche Formulare ausfüllen lassen, muß er sich allein auf die Suche begeben. Allein und ohne Sprache. Und auf einmal ist die touristenfreundliche Stadt ein feindlicher Dschungel, von unsichtbaren Gegnern bevölkert. Überall gibt es Fallen, der Amerikaner in Paris steigt, ein Orpheus in der Unterwelt, hinab in eine Stadt der Discos, der Drogen und Hinterhöfe. Auch diese Welt dämonisiert Polanskis Film nicht. Auch sie ist so stinknormal wie die des Arztes. Sie ist nur total anders und verdammt viel jünger.

Aus dieser Welt taucht das junge Mädchen (Emmanuelle Seigner) auf, dessen Koffer das Unheil transportierte (ein McGuffin, wie direkt von Hitchcock). Die beiden sind auf einmal verbunden: die koksende Schöne und der stocksolide Arzt, der bald darauf buchstäblich barfuß durch die Hölle stolpert.

Das Ganze ist schaurig spannend und auf maliziöse Weise komisch: Denn während der Arzt wie ein lebendiges Mahnmal ehelicher Verläßlichkeit und tollkühnen Gattenmuts seine Frau retten will, muß er in den Augen der Welt ein immer mehr verkommender Ami sein, der in Paris, oh, la la!, total unter die Räder gerät. Einer, dem die Frau verlorengeht, der hätte auch gleich ohne Frau in das sündige Glitzerding reisen können - so sieht es jedenfalls aus.

Diese Maliziosität ist Polanskis Salz in der Suppe. Mit dem Thriller »Frantic« ist er, nach dem Holzbeinbruch der »Piraten«, gewiß wieder voll da. Während sein neuer Film durch Paris rast, fährt er mit unseren unbewußten Ängsten, aber auch mit unseren Wünschen ganz schön Schlitten.

Der Krimi, der zum Sightseeing aufbricht, kommt an einem verstörend anderen Ort an. Erst am Ende erreichen wir wieder das Tageslicht: das Paris der Touristen und Kongresse, einen sicheren Ort jedenfalls.

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