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LITERATUR Ein Autogramm von Gott

Elke Heidenreich über Benjamin Leberts Romandebüt
aus DER SPIEGEL 7/1999

Heidenreich, 56, lebt als Schriftstellerin in Köln; zuletzt erschien ihre (von Quint Buchholz bebilderte) Verserzählung »Am Südpol, denkt man, ist es heiß« (1998).

Mit 15 schreibt man Tagebuch - wenn man überhaupt einen Hang zum Schreiben hat und den Drang, die sogenannten großen Fragen des Lebens zu stellen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo will ich hin - und: warum? Im Tagebuch ist das Ich der Maßstab für alles. Man versucht, sich über sich selbst klarzuwerden, und obwohl man sich nie wieder so einzigartig und besonders fühlt wie mit 15, kommt einem doch später der Verdacht, daß alle Tagebücher 15jähriger sich ähneln.

Mit Sicherheit hat Benjamin Lebert zuerst Tagebuch geschrieben. Dann hat er wahrscheinlich einen Roman daraus gebaut - das heißt, er hat nicht mehr nur für sich, er hat für andere geschrieben. Das verändert den Blick. Mittlerweile ist er 17, das Buch heißt »Crazy« und kommt am 24. Februar in den Buchhandel. Die Lektorin Kerstin Gleba war auf Beiträge des jungen Lebert in »Jetzt«, der Montagsbeilage der »Süddeutschen Zeitung«, aufmerksam geworden, hatte ihn zu mehr ermuntert und dann eines Tages diesen erstaunlichen Text bekommen.

Der Roman springt den Leser gleich auf der ersten Seite an. Es ist eine autobiographische Geschichte: Ein 16jähriger Junge, der behindert ist (die linke Seite fast gelähmt), kommt wegen schlechter Leistungen, vor allem in Mathematik, in die fünfte Schule, ins Internat. Die Eltern haben sich getrennt, die Schwester ist lesbisch, die eigene Behinderung macht ihm zu schaffen, auch diese Schule wird er verlassen müssen. Lebert beschreibt: was er sieht, hört, fühlt, denkt. Er beobachtet mit großer Genauigkeit, staunend, er ist er selbst - und nimmt sich doch völlig zurück.

Diese Distanz zum eigenen Leben mit 16 Jahren - das ist das Erstaunlichste an Leberts Buch. Er erzählt ja das, was er gerade im Augenblick erlebt - und er erzählt es schon, indem er daneben steht und zusieht. Und er erkennt seine eigene noch so ungefestigte Position: »Meine Eltern mögen das Gebäude. Sie sagen, der Klang der Schritte auf dem Holzbelag sei schön. Was weiß ich schon davon.« Und, kurz danach: »Unterwegs achte ich auf den Klang des Holzbelags. Ich finde ihn nicht schön. Aber wen interessiert das.«

Uns interessiert das. Wir gehen in den Fußgängerzonen oft genug ratlos hinter diesen jungen Schlaksen her, die mit verkehrt herum aufgesetzten Baseballkappen, übergroßen Hosen und riesigen Turnschuhen abwesend und abweisend vor uns herschlurfen. Lebert schafft es nicht nur, daß wir ahnen, was in ihren Köpfen vorgeht, er schafft es sogar, daß wir die mögen, die sie tragen. Mit einem schlafwandlerischen Talent konstruiert er seine Geschichte.

Einmal gehen die Freunde, damit mal was los ist, zu einer Sexberaterin. Welche gutgemeinten Ratschläge die grinsenden Teenager da mit auf den Weg bekommen, das beschreibt er kaum, aber sehr genau, wie das Wartezimmer aussieht, was auf dem Beratungsschild steht, wie sich die Freunde bei dieser Mutprobe fühlen und was zwischen ihnen geschieht. Er tut das mit Sätzen von Hemingwayscher Knappheit und Direktheit, und Hemingways »Der alte Mann und das Meer« liest er im Zug auf einer Reise nach München vor - weinend, staunend: Ist das Literatur?

Janosch, einer der Freunde des Ich-Erzählers, sagt: »Literatur ist, wenn du ein Buch liest und unter jeden Satz ein Häkchen setzen könntest - weil es eben stimmt.« Bei Lebert lassen sich viele Häkchen setzen: Der Ton stimmt, die Konstruktion stimmt, die Geschichte stimmt. Nie wieder stellen wir die Fragen so wie in diesem Alter, in dem noch alles irgendwie crazy ist. Auch Gott ist crazy. Weiß Gott, daß es uns gibt? Werden wir irgendwann vor ihm stehen und ihn wirklich sehen? So fragt Benjamin den Freund.

»Irgendwann sicher«, entgegnet Janosch. »Und ich glaube, dann hole ich mir ein Autogramm von ihm.« »Du willst dir ein Autogramm von Gott holen?« frage ich. »Klar«, entgegnet Janosch. »Da kommt man ja sonst nicht so oft dazu.« »Du bist wahnsinnig«, sage ich. »Meinst du wirklich, Gott gibt dir ein Autogramm?« »Gott gibt jedem ein Autogramm«, erwidert Janosch.

So hinreißend wie dieses Zitat ist das ganze Buch, und wir fühlen uns alt, weil wir von Gott schon nicht mal mehr ein Autogramm wollen und weil wir erfahren, daß es sich bei den Rolling Stones um »eine Rockgruppe aus vergangener Zeit« handelt. Auf einem Bleistift liest Benjamin (im Buch: Benni): »Built your own future«, und er schreibt: »Daß ich nicht lache. Ich habe noch nicht einmal das Gerüst aufgebaut. Aber gut. Ich bin sechzehn. Das Leben liegt noch vor mir. Das sagt man doch so, oder?« Aber er seufzt auch: »Man ist noch ziemlich jung und wird schon derartig verarscht.«

Das Buch handelt vom Erwachsenwerden, von Sehnsucht, Träumen, Freundschaft. Es handelt von Sex und Liebe, es ist ein zärtliches, uneitles, ein ganz und gar erstaunliches und wunderbares Buch von einem hochtalentierten, sehr jungen Autor, den wir bitte jetzt nicht in diversen Talkshows sehen möchten. Wir vertrauen dem Verlag, daß er diese Pflanze schützt und hegt und diesen Autor in Ruhe neue Geschichten erleben und aufschreiben läßt.

Denn, so Lebert über Paul Auster: »Soll einer dieser wenigen grandiosen Autoren sein. Aber davon gibt es inzwischen auch schon wieder Tausende.« Stimmt. Aber einen wie Lebert habe ich noch nie gelesen. Lassen wir noch einmal Freund Janosch sprechen: »Laß uns einfach lesen. Aus Freude am Lesen. Und aus Freude am Verstehen. Und laß uns nicht darüber nachdenken, ob es Literatur ist oder nicht. Das können andere tun. Wenn es tatsächlich Literatur ist, dann um so besser. Wenn nicht, dann ist es auch scheißegal.«

Elke Heidenreich
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