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INTELLEKTUELLE Ein befreiender Streit?

In der anhaltenden Großdebatte über die Friedenspreisrede von Martin Walser, dem Ignatz Bubis »geistige Brandstiftung« vorgeworfen hatte, sind nun erstmals mildere Töne zu hören. Gestritten wird jetzt über die Bewertung dieser Auseinandersetzung, die das Land bewegt.
Von Henryk M. Broder und Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 50/1998

Eine Stunde lang diskutierte die illustre Runde im Schinkelschen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt über die »Berliner Republik«, so, als sei »Streitkultur« eine Frage der richtigen Dosierung des kostbaren Parfums namens »Metropolendiskurs«. Mehr von diesem Stoff, »mehr Streit«, forderte etwa der Historiker Heinrich August Winkler, während BMW-Vorstandsmitglied Horst Teltschik, einst Helmut Kohls rechte Hand im Kanzleramt, in vorauseilender Dynamik schon mal den urbanen, »spritzigen« Berliner Geist lobte.

Erst als Marcel Reich-Ranicki, 78, im zweiten »Hauptstadtgespräch« am Dienstag vergangener Woche auf jene intellektuelle Dauerschlacht einging, die inzwischen selbst in Boulevardzeitungen Schlagzeilen macht, ahnte man, was eine wirkliche Debatte sein könnte: ein Versuch, Zustände und Positionen zu klären, indem sie möglichst genau benannt werden. Plötzlich wurde es mucksmäuschenstill im Theatersaal.

So bezeichnete der Frankfurter Literaturkritiker, dessen polnisch-jüdische Eltern von den Nazis ermordet wurden, Martin Walsers umstrittenen Paulskirchen-Vortrag über das »Wegschauen« angesichts der »Dauerpräsentation unserer Schande« als

* Am 26. November in der Universität Duisburg.

»eine unseriöse Provokation«, eine »verantwortungslose Rede«. »Das ist der eigentliche Skandal: Sie nennt nicht Roß und Reiter« - statt dessen »wimmele« es in ihr »von unklaren und vagen Darlegungen«, mit denen sie »Argumente für die Stammtische« liefere.

In seinem tags darauf veröffentlichten Kommentar für die »FAZ« nahm er zugleich Walser und Dohnanyi gegen den Vorwurf eines »latenten Antisemitismus« (Bubis) in Schutz. Dies sei der »größte Unsinn«, der Ignatz Bubis in den letzten Jahren unterlaufen sei. Dennoch fragte auch Reich-Ranicki nach jenen »Meinungssoldaten«, die Walser angeblich mit »vorgehaltener Moralpistole« in den »Meinungsdienst« zwingen: »Wo sind diese Meinungssoldaten - in der ,Zeit'', im SPIEGEL oder in der ,Frankfurter Allgemeinen Zeitung''? Ich kann sie nicht ausmachen.«

Reich-Ranickis Beitrag war auch ein Versuch, Brücken zwischen den Streitenden zu bauen - »eine Diskussion, aus der wir alle viel lernen können« -, und tatsächlich: Neben Bemühungen, Walser, Bubis und Dohnanyi zu einem gemeinsamen Fernsehauftritt zu bewegen, entwickeln sich auch private Gesprächsfäden. Gegenüber dem SPIEGEL bestätigte Bubis »Anfragen von allen Seiten": »Doch es gibt keinen Grund, mich vorher für irgend etwas zu entschuldigen - nur im Gespräch selbst könnte ich mich überzeugen lassen.«

Noch nie seit Kriegsende gab es eine derart unmittelbare, öffentliche und folgenreiche Konfrontation zwischen prominenten Juden und Nichtjuden über den Gegenstand, der sie zutiefst entzweit, entzweien muß: über den Holocaust und die Art und Weise, heute mit ihm umzugehen.

Plötzlich scheint sich jenes »Gedenkdilemma« (Salomon Korn) zu offenbaren, das bislang durch einen »in floskelhaften Redewendungen kanalisierten Jargon der Betroffenheit« überdeckt wurde. Für die einen, die Opfer und ihre Kinder, ist es im Wortsinne lebensnotwendig, die Erinnerung an die Schrecken zu bewahren; für die anderen ist es vor allem moralische Pflicht - eine Forderung, kein Bedürfnis. Bei den Nachkommen der Täter wächst so immer wieder der Wunsch, das Gewissen zu entlasten, der Forderung des moralischen Über-Ichs zu entkommen und endlich einmal »in Ruhe gelassen« zu werden.

Hier hat Walsers Rede, die Rede eines sensiblen, selbstzweiflerischen Gewissensmenschen und hochkränkbaren Dichters, gewirkt: Sie wurde, »das ist unübersehbar, befreiend empfunden - das Gewissen befreiend«, wie Martin Walser in seiner Duisburger Rechtfertigungsrede selbst formulierte. Doch wenn laut Walser und Dohnanyi jeder einzelne sich immer wieder aufs neue selbst und ganz allein befragen muß, wie ist dann diese spontane, zustimmende Kollektivreaktion zu verstehen, die sich nicht nur im stehenden Beifall in der Paulskirche und vielen Leserbriefen, etwa in der »FAZ«, dem Hauptaustragungsort der Meinungsschlacht, zeigte, sondern auch in jenen tausend fast ausnahmslos positiven Zuschriften, die Walser persönlich erreichten?

War also nicht die Klarheit der Rede und die Wahrheit ihres Inhalts Grund für das Gefühl der Befreiung bei der Mehrheit des Publikums, sondern das gerade Gegenteil davon - das diffuse Unbehagen an der »Dauerpräsentation unserer Schande«, die auch Walser plagt? Sind demnach die gegenseitigen Mißverständnisse, Kränkungen und Verletzungen konstitutive Elemente der Debatte? Dann müßte vor allem dieses Unbehagen des Schriftstellers, der immer wieder »ich« sagt, explizit geklärt werden - wer empfindet es wann und warum eigentlich? Und: Wer kränkt wen?

Schon wird manchen dieser Streit um die »Moralkeule« namens Auschwitz wieder zuviel. Ralph Giordano, der die Nazi-Zeit in einem Versteck überlebte, ruft zur Versöhnung im Namen der Vernunft auf. Andere warnen vor der hohen »Entzündlichkeit« des Themas, und Horst Mahler, Ex-RAF-Kämpfer, fordert gar in einem anmaßenden, von Antisemitismus durchdrungenen »offenen Brief« an Bubis: »Sir, geben Sie Gedankenfreiheit!«

Mahler meint, der »über das Grauen« des Holocaust empfundene »Schock« habe »nicht die im christlichen Abendland tief verwurzelten antijüdischen Ressentiments zum Verschwinden gebracht. Dieser Schock hat uns nur den Mund verschlossen und uns zu Heuchlern gemacht«. Und weiter: »Schon der Anspruch der Juden, das von Gott auserwählte Volk zu sein, ist notwendig begleitet von Ablehnung der Juden durch die anderen Völker, die sich nach der jüdischen Lehre als ,nicht auserwählte'' begreifen müssen. Darüber muß man frei reden dürfen.« Verglichen damit mutet der Walser unterstellte »latente Antisemitismus« milde an. Immer neu aber ist zu fragen: Was genau meinen diejenigen, die den Begriff »Antisemitismus« benutzen?

Der Begriff wurde vor 120 Jahren, 1879, von dem Berliner Journalisten Wilhelm Marr erfunden, um dem traditionellen Judenhaß ein modernes Kleid zu verpassen: Antisemitismus. Doch wie man Antisemitismus definieren soll, was ihn von gewöhnlichem Rassismus unterscheidet, darüber gehen die Ansichten der Experten weit auseinander.

In den USA machen sich Juden über den Antisemitismus und die Antisemiten mit der verbreiteten Formel lustig: »Antisemitismus ist, wenn man die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich natürlich ist« - eine für deutsche Verhältnisse unerhörte Frivolität, die mit sofortigem Platzverweis vom Diskursgelände geahndet würde. Auch der k. u. k. Satiriker - und Jude - Alexander Roda Roda würde sich heute mit seinem Kalauer »Aus dem Antisemitismus könnte schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden« nur Ärger einhandeln. Denn Antisemitismus gehört in Deutschland zu den verbotenen Gefühlen, und bekennende Antisemiten sind eine äußerst rare Spezies. Der Grund dafür heißt: Auschwitz.

Vor Auschwitz war Antisemitismus eine ebenso weitverbreitete wie zulässige Haltung. Man war Antisemit, so wie man Vegetarier, Schrebergärtner oder Freizeitturner war. Es gab antisemitische Literatur in Hülle und Fülle, antisemitische Vereine und antisemitische Parteien, die ganz offen agierten. Es gab Antisemiten, die jüdische Freunde hatten, und es gab Juden, die selbst Antisemiten waren.

Wer sich heute als Antisemit outen würde, müßte damit rechnen, sofort rückwirkend für Auschwitz mitverantwortlich gemacht zu werden. Das möchte sich niemand antun, und deswegen fristen Antisemiten eine Existenz wie Alkoholiker zur Zeit der Prohibition: Sie berauschen sich heimlich, im Schutz der Dunkelheit oder in den eigenen vier Wänden.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele hat sich zur Zeit des Golfkriegs gegen den Vorwurf gewehrt, ein Antisemit zu sein, obwohl er sich gegen jede Waffenhilfe für Israel ausgesprochen und erklärt hatte, die Israelis wären selbst schuld daran, wenn sie mit Raketen beschossen würden. Es war ihm nicht bewußt, daß die Behauptung, das Verhalten der Juden sei ursächlich für die gegen sie gerichteten Maßnahmen, ein fester Topos der antisemitischen Rhetorik ist.

Der Antisemitismus ist keine fixe Größe, die man messen kann, sondern ein flexibles Kontinuum, das bei harmlosen Witzen anfängt und bei der »Endlösung« aufhört. Wer »Hier geht''s ja zu wie in einer Judenschule!« ruft, wenn ihn lärmende Kinder stören, oder keine Juden als Nachbarn haben möchte, der rechtfertigt damit noch lange nicht den Holocaust, aber er zeigt, daß er bereits kontaminiert ist. Den lupenreinen Totalantisemiten findet man am ehesten noch in der Literatur.

Im wahren Leben sind es freundliche Zeitgenossen, die von »jüdischen Spekulanten« sprechen, während sie sich für die Religionszugehörigkeit von Spekulanten, die keine Juden sind, nicht interessieren.

Kein Mensch käme auf die Idee, frauenfeindliches Verhalten erst bei einer Vergewaltigung anfangen zu lassen. Doch solange Juden nicht in Viehwaggons auf die Reise geschickt werden, haben sie offenbar keinen Grund, sich zu beschweren. Und wer Juden nicht auf die Reise schickt, sondern sie, wie Dohnanyi es mit Bubis tat, nur auffordert, nichtjüdische Bürger nicht zu verletzen, suggeriert zweierlei: daß die jüdischen Bürger ihren Status mißbrauchen und daß die Nichtjuden sich gegen diesen Mißbrauch zur Wehr setzen müssen.

Aus der Debatte voller Mißverständnisse ist vor allem zweierlei zu lernen: Die »Medien«, nicht nur von Walser gescholtenes Instrument der »Meinungssoldaten«, sind offenbar genau der richtige Ort, um Argumente öffentlich auszutauschen und wenigstens ein paar Wahrheiten herauszufinden. Und: Einen Konsens über die Erinnerung an den Holocaust, einen perfekten Ausweg aus dem »Gedenkdilemma« wird es nicht geben - mit oder ohne Mahnmal.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn die erhitzten Kontrahenten, moralisch wie intellektuell, ein Mindestmaß an gegenseitigem Verständnis aufbringen könnten, was auch heißt: hier und da von der jeweils eigenen Bewußtseinslage zu abstrahieren, die Fesselung ans bornierte Ich zu überwinden. Das wäre sogar noch ein Fortschritt im Nebenfach der »Streitkultur«. HENRYK M. BRODER, REINHARD MOHR

* Am 26. November in der Universität Duisburg.

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