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NOBELPREIS Ein Butt und drei Bücklinge

Die Verleihung des Nobelpreises an Günter Grass und seine Mitgewinner geriet zu einer Feier der Aufklärung in höfischem Gewand. Von Alexander Smoltczyk
aus DER SPIEGEL 50/1999

Geist braucht Ordnung, Würde braucht Zeremonie. Und deswegen wird den Nobelpreisträgern gleich am ersten Abend, kaum haben sie ihre Koffer im Stockholmer Grand Hotel ausgepackt, ein Schulungsfilm gezeigt.

Da sind die Fehler der Vorgänger als warnendes Exempel. Pearl S. Buck, die rückwärts zu ihrem Samtstuhl zurückging, um Gustaf V. nicht den Hintern zuzuwenden, oder Wislawa Szymborska, die ihre drei vorgeschriebenen Bücklinge allesamt dem König zuerteilte.

In der zweiten Reihe sitzt, kaschubenköpfig und qualmend, der Schriftsteller Günter Grass neben Günter Blobel, dem Zellbiologen, und raunzt ihm zu, ob er wohl mit den 120 Sekunden Redezeit hinkomme am Freitag. (Er kam.)

Egal ob sie Atome sichtbar gemacht haben (wie Preisträger Ahmed Zewail) oder ihr Leben der nichtabelschen Eichtheorie gewidmet (Gerardus ''t Hooft und Martinus Veltman), egal ob sie die Gesetze der globalen Kapitalströme in Formeln gebannt haben (Robert Alexander Mundell) oder gegen ebendiese Gesetzmäßigkeiten knorzig anstänkern - die Blüten von Geist und Wissenschaft fügen sich dem höfischen Ballett der Nobel-Zeremonie und erscheinen pünktlich am Freitagmorgen zur Generalprobe, um den dreifachen Bückling zu üben.

Um nicht auszurutschen, hat Grass sich die Sohlen seiner Lackschuhe aufrauen lassen. Jedem Laureaten steht eine Volvo-Limousine mit Chauffeur zur Verfügung. Er wird auf Händen getragen, von Termin zu Termin: Ehrenbankett, Botschaftsempfang, Live-Sendung »Nobel Minds«. Jungforscher wollen ermuntert werden, Sponsorengattinnen erfreut.

Um da durchzufinden, gibt es einen persönlichen »Nobel-Attaché«, der ist Führer, Träger, Treiber und so effizient, dass die meisten Geister abends viel zu müde sind, um in der Bar des Grand Hotel noch mit den standfesteren Teilchenexperten Velt-

man und Zewail über Quarks zu reden. Man bleibt doch lieber en famille.

Die Verleihung des Nobelpreises ist ohnehin als Familienfeier gedacht. Ein netter Umstand, der den Damen vom Stiftungsbüro einiges abverlangt. Die Deutschen stellen dieses Jahr zwar nur anderthalb Laureaten (Günter Blobel hat einen amerikanischen Pass), doch füllen sie einen gut Teil der Gästeliste. Blobel ist mit sechs Geschwistern und deren Nachkommen angereist, insgesamt eine Delegation von 42 Personen. Grass hat seine acht Kinder eingeladen, dazu jene drei ausgewachsenen Enkelkinder, die lesen.

Es sind die Angehörigen, die für die nötige Unwucht im Protokoll sorgen. Der 67jährige Geldökonom Mundell bestand darauf, seinen Sohn zum Bankett mitzubringen. Das tut jeder. Aber Mundells Söhnchen trägt noch Windeln. Es hat noch nie einen Zweijährigen beim Nobel-Bankett gegeben.

Professor Walter Kohn, bahnbrechender Analytiker der Elektronenverteilung, konnte seine Medaille vergangenes Jahr nicht entgegennehmen, aus familiären Gründen. Diesmal sind alle gesund, aber die jüngste Tochter hat ihre religiöse Phase, sitzt mit verhülltem Haar in der Lobby und isst koscheres Toastbrot. Auch zum Nobel-Bankett könne sie nicht kommen: Sabbat.

Selbst einen Unsterblichen entlässt die Historie nicht, die kleine Homestory nicht, die große andere schon gar nicht. Es dauert genau neun Minuten, bis der Literaturpreisträger, kaum auf schwedischem Boden gelandet, zum ersten Mal »Auschwitz« sagt.

Aber das ist nicht seine Schuld. Irgendwie schaffen es die Journalisten mit wenigen Fragen, Grass zur Nennung der bekannten Todsünden zu bringen: kolonialer Hochmut, Neoliberalismus, Ausverkauf Ostdeutschlands, Medienmultis, Yuppie-Feuilleton etc. Er redet gut. Seine Zornesworte sind geschliffen und gemeißelt. Wie Mahntafeln, die schon sehr lange hängen. »Stellen Sie mir doch literarische Fragen«, bittet er zufrieden. Nein, Günter Grass ist nicht mehr zornig. Das ist an der Art zu sehen, wie er sich auch die verwegensten Fragen ("Sehen Sie sich als Nachfolger Goethes auch in dessen Verhältnis zum zarten Geschlecht?") diskret abwischt. Das sieht man daran, wie er milde einen bösen Kommentar der »Welt« ("kein würdiger Kandidat") zitiert. Auswendig.

Vorbei, vorbei. Seit dem 30. September 1999, dem Tag der Verkündigung des Preises, weil er in »munter schwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet« habe, ist Grass glücklich. Gerade »wer notorisch auf Seiten der Verlierer« steht, darf mal eine Woche Gewinner sein.

Er genießt die Woche in Stockholm. Nicht wegen der Aufmerksamkeit, noch weniger wegen der Presse, nein, er genießt den Ruhm. Das Fest. Die mit »Rättin« und »Butt« verzierten Schaufenster. Die Politbüro-Limousine, den persönlichen Sekretär, Herrn Kanzleirat Wilhelm von Warnstedt, den Auftritt in der Deutschen Schule, wo er wie ein Backstreet Boy umringelt wird. Er genießt es, wenn der deutsche Gesandte ihm die Honneurs macht. Wenn er früher ein Goethe-Institut besuchte, sei der Botschafter »demonstrativ« ferngeblieben oder musste »irgendein Trachtenfest« besuchen.

Grass'' Nobel-Vorlesung »Fortsetzung folgt ...« wird gehalten im goldbetressten Prachtsaal der Schwedischen Akademie. Wortmächtig beschwört er das Versprechen jeden Erzählens: Es geht weiter. Trotz der verstreichenden Zeit, trotz des »Diktats Globalisierung« und des »kulturbetrieblichen Jammertals«. Auch trotz Auschwitz: »Nur so, indem sie zum Gedächtnis wurde und die Vergangenheit nicht enden ließ, konnte die deutschsprachige Nachkriegsliteratur die allgemein gültige Schreibregel ,Fortsetzung folgt ...'' für sich und gegenüber den Nachgeborenen rechtfertigen.«

Er liest, wie nur Grass lesen kann. Jeder Konsonant zu hören, jeder Satz wie eine letzte Botschaft: »Dem Andrang der Hungernden wird kein Riegel standhalten. Davon wird in Zukunft zu erzählen sein ... Und selbst wenn eines Tages nicht mehr geschrieben und gedruckt werden wird oder darf, wenn Bücher als Überlebensmittel nicht mehr zu haben sind, wird es Erzähler geben, die uns von Mund zu Ohr beatmen, indem sie die alten Geschichten aufs Neue zu Fäden spinnen.« Das ist wahr und schön, der Saal strahlt golden, und es gibt mehr als herzlichen Applaus.

Der 10. Dezember, die Preisverleihung am Todestag Alfred Nobels, ist Schwedens Fest der Feste. Das Land flaggt, und schon Tage zuvor wird in der Zeitung über die Menüfolge spekuliert. An der Zahl der reservierten Plätze lässt sich mehr über Ansehen und Bonität eines Konzerns ablesen als an seiner Bilanz. Ericsson liegt deutlich vor Volvo.

Damit nichts schief geht, müssen sich alle Laureaten und Akademiemitglieder schon morgens zur Probe einfinden. Nur der König wird gedoubelt. Das Konzerthaus blüht voll Gladiolen und Amaryllen, fuderweise geschickt aus San Remo, dem Alterssitz des Stifters. Zum Mozart-Marsch in D-Dur treffen sich die Prozessionen von Preisträgern und Akademikern - und schon nach kurzer Zeit zeigt sich, wie schwer es ist, sieben Großgeistern beizubringen, wann sie synchron, wann einzeln aufzustehen haben.

Vom Bückling ganz zu schweigen. »Dann beugen Sie sich zu Ihrer Majestät, zur Akademie und zum Publikum. Nein, alle stehen auf, wenn der König aufsteht. Bitte, noch einmal. Der Akademie-Sekretär Horace Engdahl hält die Laudatio: Also blablablabla - das steht nicht für Ihre Entdeckungen und Leistung, meine Herren -, und dann erheben Sie sich ...«

Und genau so verläuft dann auch die Zeremonie. Nur dass Musik und König live zu hören sind, und Horace Engdahl sagt: »Günter Grass! Ihr Sinn für Proportionen hat der Menschheit einen Dienst erwiesen ... Sie haben aufgezeigt, dass die Literatur eine Macht bleibt, solange sie erinnert, was Menschen gerne schnell vergessen.«

Aber erst abends, beim Nobel-Bankett im Blauen Saal des Stadthauses, zeigt sich, wozu eine Monarchie, und sei sie auch protestantisch, fähig ist. Ein veritabler Eintags-Parnass ist das, mit Fanfarenstößen, Bannerträgern, Fackeln und Orgelgebraus aus 10 000 Pfeifen. Mit 65 Festtafeln (beladen mit Kaviar-Hummer-Creme, goldfarbenen Löffeln und speziellem Nobel-Porzellan), die sich in abnehmender Exzellenz - ganz außen die Journalisten - um den 50 Meter langen Ehrentisch scharen.

Da sitzen die Reichsmarschälle und Bankdirektoren, die Noblen und Nobelierten. Die Macht beugt sich dem Geiste. Grass sitzt zur Linken von Prinzessin Christina, Günter Blobel ist nur auf Grund der Geschlechterfolge vom König getrennt.

Es ist die reine Pracht und choreografiert wie ein javanischer Tempeltanz. 200 Lakaien, dirigiert von einem Zeremonienmeister, schaffen es, synchron 1270 Gedecke zu servieren. Punkt 19.09 Uhr toasten Seine Majestät nach rechts, nach links, zum Wohle Alfred Nobels, und 1270 Ehrengäste mit Schwalbenschwanz oder langer Abendrobe machen es nach, rechts, links. Skål.

Auch Volker Schlöndorff hat noch einen Platz bekommen und muss da dreieinhalb Stunden ausharren. Keiner verlässt den Blauen Saal vor Carl XVI. Gustaf. Ein 20-minütiges Divertimento im Stil der zwanziger Jahre bereitet den Höhepunkt vor: den feierlichen Einmarsch des illuminierten Ananas-Sorbets, der »Glace Nobel«. Mundell singt »I Did It My Way«, Blobel beschwört die Scientific Community, Grass seinen Mentor, Hans Werner Richter, der ihm, »dem jungen, ganz auf sich bedachten Autor, Toleranz beigebracht« habe. Es ist großartig. Der König erhebt sich, alle erheben sich, und im Goldenen Saal wird getanzt: Grass als Tango-Schieber munter dabei, im durchgeschwitzten Frack bis Mitternacht.

Und dann, nach einer Woche voller Fanfaren und leuchtender Eiskrem, voll Huldigungen von Majestäten, Botschaftern und Schulkindern, dann endlich könnte sich, mit dem Verlöschen der letzten Ehrenfackel am Stadthaus, auch in dem trotzigsten Kaschubenschädel die Einsicht gesetzt haben, dass es irgendwann vorbei damit ist, den machtlosen und missachteten Dichter zu geben: Du hast gewonnen, Günter Grass.

* Oben: bei der Preisübergabe letzten Freitag in Stockholm;unten: in der Aula der Universität.

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