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KARRIEREN Ein deutsches Märchen

In Frankreich feiert die Fassbinder-Muse Ingrid Caven ein Comeback - als Romanheldin und Sängerin.
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 45/2000

Natürlich wird Ingrid Caven das schwarze Kleid wieder tragen - jenes magische Gewand, das ihr der Couturier Yves Saint Laurent einst in einem Ausbruch schöpferischer Leidenschaft aus einem Ballen Satin auf den nackten Leib schneiderte - »wie ein Mikrochirurg, der kunstvolle Schnitte durch die Haut zieht«, so sah es jedenfalls Cavens Gefährte Jean-Jacques Schuhl.

In der Robe des Meisters schaffte die Caven ihren großen Durchbruch im Pariser Variété Pigall''s, wo sie mit rauchiger Stimme und lasziven Gebärden ein deutsch-französisches Liedprogramm vortrug. Das ist mehr als 20 Jahre her, und damals feierte man sie als neue Edith Piaf. Doch bald vergaß das launische Pariser Publikum die deutsche Diva. Ingrid Caven, so schien es, gehörte einer vergangenen Zeit an.

Jetzt aber ist die »Stimme der achtziger Jahre« gleich doppelt wieder da: als Sängerin wie als Heldin eines hochgepriesenen biografischen Romans. Ende dieses Monats wird die Caven, 62, in den Folies-Bergère und im Odéon-Theater auftreten, mit Liedern ihrer neuen CD »Chambre 1050« - und im schwarzen Kleid. Es könnte der triumphale Schlussakkord ihrer Karriere werden. Deren Verlauf lässt sich nun nachlesen in »Ingrid Caven«, dem Buch ihres Lebensgefährten Schuhl, das vorige Woche mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde**. In Frankreich sorgt diese höchste Ehrung unweigerlich für eine Bestseller-Auflage.

Für Schuhl, 59, ist das Werk eine umjubelte Rückkehr aus dem Schatten des Kulturbetriebs, in dem er ein Vierteljahrhundert lang verschwunden war. 1972 hatte er den Roman »Rose Poussière« veröffentlicht - ein Insider-Tipp, von dem gerade 2500 Exemplare verkauft wurden; vier Jahre später folgte »Télex no 1«. Danach herrschte Schweigen, Schuhl verbrachte seine Zeit an der Seite Cavens mit Zeitunglesen.

Jetzt aber zeigt er wieder, was er kann: Schuhl schreibt wie ein Schlittschuhläufer,

leicht und grazil, mit Pirouetten und waghalsigen Sprüngen. Seine biografische Annäherung an die Diva ist aufgebaut als Abfolge von geradezu filmischen Szenenbildern, die sich zu einem deutschen Lebenslauf der Nachkriegszeit zusammensetzen.

Zugleich führt der Autor einen makabren Dialog mit einem Toten: Ohne den 1982 verstorbenen Regisseur Rainer Werner Fassbinder, der Caven zur Schauspielerin machte und von 1970 bis 1972 mit ihr verheiratet war, würde es Schuhls Roman nicht geben.

Neben Fassbinders Leiche fand man einen Zettel, ausgerissen aus einem Drehbuch. Mit zittriger Schrift hatte Fassbinder 18 Punkte in Stichworten notiert: die (echten und imaginierten) Lebensetappen von Ingrid Caven, mit der er gern gemeinsam dahingeschieden wäre. Unter anderem prophezeite der Sterbende ihr das »Ende mit Jean-Jacques«. Ein letzter Versuch, die Frau, die ihm entglitten war, zurückzurufen - eifersüchtig über Scheidung und Tod hinaus.

Schuhl war erschüttert, fühlte sich aber auch herausgefordert. War dieser Nachlass eine Art böser Zauber? Jedenfalls sah Schuhl darin einen »Stab, den ich übernehmen wollte«. Er begann, die Caven auszuforschen, versteckte und verdrängte Erinnerungen hervorzuholen, eine Biografie zu schreiben, in der alle Fakten stimmen und die sich doch liest wie ein Märchen - ein deutsches Märchen wohlgemerkt, angesiedelt in einer Welt, in der die Sehnsucht wichtigstes Lebensgefühl ist und Verzückung dicht neben dem Entsetzen liegt.

Die Caven, die auf der Bühne laut Schuhl immer noch »die Kaltblütigkeit eines Torero, die Konzentration eines buddhistischen Mönchs und die vitale Phantasie einer Puffmutter« besitzt, stand ihm zunächst nur widerstrebend Rede und Antwort. Doch nun, da ihr Leben vor aller Augen ausgebreitet liegt, fühlt sie sich befreit: »Was schmerzlich oder obszön war, ist mit einmal sehr leicht geworden, wie von mir gefallen, als hätte ein Teil meines Lebens nichts mehr mit mir zu tun.« ROMAIN LEICK

* Im Film »Schatten der Engel«.** Jean-Jacques Schuhl: »Ingrid Caven«. Gallimard Verlag,Paris; 300 Seiten; 110 Francs.

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