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EIN DRITTEL DER MACHT DEN STUDENTEN?

aus DER SPIEGEL 43/1968

SPIEGEL: Herr Minister, Sie haben den Entwurf für ein neues hessisches Universitätsgesetz vorgelegt, den viele Professoren für revolutionär halten und deshalb entschieden ablehnen. An Hessens Hochschulen soll es keine Rektoren, keine Fakultäten, keine Institute mehr geben, und Studenten sollen im Konzil im Parlament, wo es um die Hochschulpolitik geht -- gleichberechtigt mit Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern mitbestimmen dürfen.

SCHÜTTE: So ist es.

SPIEGEL: Professor Jürgen Habermas, selber ein Reformer, hat uns gesagt, Ihr Entwurf wäre, wenn er vom Landtag akzeptiert würde, ein »Jahrhundertgesetz«. Wie weit würden Sie gehen, um Ihren Entwurf durchzusetzen? Würden Sie eher zurücktreten als auf dieses Programm verzichten?

SCHÜTTE: Das ist nicht die Alternative, vor der ich stehe. Ich habe lediglich einen diskussionsfähigen Referentenentwurf vorgelegt, der noch der Beratung im Kabinett bedarf. Dann liegt die Entscheidung beim Parlament. Daß mir die hessischen Rektoren vorübergehend das Mißtrauen ausgesprochen haben, braucht mich nicht in Panik zu versetzen. Das haben sie vor zwei, drei Jahren auch getan, als wir ebenfalls vor einem neuen Hochschulgesetz standen, wir haben uns dann doch verständigt.

SPIEGEL: Aber damals wurde das Gesetz nur mit erheblichen Abstrichen angenommen, nicht wahr?

SCHÜTTE: Mit einigen Kompromissen, wie das im politischen Leben nun einmal ist. Jetzt stehen wir wieder am Beginn einer Aussprache, und man muß ganz nüchtern sagen, daß der Entwurf zunächst nicht mehr ist als ein Referendum. Meine Mitarbeiter und ich haben es sehr genau durchdacht, aber natürlich ist es kein Kanon, kein heiliger Text, an dem wir jeden Buchstaben verteidigen. Ich werde mich keinem vernünftigen Argument verschließen, woher immer es kommt.

SPIEGEL: Würden Sie es hinnehmen, daß man aus Ihrem Entwurf die Mitbestimmung der Studenten und vielleicht noch zwei, drei Kernstücke entfernt, und daß er sich dann kaum noch von den Gesetzen oder Gesetzentwürfen in Baden-Württemberg oder in Bayern unterscheidet?

SCHÜTTE: Ein Gesetz, wie wir es jetzt entworfen haben, soll den Weg ebnen für eine Universitätsreform, wie sie in Deutschland bislang nicht möglich war. Würde man aus dem Entwurf die Kernpunkte entfernen, so wäre die Reform in Frage gestellt.

SPIEGEL: Würden Sie Ihr Gesetz notfalls auch gegen den Widerstand der Professoren, der Hochschulen durchsetzen?

SCHÜTTE: Zunächst einmal glaube ich nicht, daß man noch von »den« Hochschulen, von »den« Professoren sprechen kann. Die Lage ist so, daß erstens die Professoren, die wissenschaftlichen Mitarbeiter und die Studenten ihre Kritik und ihre Stellungnahmen vorlegen werden, daß zweitens aber die nächste Entscheidung über den Referentenentwurf im Kabinett fällt, bevor der Entwurf dann im Landtag zur Debatte steht.

SPIEGEL: Gegen Ihren Entwurf haben die Rektoren der hessischen Hochschulen, hat auch die Westdeutsche Rektoren-Konferenz protestiert. Und nehmen die Rektoren nicht in Anspruch, für »die« Hochschulen zu sprechen?

SCHÜTTE: Sicher, aber man wird fragen dürfen, mit welchen Mehrheiten diese Gremien ihre Beschlüsse gefaßt haben, und man muß auch die Lage an den Hochschulen sehr differenziert sehen. Aber lassen Sie mich auf Ihre Frage offen antworten: Wenn es eine relativ große Zahl von Professoren geben sollte, die sich gegen die Reformgedanken meines Entwurfes stemmt, dann werde ich alles tun, um sie zu überzeugen.

SPIEGEL: Warum?

SCHÜTTE: Weil wir an eine Schwelle gekommen sind, wo wir handeln müssen. Sehen Sie, in den Jahren von 1960 bis 1966/1967 sind die Hochschulen nach den Plänen des Wissenschaftsrates wie nie zuvor in ihrer Geschichte ausgebaut worden. Die Zahl der Professoren hat sich verdoppelt, die Zahl der Assistenten sogar verdreifacht. Da in derselben Zeit die Zahl der Studenten nur um 28 oder 29 Prozent gestiegen ist, müßte man doch annehmen, daß sich die Lage an den Hochschulen trotz des »Nachholbedarfs« erheblich verbessert hätte. Aber es gibt wohl niemanden, der das zu behaupten wagt. Die Lage hat sich eher verschlechtert. Mithin hat der außerordentliche Ausbau der Universitäten keineswegs den von allen erwarteten Effekt erzielt.

SPIEGEL: Quantitativer Ausbau genügt also nicht mehr, eine Reform an Haupt und Gliedern ist notwendig geworden?

SCHÜTTE: Ja, das ist die eine Überzeugung, die ich gewonnen habe. Die andere ist: Wir haben hier in Hessen mit dem Hochschulgesetz, das wir vor zweieinhalb Jahren verabschiedeten, den Hochschulen die Chance geboten, sich selbst zu reformieren. Wir haben sozusagen Angebote gemacht, Wege gewiesen, Möglichkeiten aufgezählt. Was ist seither geschehen? Ich bin von der Wahrheit nicht weit entfernt, wenn ich sage: wenig.

SPIEGEL: Deshalb also: Reform per Gesetz?

SCHÜTTE: Ich will es nur ein klein wenig anders sagen: Die Hochschulen brauchen zur Reform das Gesetz. Darum sollte man nicht länger herumreden.

SPIEGEL: Herr Minister, am meisten debattiert wird die Tatsache, daß Ihr Entwurf als erster Text eines Kultusministers in Deutschland die sogenannte Drittelparität vorsieht: Im Konzil sollen zu je einem Drittel die Professoren, die wissenschaftlichen Mitarbeiter und die Studenten beteiligt sein. Mit diesem Vorschlag haben Sie, wie es scheint, nicht allzuviel Beifall bei den Studenten gefunden, obwohl es doch ihre populärste hochschulpolitische Forderung ist oder gewesen ist.

SCHÜTTE: Ich muß gestehen, daß ich auf Beifall von den Studenten kaum gehofft habe, nach all dem, was ich in den vergangenen Semestern hier, vor allem in Frankfurt, erlebt haben;

* Mit SPIEGEL-Redakteur Werner Harenberg (l.) und SPIEGEL-Korrespondent Peter Thelen.

vor ein paar Jahren war das noch anders.

SPIEGEL: In der Tat. Wir haben einen Beschluß der Mitgliederversammlung des VDS aus dem Jahre 1960 mitgebracht, an dem Form wie Inhalt bemerkenswert sind: »Der VDS erlaubt sich die Anregung, durch die Beteiligung einiger Studentenvertreter bei der Wahl des höchsten Repräsentanten der Hochschule symbolisch dem akademischen Bürgerrecht der Studierenden Rechnung zu tragen.«

SCHÜTTE: Ja, und obwohl die Forderung nach Drittelparität erst eineinhalb Jahre alt ist, ist sie vielen Studenten schon wieder zu altmodisch. Wobei mir unklar ist, was sie nun eigentlich wollen.

SPIEGEL: Der Hamburger Allgemeine Studenten-Ausschuß, in dem einst die Drittelparität geboren wurde, verlangt jetzt, wie er uns schrieb, »suspensiven Vetorechten ähnliche Minderheitenschutz-Modelle« -- ·was immer das sein mag.

SCHÜTTE: Darum ist es lächerlich, wenn mir Professoren hinter vorgehaltener Hand vorwerfen, ich sei ein Mitläufer der Studenten oder gar des SDS geworden.

SPIEGEL: Aber auf der anderen Seite, unter den Professoren, wird der Widerstand organisiert. Es ist, wie der Landesvorsitzende des Sozialdemokratischen Hochschulbundes es sieht und sagt, der »ohnmächtige Protest einer militant-konservativen Professorenclique, die mit rattenhafter Wut die Reste ihrer einstigen Allmacht verteidigt«.

SCHÜTTE: Na ja.

Oberes Bild: Bei der 50-Jahr-Feier der Frankfurter Universität; unteres Bild: Bei einer Notstands-Demonstration.

SPIEGEL: Professoren reden umgekehrt nicht gar soviel anders über Studenten: Die hessischen Rektoren lehnen die Drittelparität ab, weil sie eine »Belohnung wäre für die rechtswidrigen Aktionen radikaler Studenten«.

SCHÜTTE: Ich halte das für ein absurdes Argument. Aber mehr noch als solche Vokabeln stört mich, wie ideologisiert die Diskussion über die Hochschulreform im allgemeinen und über unseren Entwurf im besonderen ist. Sehen Sie, ich setze mich zwischen alle Lehrstühle, weil ich für eine Sitzverteilung 40:40:40 im Konzil bin. Wofür ist der Hamburger Senat in seinem Entwurf? Für die Beteiligung von 30 Studenten. Liegen wirklich Welten zwischen den Zahlen von 40 und 30?

SPIEGEL: Gegen die Drittelparität sind wohl deshalb so viele, weil damit der Gedanke des Parlamentarismus in die Gelehrtenrepublik -- wie ja die Hochschule noch immer gern genannt wird -- getragen wird.

SCHÜTTE: Das ist vermutlich der Kern. Vor allem aber: Nach meinem Vorschlag, der auch der der Professoren Denninger, von Friedeburg, Habermas und Wiethölter ist, wird das Konzil das Forum hochschulpolitischer Gespräche sein.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, daß man ähnlich wie in politischen Parlamenten dann in Blöcken, in Fraktionen denkt?

SCHÜTTE: In Fraktionen wird man wohl denken, aber das eben schließt doch Blöcke aus. Die 40 Studenten, die in das Konzil gewählt werden, werden zweifellos verschiedenen politischen Richtungen angehören, also »Fraktionen« bilden. Eben deshalb wird es keinen Studentenblock geben. Und auch ein Professorenblock ist nicht sehr wahrscheinlich, weil es hier vermutlich je nach Fach oder je nach hochschulpolitischem Konzept auch Fraktionen geben wird.

SPIEGEL: Und der Mittelbau, die Assistenten und anderen wissenschaftlichen Mitarbeiter? Es gibt Professoren, die befürchten, daß diese 40 im Konzil etwa die Rolle spielen wie jahrzehntelang die FDP im Bundestag.

SCHÜTTE: Das kann sich mal ereignen, ebenso wie Professoren und Studenten sich mal gegen den Mittelbau einig sein können, aber das eine wird so selten sein wie das andere. Was gehört denn alles zum Mittelbau? Assistenten, Kustoden, Bibliothekare, Oberärzte, Studienräte im Hochschuldienst, Lektoren. Daraus ist schwer ein Block zu zimmern.

SPIEGEL: So ganz versteht man die Aufregung über Ihren Entwurf ja deshalb nicht, weil die Drittelparität nur in der Spitze, für das Konzil, vorgesehen ist. Dort wird doch aber mehr repräsentiert als reformiert.

SCHÜTTE: Das wird man so nicht sagen können.

SPIEGEL: Sie wollen die Drittelparität nur ganz oben und ganz unten, im Konzil und in einigen Ausschüssen der »Fachbereiche«, die nicht zu entscheiden, sondern nur zu beraten haben. Sonst geben Sie den Studenten nur höchstens ein Fünftel der Sitze, zum Beispiel im Senat, der viel mehr zu sagen hat als das Konzil, und in den Ständigen Kommissionen, die jeweils für die Lehre, die Forschung, die Reform und so weiter zuständig sein sollen. Warum?

SCHÜTTE: Das alles ist sehr sorgfältig nach dem Prinzip der sachgerechten Beteiligung durchdacht worden. In der Kommission für Forschung zum Beispiel halte ich es für unbedingt notwendig, daß die Präponderanz der Professoren auch im Gesetz gesichert wird.

SPIEGEL: Wird sich die Drittelparität weiter verbreiten, oder ist mit dem, was Sie in Ihrem Entwurf vorsehen, die äußerste Grenze erreicht?

SCHÜTTE: Es wird darauf ankommen, ob auch in einem anderen Universitätsorgan als dem Konzil die Drittelparität sachgemäß ist. Ich sehe dafür zur Zeit keinen Ansatzpunkt.

SPIEGEL: Nun befürchten auch Professoren, die auf Ihrer Seite stehen, daß eine Mehrheit der Assistenten und Studenten die Professoren in Hochschulgremien überstimmen könnte. Deshalb hat Habermas angeregt: Wenn es um Habilitation, Promotion und Anstellung von Assistenten geht, soll ein Mehrheitsbeschluß nur gültig sein, wenn zu dieser Mehrheit auch die Mehrheit der Professoren gehört.

SCHÜTTE: Das ist komplizierter, als es zunächst klingt. Ich kann mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden. Wer eine solche Sperrminorität vorschlägt, denkt doch wohl zu sehr in Blöcken.

SPIEGEL: Vielleicht denkt er nur an den Notfall, daß es zum Aufstand der Assistenten und Studenten kommt?

SCHÜTTE: Fast hätte ich gesagt: Wenn es so weit kommt, dann wird den Professoren auch eine Sperrminorität nicht mehr helfen. Aber man wird diese Anregung diskutieren müssen.

SPIEGEL: Herr Minister, gibt es Gebiete, auf denen die Studenten nicht mitentscheiden dürfen?

SCHÜTTE: Nein, wenn unser Entwurf Gesetz wird, gibt es das in Hessen nicht mehr.

SPIEGEL: Dann wird es also den sogenannten Negativkatalog nicht mehr geben, der sonst überall üblich ist und zum Beispiel an der Universität Würzburg umfaßt: Habilitation, Promotion, Berufung, Prüfung, akademische Ehrungen und persönliche Angelegenheiten des Lehrkörpers. Das geht dort die Studenten nichts an. Die oft gestellte Frage ist, ob ein Student qualifiziert genug ist, um über die Berufung eines Professors mitzuentscheiden.

SCHÜTTE: Diese Frage wird zum Beispiel von Professor von Friedeburg, der über Berliner Erfahrungen verfügt, energisch bejaht, von der Mehrzahl der Professoren aber ebenso eindeutig verneint. Meiner Ansicht nach wird es sehr auf die Modalitäten ankommen.

SPIEGEL: Manche Gegner Ihres Entwurfs sagen: Wenn Hessen ein besonders fortschrittliches Gesetz macht, dann wandern Professoren ab, und Sie bekommen schwer gute neue Gelehrte nach Hessen.

SCHÜTTE: Das ist ein ganz irreales Argument. Genauso ist vor zwei, drei Jahren geredet worden, als es um das andere Gesetz ging. Eingetroffen ist von all den düsteren Drohungen seither nichts, buchstäblich nichts. Ich wage zu behaupten, daß kein einziger Professor aus Hessen weggegangen ist oder nicht nach Hessen gekommen ist, weil ihm unser Gesetz nicht gefällt.

SPIEGEL: Würden Sie Ihr Gesetz auch verabschieden, wenn andere Bundesländer nicht so weit gehen würden? Dessen kann man ja fast sicher sein,

SCHÜTTE: Wir haben hier in Hessen vor zwei, drei Jahren sehr intensiv überlegt, wie groß die Unterschiede von Hochschule zu Hochschule sein können. Per Gesetz haben wir den Hochschulen die Freiheit gegeben, über ihre Spitze selber zu entscheiden. Es ist dahin gekommen, daß zwei Universitäten, Marburg und Frankfurt, die vom Gesetzgeber geforderte Satzung trotz zweimaliger Terminverlängerung -- was jedesmal eine Gesetzesänderung notwendig macht -- bis heute nicht zustande gebracht haben. In Darmstadt und Gießen hat man sich für das sogenannte Triumvirat entschieden. Wenn schon in einem Bundesland solche Unterschiede möglich sind, dann sind sie erst recht von Bundesland zu Bundesland vertretbar.

SPIEGEL: Alles andere, was Sie planen, ist irgendwo anders auch vorgesehen, nur nicht die Drittelparität.

SCHÜTTE: Außer in Berlin, wo jetzt der Senat durch ein Vorschaltgesetz zum Hochschulgesetz einzelnen Instituten die Freiheit verschaffen will, die Drittelparität auch ohne Zustimmung der Akademischen Senate einzuführen. Eine solche Freiheit für einzelne Institute, also für eine Initiative von unten, brauchen wir in Hessen nicht zu gewähren, weil wir -- leider -- sicher sein können, daß sie nicht genutzt würde.

SPIEGEL: Gut, aber sonst wird die Drittelparität nur von Parteien gefordert, die sie nicht einführen können: in Bayern von der SPD, in Schleswig-Holstein von der FDP. Gesetz wird sie, wenn überhaupt, nur hier in Hessen.

SCHÜTTE: Ich sehe nicht die Gefahr, daß an den Hochschulen in Hessen grundlegend anders geforscht und gelehrt würde, wenn im Konzil jeder dritte ein, Student wäre und nicht jeder fünfte, wie es in Bayern vorgesehen ist, an den im Gesetz vorgeschriebenen Aufgaben, vor allem an der hochschulpolitischen Debatte, teilnimmt. Warum soll auf diesem Gebiet ein intelligenter Student nicht mit Gelehrten der Spezialdisziplinen konkurrieren können? Außerdem: Die Bundesländer sollten nicht in einem Geleitzug fahren, der sich im Tempo nach dem langsamsten Schiff richtet. Das können wir uns nicht mehr leisten.

SPIEGEL: Die Ministerpräsidenten werden sich in den nächsten Tagen, am 30. und 31. Oktober, mit der Hochschulreform befassen. Werden sie die Bremse ziehen?

SCHÜTTE: Ich hoffe, daß die Ministerpräsidenten trotz föderalistischer Vielfalt zu einheitlichen Grundbestimmungen der Hochschulreform kommen und auch das hessische Konzept ernst nehmen werden.

SPIEGEL: Herr Minister, neu ist auch das Amt des Präsidenten, der acht oder sogar 16 Jahre amtieren soll. Warum wird in Ihrem Entwurf nicht einfach gesagt: Der Präsident wird vom Konzil gewählt und vom Kultusminister bestätigt? Statt dessen heißt es, er wird im Einvernehmen mit dem Konzil von der Landesregierung ernannt«.

SCHÜTTE: Diese Regelung kann als Mißtrauen gedeutet werden. Man muß aber den Unterschied sehen zwischen einem Rektor, der nur ein Jahr oder ein paar Jahre amtiert und oft gar nicht versucht, den Apparat zu beherrschen, und dem Präsidenten, der acht oder sogar 16 Jahre lang amtieren soll. Wenn ich Rektoren zu bestätigen hatte, war das immer unproblematisch. Das ist bei Präsidenten anders. Das geforderte Einvernehmen stellt aber klar, daß der Präsident in die Universität eingeordnet sein soll und deren Vertrauen besitzen muß. Der Präsident erhält weit mehr Kompetenzen, als sie ein Rektor besaß. Er hat ziemlich selbständig einen Etat bis zu 100 Millionen Mark jährlich zu verwalten, er ist verantwortlich für ein Milliardenvermögen.

SPIEGEL: Sie setzen bei der Landesregierung mehr Weitsicht voraus als bei den Professoren?

SCHÜTTE: So kann man es deuten. Aber im Gesetzentwurf ist ja vorgesehen, daß Vorschläge von der Hochschule gemacht werden. Je besser der Vorschlag, um so leichter wird die Landesregierung zustimmen.

SPIEGEL: Wer kann nun Präsident werden? Kann es auch ein Professor sein, der noch nie so recht aus seiner Studierstube herausgekommen ist? Oder ein Manager?

SCHÜTTE: Ein Professor, der bisher nur sein kleines Institut geleitet hat, ist sicher ungeeignet. Es gibt aber für diese Aufgabe hervorragend geeignete Männer der Universität.

SPIEGEL: Und Manager?

SCHÜTTE: Sicher, denken Sie zum Beispiel an Professor Wurster von der Badischen Anilin. Das ist ein Mann, der aus der Wissenschaft kommt und der Verdienste in der Leitung eines Unternehmens hat, das von der Wissenschaft lebt. Ich weiß, daß Herr Wurster einen solchen Auftrag nicht mehr übernehmen würde. Aber vielleicht ist mit diesem Namen die Richtung angedeutet. Es gibt natürlich auch vorzügliche Männer, die in kleineren industriellen Forschungsbereichen tätig sind.

SPIEGEL: Könnte es auch ein Nichtakademiker sein?

SCHÜTTE: Nein.

SPIEGEL: Und könnte Ihrer Ansicht nach auch ein Student mal Präsident werden?

SCHÜTTE: Nein, keinesfalls.

SPIEGEL: Warum nicht?

SCHÜTTE: Einfach deshalb nicht, weil es der Auftrag des Studenten ist, zu lernen, sich zu bilden und sein Examen zu machen. Man kann nicht für acht oder gar für sechzehn Jahre ein Studium unterbrechen. Es darf nicht verkannt werden, daß Universitätspräsident ein neuer Beruf ist. Aber wir brauchen ohnehin nicht weiter zu spekulieren. Wie ich unsere Professoren kenne, wählen sie mindestens den ersten Präsidenten aus ihren Reihen.

SPIEGEL: Herr Minister, es wird Ihnen vorgeworfen, daß Sie dem Kuratorium -- einem je zur Hälfte vom Staat und von den Hochschulen beschickten Gremium -- zuviel Macht geben wollen.

SCHÜTTE: Sie meinen jetzt nicht speziell die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die in das Kuratorium gewählt werden sollen ...

SPIEGEL: Die im Jargon so genannten »Lebemänner«. Nein, nicht sie allein, das Kuratorium und seine Kompetenz im ganzen.

SCHÜTTE: Darüber muß man noch reden. Es geht darum, ob manches, was der Entwurf dem Kuratorium als Aufgabe zuweist, vielleicht besser den Ständigen Kommissionen, also der Hochschule selber zukommen soll. Da läßt sich manches umbuchen.

SPIEGEL: Sehen Sie selber eigentlich auch Mängel an Ihrem Entwurf?

SCHÜTTE: Ja, sogar gewichtige. Am meisten bedaure ich, daß das Problem der Personalstruktur fast ganz ausgeklammert, jedenfalls nicht gelöst ist. In dem Entwurf ist wie eh und je von ordentlichen, außerordentlichen und Honorarprofessoren und von Privatdozenten die Rede. Die Entwicklung ist noch nicht so weit, daß wir hier etwas hätten neu regeln können.

SPIEGEL: Darüber könnten wir uns vielleicht streiten. Aber wohin wird die Entwicklung gehen?

SCHÜTTE: Der Professorenberuf wird möglicherweise ein Laufbahnberuf werden. Es wird vermutlich auch in Zukunft den Ordinarius geben, nicht mit seiner heutigen Allmacht, aber mit einer bestimmten, nicht geringen Wirkungsbreite und Kompetenz. Die Entwicklung kann zu Zuständen führen, wie wir sie etwa in den USA kennen. Der erste Schritt ist ja getan, daß man sich auch bei uns um einen freien Lehrstuhl bewerben kann.

SPIEGEL: Erlauben Sie uns den Einwand, daß man sich hier den Fortschritt doch wohl nur vorgaukelt.

SCHÜTTE: Meinen Sie?

SPIEGEL: Freie Lehrstühle werden ausgeschrieben, wer also einen haben will, muß sich bewerben. Das ist neu. Aber aus den Bewerbungen wird dann wie seit alters her von der Fakultät oder dem Fachbereich ein Dreiervorschlag ausgewählt, der dem Kultusminister eingereicht wird. Da kann doch wie früher gekungelt werden?

SCHÜTTE: Sicher, auf den ersten Blick ändert sich nur, daß sich jeder bewerben muß. Es kommt also sehr darauf an, daß durch die Schaffung der überschaubaren Fachbereiche, zu denen ja nur zehn, 15 Lehrstühle gehören sollen, wirklich etwas Neues geschieht. Aber wie auch immer: Es wird so kommen, daß es Professoren verschiedener Stufen gibt, und daß ein Gelehrter im Laufe seines Lebens von einer Stufe zur anderen steigt,

SPIEGEL: Habermas hat gefordert, endlich heilige Kühe« der Hochschulen zu schlachten, aber darauf achtzugeben, »daß nicht die falschen Kühe geschlachtet und die falschen heilig gehalten werden«. Geben Sie acht?

SCHÜTTE: Sie können sicher sein, daß ich das tue. Ich will dieses Bild nicht strapazieren, es intendiert, daß unser Landtag der Schlachthof für »heilige Kühe« würde. Es wird geschehen, was notwendig ist.

SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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