Zur Ausgabe
Artikel 65 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Ein Engel ohne Tränen

Schön, mysteriös, unnahbar und doch leidenschaftlich - so präsentiert sich Frankreichs junger Filmstar Juliette Binoche in »Verhängnis«, dem neuen Werk von Altmeister Louis Malle. Regisseure wie Godard und Carax haben ihren Ruhm begründet. Nun will sich die Schauspielerin vom Image der schweigsamen Heiligen lösen.
aus DER SPIEGEL 2/1993

Ihre Sprache, das sind ihre Blicke. Ihre Augen, die Unschuld und Wissen gleichermaßen zu bergen scheinen, die einfach schauen, als sei jenseits von ihnen alles zu erwarten, an Glück oder an Leid.

Was sie redet hingegen, wie sie sich bewegt, welches Kostüm sie trägt oder gar unter wessen Leitung sie agiert, das scheint für Juliette Binoche beinahe belanglos. Sie braucht nur da zu sein. Ein natürliches Mysterium, ruhig und klar und zu allem bereit, auch zum Schlimmsten, zur Katastrophe.

Begriffen hat das nicht erst Profi-Regisseur Louis Malle. In seinem neuen Film »Verhängnis«, einer Koproduktion mehrerer europäischer Film- und Fernsehanstalten, die jetzt in die deutschen Kinos kommt, spielt Juliette Binoche, 28, immerhin bereits ihre sechste Hauptrolle. Wieder erscheint sie darin als Katalysator. Der Charakter der jungen Anna Barton, deren stille Entschlossenheit die Geschichte von der bedingungslosen Leidenschaft auf ihr böses Ende zusteuern läßt, scheint der Pariserin mit dem leuchtenden Madonnengesicht auf den Leib geschrieben.

Aber sie hat sich ihre nahezu stumme Rolle, die sie in Frankreich endgültig zum Star gemacht hat, auch hart erarbeitet. Tagelang diskutierte sie mit der Irin Josephine Hart, auf deren Bestsellerroman Malles Film beruht, wer diese Anna ist, die glaubt, Geliebte zweier Männer gleichzeitig sein zu können: von Stephen (Jeremy Irons), dem erfolgreichen Staatssekretär, und Martyn (Rupert Graves), dem nicht minder erfolgreichen Journalisten, beide, wie das Verhängnis es will, Vater und Sohn.

So simpel die fatale Londoner Dreiecks-Story sich entwickelt und so unironisch direkt Louis Malle sie verfilmt hat, Juliette Binoche stellt in ihr alles andere dar als eine ordinäre Femme fatale.

Der schier endlose Blick, den Stephen, der Vater, und Anna bei ihrer ersten Begegnung auf einem Empfang in der französischen Botschaft tauschen, enthält schon, was dann eher mühsam erzählt wird: Die Zerstörung einer wohlsituierten Bürgerfamilie, das Begehren, das den souveränen Politiker Stephen bis in jenes Pariser Hotel treiben wird, wo Anna und Martyn übernachten, seine Gier, Anna zu besitzen, sofort, und sei es im Hauseingang einer Nebenstraße.

Juliette Binoche hat das einzig Richtige getan - und überstrahlt so völlig Malles schwergängiges Leinwanddrama, das Kritiker als »erotischen Totalschaden« (Neue Zürcher Zeitung) abfertigten. Sie macht aus Anna, dieser laut Buchautorin Hart »sehr komplizierten Frau«, eine freie, sichere und eben darum restlos rätselhafte Gestalt.

Anna ist körperlich bis zum Äußersten beteiligt und bleibt dennoch Beobachterin - wie Juliette Binoche, die Wohlerzogene, Diskrete oft genug selbst. »Wenn ich Menschen sehe, achte ich weniger darauf, wer sie sind, als wie sie sich ändern.« Das hat ihr in der neuen Rolle geholfen. Regisseur Malle und auch ihr Schauspielpartner Jeremy Irons nämlich hätten Angst vor Anna gehabt, sagt sie, weil man Annas Wesen »nicht erklären könne«.

Genau das aber spielt sie nun: Daß es kein bißchen zu erklären gibt, daß Worte nicht hinreichen, um das Doppelleben des kalten Engels Anna zu rechtfertigen. Nicht einmal weinen wollte Juliette Binoche in dieser Rolle. Mitleidend und rücksichtslos zugleich ist sie, mit »passiver Energie« (The New York Times). Jede Erläuterung wäre zuviel.

Als Malle während einer Szene verlangte, sie solle zu Stephen sagen: »Ich würde Martyn nicht heiraten, wenn ich nicht auch bei dir bleiben könnte«, weigerte sie sich anfangs - mit Recht, wie jetzt zu sehen ist. Im Film klingt die Zeile platt und überflüssig. Längst haben die Augen alles gesagt. So genau kennt Juliette Binoche, die »Minimalistin« (Malle), Kind einer Schauspielerehe, die zerbrach, als sie zwei Jahre alt war, ihre Fähigkeit, beredt zu schweigen. Das Theater, glaubt sie, sei die Ersatzfamilie für sie gewesen. Zur Bühne wollte sie; Filmarbeit nahm sie nur auf Drängen eines Besetzungsagenten an. Doch heute scheinen schon in dem winzigen Auftritt als Versucherin, den ihr Jean-Luc Godard 1985 in »Maria und Joseph« gab, alle späteren Rollen als stummes Objekt der Begierde vorgeprägt.

In Philip Kaufmans Kundera-Verfilmung »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins« (1988) entstieg sie elfengleich in schwarzem Badeanzug einem Schwimmbecken, und mit einem einzigen Blick hatte sie den leichtsinnigen Arzt Tomas gefesselt. Die Teresa, die sie spielte, zeigte Stärke durch beharrlichen Opfermut. Während ihr Mann Frauenheld bleibt, ist sie ein Muster an Treue. Selbstvertrauen schenkt ihr, wie könnte es anders sein, eine wortlose Kunst: Sie wird Fotografin.

Auch bei Leos Carax, dem genialischen Draufgänger des jüngsten französischen Kinos, trat Juliette Binoche zuerst als stumme, wissende Schönheit auf, in seinem futuristischen Thriller »Die Nacht ist jung« von 1986.

Gezeichnet jedoch ist sie noch immer von ihrem zweiten Carax-Engagement: Drei zähe, von Finanznöten und Mißgeschicken begleitete Jahre dauerte es, bis das monströs teure Brücken-Märchen »Die Liebenden von Pont Neuf« 1991 schnittreif war, in dem sie eine halbblinde junge Malerin darstellte. Während dieser Zeit lebte sie auch privat mit Carax zusammen.

»Als wir ,Die Liebenden'' zum zweiten Mal unterbrechen mußten, war ich tatsächlich, was ich darstellte - und das war sehr schmerzhaft«, erinnert sie sich. Nie will sie noch einmal so eng mit einer Figur verwachsen, nie wieder einer Rolle auch nur nachtrauern. Sie habe sich »wie eine Waise« gefühlt, als das Carax-Unternehmen (und damit auch die Beziehung der beiden) zu Ende war.

Routine zu erwerben, Abstand zu gewinnen ist seitdem ihr Hauptziel als Schauspielerin geworden. Perfektes Handwerk und höchste Gefühlskontrolle - darauf ist Juliette Binoche aus, nicht nur vor der Kamera. »Was du tust, ist egal - wie du es tust, entscheidet. Es ist eine Lebenshaltung«, sagt sie, »ob ich schauspiele, koche oder male.« Die Aquarelle der Malerin Michele in den »Liebenden« stammten von ihr selbst.

Dort, unter der Regie des Tüftlers Carax, durfte sie auch beweisen, daß neben der strengen Anmut allerhand Witz und Wildheit in ihr stecken. Mit Strubbelhaaren _(* Mit Denis Lavant. ) und im zerbeulten Trainingsanzug, trinkend, tanzend und ausgelassen lachend inmitten einer wüsten Clochard-Welt, konnte sie wenigstens ein paar Szenen lang umhertollen wie ein Kobold voll verzweifeltem Übermut.

Denn in Wahrheit, meint Juliette Binoche, ist sie gar nicht die schweigsame Heilige, die vorüberschwebt wie ein höheres Wesen. »Explodieren« möchte sie in einem Film. »Ich habe genug von tiefgründigen, düsteren Parts.«

Eine Weile wird sie ihr komödiantisches Talent noch bezähmen müssen. Derzeit arbeitet sie am ersten Teil einer Filmtrilogie mit, die der polnische Mystiker Krzysztof Kieslowski »Blau, Weiß, Rot« nennt: Gemeint sind damit die Revolutionstugenden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Im »blauen« Film soll sie eine Frau spielen, die keinerlei Bindung eingehen möchte - und es am Ende dennoch tut. Erst Liebe bringt Freiheit, das will Kieslowski mit seiner Parabel beweisen.

Bei manchen gilt sie inzwischen schon als kommende Jeanne-d''Arc-Darstellerin und als Nachfolgerin der lebenden Frankreich-Ikone Catherine Deneuve. Unter den Farben der Trikolore wird Juliette Binoche ihrer Heimat jetzt zumindest symbolisch wieder ein Stück näher sein.

Johannes Saltzwedel

* Mit Denis Lavant.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 65 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.