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POLEMIK Ein Familienkonflikt

Dietrich Schwanitz über die Kreisförmigkeit der Walser-Bubis-Dohnanyi-Debatte
aus DER SPIEGEL 50/1998

Schwanitz, 58, lehrte an der Hamburger Universität Englische Sprache und Kultur. Er publizierte die Romane »Der Campus« (1995), »Der Zirkel« (1998) und die Studie »Das Shylock-Syndrom« (1997).

Im Anfang war eine Friedenspreisrede. Dann kam ein kriegerischer Widerspruch. Daraufhin versuchte ein Dritter, Frieden zu stiften, und machte alles nur noch schlimmer. Schließlich mischten sich immer mehr Schlichter ein, bis wir nur noch eine Staubwolke sahen, aus der Schreie zu hören waren wie: »Schande? Nein, Schuld« - »Sie meinen Scham!« - »Haben Sie Schaden gesagt?« - »Jetzt werfen Sie aber alles durcheinander« - »Das ist bösartig!« - »Sie latenter ...« - »Was haben Sie da gesagt?« Mit anderen Worten: In der Großfamilie Deutschland ist eine handfeste Krise ausgebrochen.

Früher, als man noch an Gründe glaubte, hätte man nach den Ursachen einer solchen Krise geforscht; heute weiß man, daß Familien offene Systeme sind, die sich von ihren Ausgangsbedingungen unabhängig machen und ihre Zustände selbst festigen - und deshalb hat man in der Familientherapie die Warum-Frage durch die Wie-Frage ersetzt; wie funktioniert so ein Konflikt?

Schalten wir das Tonband ein und hören uns einen Ausschnitt aus der letzten Runde an: Wir erkennen die Stimme von Ignatz Bubis, der auf Martin Walsers - oder war es Dohnanyis? - Wort von der Instrumentalisierung antwortet: »Im Klartext heißt das: Die Juden machen aus allem Geld, sogar aus dem schlechten Gewissen der Deutschen« (SPIEGEL 49/1998). »Auf diese Idee wäre ich nie gekommen«, läßt sich Klaus von Dohnanyi in seiner charakteristischen Intonation vernehmen und kommt dann sofort auf Bubis' Beispiel eines Gläubigers zu sprechen, der seine Schulden nicht eintreiben kann. »Es geht beim Erinnern und Gedenken ... doch ... nicht um einen Vorgang, vergleichbar mit der Eintreibung von Mietrückständen. Auf was für ein Niveau würde denn so die Debatte ... von Ignatz Bubis gedrückt!« ("FAZ").

Dohnanyi widerspricht Bubis. Er, Dohnanyi, hat bei dem Wort Instrumentalisierung doch niemals an Geld gedacht! Das tut ja nur Bubis. Dadurch bestätigt Dohnanyi aber Bubis' Verdacht, man würde den Juden unterstellen, sie dächten bei allem nur ans Geld. Das ist ein klassisches Paradox. Dohnanyi berichtigt ein Mißverständnis, indem er es bestätigt. Er selbst hat niemals Juden und Geld in Verbindung gebracht. Da Bubis es aber jetzt tut, muß Dohnanyis Dementi Bubis bestätigen.

Zeigt der Psychiater dem Patienten das Bild eines Baums: »Wenn Sie das sehen, woran denken Sie dabei?« fragt er. »Meine Mutter ist es nicht«, antwortet der Patient prompt. »Denken Sie an Geld, wenn Sie das Wort ,Jude' hören?« »Nein, das tun nur Juden.«

Derartige Paradoxien bilden die Keimzellen von Konflikten. Sie sind ihr innerster Antrieb und sorgen dafür, daß sich selbst die besten Absichten der Beteiligten immer ins Gegenteil verkehren. Trifft Weiß nach einem Streit Schwarz in der Synagoge und will sich mit ihm versöhnen. Freundlich streckt er ihm die Hand entgegen und sagt: »Laßt uns aufhören zu streiten. Ich wünsche dir alles, was du mir wünschst.« Entgegnet Schwarz finster: »Fängst du schon wieder an?«

Jeder Versuch eines Kontrahenten, aus dem Konflikt auszusteigen, wird vom Gegner als besonders perfider Schachzug innerhalb des Konflikts gedeutet. Das durchlöchert die Grenze zwischen innen und außen und macht jede Kommunikation über den Konflikt zum Teil des Konflikts. Unter den Prämissen des Konflikts kann man den Konflikt ebensowenig beenden, wie Thomas Buddenbrook aus seinem Familienroman aussteigen kann, um Literaturkritiker zu werden.

Ist die Keimzelle des Konflikts die Paradoxie, ist die Mutter der Paradoxie die Selbstbezüglichkeit. Mit ihr erreichen Konflikte das Stadium der Reife. Sie machen sich dann von ihrem Anlaß unabhängig, heben ab und liefern sich ihren Betriebsstoff fürs Weitermachen selbst. Sie werden dann völlig kreisförmig.

Man streitet sich dann fast nur noch darüber, wie man sich streitet: Man wirft sich vor, unfair zu sein, falsch zu zitieren, nicht zuzuhören, bewußt mißzuverstehen und die eigenen guten Absichten ins Gegenteil zu verkehren sowie einem generell das Wort im Mund zu verdrehen.

Dieses Stadium hat die Walser-Bubis-Kontroverse schon kurz nach dem Urknall erreicht. Sie unterscheidet sich dabei in ihrer Struktur kaum von einem Familienkonflikt, in dem der Mann behauptet, er trinke, weil seine Frau immer meckere, und die Frau entgegnet, sie meckere, weil er immer trinke. »Es ist evident, daß beide recht haben«, sagt Jan Assmann über Walser und Bubis in »Die Zeit«.

Die ständige Aufklärung der Mißverständnisse produziert immer neue Mißverständnisse. Den Mechanismus kennt man aus der Erfahrung von Wohngemeinschaften: »Ehrlich, Monika, ich habe niemals gesagt, du wärst streitsüchtig. Aber du legst ja immer alles so aus, daß ich nachher im Unrecht bin.« Bei der Erklärung von Mißverständnissen meint jeder zwar, der Einigung zu dienen, aber in Wirklichkeit konzentriert man sich nur auf die Differenzen. Je weiter man mit Erklärungen fortschreitet, desto rascher landet man bei der reinen Haarspalterei.

Hier soll eine mit soviel Engagement und Herzblut geführte Debatte gewiß nicht trivialisiert werden. Es geht darum zu zeigen, daß auch ein Konflikt über so ein ernstes Thema wie die kollektive Identität der Deutschen einer Dramaturgie unterliegt, die die Beteiligten verwirrt und Ironie geradezu provoziert. Würden sie sich zur Abwechslung mal darüber verständigen, worüber sie sich einig sind - die Unterschiede wären marginal.

Schon der Philosoph John Locke hat vergeblich gefordert, Mißverständnisse durch genaue Festlegung der lexikalischen Wortbedeutungen zu vermeiden. Mit dem Wort »Nase« hat Laurence Sterne ihn in seinem Roman »Tristram Shandy« widerlegt: Der Erzähler betreibt einen solchen Aufwand bei der Definition der Nasen und der Beteuerung, er meine mit dem Wort Nase nichts als die Nase, daß der Leser sowohl an der Eindeutigkeit des Wortes als auch an der Aufrichtigkeit des Erzählers zu zweifeln beginnt. Wieder so ein Paradox.

Hier wird alles zum Vexierbild. Bubis hat darauf schon mit Gegenparadoxien reagiert: Sein Paradox vom Gläubiger, der sein Geld nicht kriegt, wenn er mahnt, es aber auch nicht kriegt, wenn er nicht mahnt, ist dafür ein Beispiel. Aber er bringt dann eine vertrackte Form der Undementierbarkeit ins Spiel, die die Debatte wirklich in einen Sumpf zu führen droht, aus dem selbst Münchhausen sich nicht mehr befreien könnte: den Vorwurf des latenten Antisemitismus. Das ist das Tor zu einer Beziehungsfalle: Stimmen seine Gegner ihm zu, geben sie sich als Antisemiten zu erkennen; widersprechen sie, bestätigen sie den Vorwurf der Latenz und können sich mit ihm nicht mehr einigen.

Aus der Familientherapie weiß man: Die Stabilität von Familien wird häufig nur dadurch erhalten, daß sich alle Mitglieder auf einen Familienmythos einigen. Dieser Mythos besteht sehr oft aus der Übereinkunft, daß eines der Mitglieder krank ist. Beschließt dieses Mitglied nun plötzlich, gesund zu sein, bricht in der Familie die Krise aus. Vielleicht hat Walser ja solch einen Prozeß in Gang gesetzt.

Ein Konflikt ist eine symmetrische Form der Kommunikation. Jeder behauptet, der Gegner habe angefangen und er selbst würde nur reagieren. Deshalb macht jeder den anderen nicht nur für seine Verbohrtheit, sondern auch für den Konflikt selbst verantwortlich. Das verhext die Beobachtung. Obwohl sich die Gegner selbst für unähnlich halten, werden sie für den Außenstehenden durch den Konflikt immer ähnlicher. »Überraschenderweise sind sich Walser und Bubis ... nicht unähnlich«, stellt Marcel Reich-Ranicki in der »FAZ« fest. Das sieht aber nur der, der nicht mehr auf die Positionen der Gegner, sondern allein auf die Struktur des Konflikts achtet.

Wenn er das tut, droht ihm das Schicksal, daß sich beide Parteien gegen ihn wenden, weil er ihren Konflikt bagatellisiert. Und dann hat er sie versöhnt - auf seine Kosten. Aber was macht das schon? Es bleibt ja in der Familie.

Dietrich Schwanitz
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