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Autoren »Ein flotter Kerl«

aus DER SPIEGEL 35/1996

Sie redeten zeitlebens nur Schwyzerdütsch miteinander. Am Ende hatten sich die Dioskuren der helvetischen Literatur auseinandergelebt. »Der Frisch ist ein ungeheuer empfindlicher Mensch«, so Friedrich Dürrenmatt 1990, »sehr auf sich bezogen, auf seine Probleme.« Max Frisch geistert zunächst als Freund, später als unausweichliche Bezugsperson durch Dürrenmatts Interviews aus 30 Jahren, die, von Heinz Ludwig Arnold gesammelt, im September erscheinen werden ("Gespräche 1961-1990«; 4 Bände; Diogenes; 198 Mark). Das Gefühl, dem anderen »nachspurten« zu müssen, sei nicht nur im Sport belebend, sagt Dürrenmatt 1961. Er bewundert an Frisch die »Kühnheit, mit der er vom ganz Subjektiven ausgeht«, bei ihm selbst sei das alles »gefiltert«. Bald mischen sich mokante Untertöne bei: »Ich genieße ja den Vorteil, nicht so in Mode zu sein wie Frisch.« Das Verhältnis sei gut, beteuert er 1978, »weil wir uns nichts zu sagen haben«. Mit wachsender Gereiztheit reagiert Dürrenmatt auf die stets wiederkehrende Frage nach dem anderen: »Er ist ein flotter Kerl, aber was er schreibt, ist manchmal ganz furchtbar.« Und dessen Verhalten Frauen gegenüber: »einfach grotesk«. Noch deutlicher in einem der letzten Interviews: »Private Schwierigkeiten soll man mit sich ausmachen. Der Frisch hatte immer viele Frauengeschichten, und jedesmal hat er geschworen, das sei seine letzte.« Die lebhaften Originaltöne aus dem Munde des Dramatikers ("Die Physiker") lesen sich auch da spannend, wo er irrt. Zum Thema Nobelpreis prophezeite er: »Den bekommt der Frisch.« Beide Schriftsteller haben ihn nie erhalten. Sie starben binnen vier Monaten: Dürrenmatt im Dezember 1990, kurz vor dem 70., Frisch im April 1991, kurz vor dem 80. Geburtstag. Nun fehlt noch eine Sammlung der Gespräche von Frisch - vor allem zum Thema Dürrenmatt.

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