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Kirche »Ein frontaler, ein totaler Angriff«

Der Münchner Jesuiten-Professor Karl Rahner, Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils und maßgeblicher Dogmatiker der katholischen Kirche, hat im drillen Fernsehprogramm des WDR am Donnerstag der vergangenen Woche einige kritische Thesen zu dem Buch von Rudolf Augstein »Jesus Menschensohn"* formuliert. Rudolf Augstein bekam in der gleichen Sendung Gelegenheit, spontan auf Rahners Thesen zu antworten.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Karl Rahner: Es ist ein frontaler und totaler Angriff auf den, den alle christlichen Kirchen als Begründer ihres Glaubens bekennen, auf Jesus Christus, Und somit will ich hier nur zu dem eigentlichen Kern des Buches etwas zu sagen versuchen, an dem die mir bisher bekannten Besprechungen des Buches vorbeizusehen scheinen. Für Augstein ist der geschichtliche Jesus mit dem Christus des Glaubens schlechterdings unvereinbar, Jesus selbst ist für Augstein ein eschatologischer Querkopf, ein Spinner gewesen, der am Rand der jüdischen Theologie lebte, völlig ohne Originalität. Er hat auch von sich aus nie und in keiner Weise auf jene Eigentümlichkeiten Anspruch gemacht, die ihm der christliche Glaube an den Messias. an den Gottessohn und so weiter zuschreibt. Der Christus des Glaubens ist reine Kultlegende, nach Augstein eine Erfindung der Urgemeinde und des späteren Christentums von grandiosem Irrtum. Der Ursprung der Kirche und ihrer Lehre ist nicht Jesus, sondern die Kirche selbst. Was ist zu diesem Thema zu sagen. Ich möchte drei Dinge sagen, wobei ich bei der Kürze der Zeit natürlich ohne nähere Begründung nur These gegen These stellen kann.

Erstens: Diese These ist nicht neu. Nicht einmal Augstein behauptet dies. Mit dieser These einer absoluten und in

* Rudolf Augstein »Jesus Menschensohn«. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 512 Seiten; 28 Mark.

keiner Weise überbrückbaren Unterschiedenheit zwischen dem Christus des Glaubens und dem historischen Jesus setzt sich die christliche Theologie schon seit langem auseinander. Schon darum, weil sie in ihrer Mitte selbst entstanden ist. Der theologisch weniger versierte Leser des Buches von Augstein darf also nicht meinen, das Buch sei für die Theologie eine Überraschung. Der Theologe liest da nur eine Meinung, die er schon lang kennt, mit der er sich schon oft auseinandergesetzt hat, die er aus besseren und genaueren Untersuchungen heraus schon oft genug geprüft und -- für falsch befunden hat.

Zweitens: Es ist nicht richtig, daß zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens ein unausfüllbarer Abgrund klafft, kein Weg vom einen zum anderen führt. Natürlich sind die christologischen Aussagen des Neuen Testamentes über Person und Heilsbedeutung Jesu in anderen Sprachen formuliert, unter anderen Horizonten und in anderen Kategorien ausgedrückt, als der historische Jesus sie zur Aussage seiner Sendung und seines Selbstverständnisses verwendet hat. Es ist für jeden Theologen von heute auch selbstverständlich, daß diese beiden Weisen der Interpretation Jesu in den neutestamentlichen Schriften, auch den ältesten, schon ineinandergeschoben sind. Aber Augstein hat die alte These, daß von dem historisch auch heute noch greifbaren Selbstverständnis Jesu auch unter der Voraussetzung, daß sie von uns aufgrund der Ostererfahrung gläubig angenommen wird, kein Weg zum Christus des Glaubens führe, genausowenig wirklich bewiesen wie die früheren Leugner eines solchen Zusammenhangs.

Drittens: Augstein bleibt uns auch eine einigermaßen einleuchtende Antwort auf die Frage schuldig, wie die Urgemeinde in der kürzesten Zeit, also zum Beispiel schon in den ältesten Briefen. zu einer Interpretation der Sendung und der Person Jesu habe kommen können, die nach Augstein mit Jesus selber schlechterdings nichts zu tun hat. Kultlegende ist doch nur ein Zauberwort. mit dem nichts erklärt ist. wenn in Wirklichkeit zum Beispiel im ersten Thessalonicherbrief. also vielleicht zwanzig Jahre nach Jesu Tod. diese Kultlegende schon da ist Die einzige Erklärung, wie diese sogenannte Kultlegende so schnell habe entstehen können, ist und bleibt doch schlicht die, daß diese Interpretation der ersten Christenheit im Selbstverständnis Jesu ihre erste und entscheidende Wurzel hat, zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens der Zusammenhang besteht, den Augstein leugnet, um Christentum und Kirche überhaupt aus der Welt zu schaffen.

Rudolf Augstein:

Mein Buch ist vielleicht wirklich für viele Theologen keine Überraschung. Aber für viele Nicht-Theologen könnte es trotzdem eine Überraschung sein.

Was Pater Rahner »gereiftes theologisches Verständnis« nennt, im Gegensatz zu meinem, wie er sagt, »primitivem« Verständnis, ist Ausdruck einer dogmatischen Festlegung. oder sagen wir, einer idée fixe. Die neuere protestantische Forschung, die behauptet. Jesus habe sich gar nicht für den Messias oder für den Gottessohn gehalten oder ausgegeben, wird von Pater Rahner nicht zur Kenntnis genommen.

Ich rätsele in meinem Buch, wer oder was Jesus gewesen sein könnte, und es gehört schon eine merkwürdige Brille dazu, aus dem Buch herauszulesen, was Pater Rahner dort gefunden haben will.

Pater Rahner gilt weithin als der anerkannteste Kopf der katholischen Kirche. Würde er mich loben, hätte mein Buch »Jesus Menschensohn« womöglich seinen Sinn verfehlt.

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