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PHILOSOPHEN Ein Gebirge erscheint

Der Frankfurter Verlag Vittorio Klostermann will im nächsten Jahr mit der Gesamtausgabe der Werke Heideggers beginnen.
aus DER SPIEGEL 37/1974

Alles unveröffentlichte Manuskripte!« Martin Heidegger, nahezu 85 Jahre alt (er hat am 26. September Geburtstag), macht eine Rundum-Handbewegung und weist auf die vollen Borde: »Die sollen alle mal veröffentlicht werden.« Dabei erscheint ein bübisches Lächeln auf seinem Gesicht.

Das war am 16. Mai. Letzte Woche -- also rund ein Vierteljahr später -- kündigte der Frankfurter Verlag Vittorio Klostermann an, daß er schon im nächsten Jahr mit der Edition der Gesamtausgabe »letzter Hand« von Heideggers Werken beginnen werde. 1975 sollen die ersten drei Bände erscheinen, jeder Band etwa 400 Seiten umfassend. Insgesamt sind 70 Bände geplant -- mehr als die Gesamtausgaben Hegels (etwa 40) oder Nietzsches (etwa 30). Viele sollen Unveröffentlichtes enthalten.

Martin Heidegger selbst ist, was die quantitative Dimension seines Schrifttums angeht, zurückhaltender. Auf »höchstens 50« schätzt er die Zahl der zu erwartenden Bände -- allerdings auch dies noch ein mächtiges Bücher-Gebirge.

Sehr skeptisch ist Heidegger auch hinsichtlich, des Voranschreitens der Editionsarbeit. Er selber, meint er, könne dafür nur noch »allgemeine Richtlinien« entwerfen. Dabei ist Heidegger noch durchaus rüstig. Im vorigen Jahr ließ er sich auf seinem Grundstück am Freiburger Röte Buck ein modernes Reihenhaus errichten. Im Garten gibt es sogar ein Schwimmbecken. Freilich: »Martin geht da nicht mehr rein«, sagt Frau Heidegger. Dagegen fehlt im Haus ein Fernsehapparat. Doch wenn auf dem Bildschirm ein interessantes Fußballspiel dargeboten wird, eilt der greise Philosoph zum Nachbarn.

Heidegger arbeitet drei bis vier Stunden am Tag. Doch selbst wenn er ein paar Arbeitsstunden mehr aufbringen könnte -- an eine eigenhändige Edition seiner unveröffentlichten Manuskripte wäre auch dann nicht zu denken. »Das dauert noch hundert Jahre«, sagt er und fügt hinzu: »Leibniz« Schriften sind ja auch noch nicht alle herausgegeben.«

Die geplante Gesamtausgabe wird keine Briefe enthalten -- auch nicht jene, die er mit Jaspers wechselte. Dagegen dürfen die Heidegger-Anhänger in Frankreich, Spanien, Nord- und Südamerika, in Fernostasien und neuerdings auch in kommunistisch regierten Ländern Auskunft über den niemals erschienenen zweiten Band von Heideggers 1927 veröffentlichtem Werk »Sein und Zeit« erwarten.

Freilich, in der Bundesrepublik ist zur Zeit das Interesse an Heidegger, seinem Werk und seiner Person, vergleichsweise gering. Seinen 85. Geburtstag will er denn auch im engsten Familienkreis feiern. Ehrungen von Staat und Stadt erwartet er nicht.

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