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Ein Getto explodiert

aus DER SPIEGEL 29/1989

Es ist der heißeste Tag des Jahres in New York, in Brooklyn erwacht das Farbigengetto Bedford-Stuyvesant. Wie an jedem Morgen öffnet der Italoamerikaner Sal seine Pizzeria an der Ecke, die schon seit vielen Jahren die Kids der Nachbarschaft ernährt. Der Film »Do The Right Thing« des schwarzen New Yorker Regisseurs Spike Lee, 32, der in den USA heftige Kontroversen ausgelöst hat und jetzt in deutschen Kinos läuft, beginnt idyllisch wie eine neue Folge der »Sesamstraße«. Lee skizziert mit knappen, präzisen Strichen ein rundes Dutzend Typen aus dem Viertel, die er in den nächsten 24 Stunden beobachten wird. Er malt die lebenspralle Sprach-, Musik- und Lärmkulisse eines Gettos, er heftet sich an die Fersen Mookies, der phlegmatisch für Sal die Pizzas austrägt (und von Lee selbst gespielt wird). Die üblichen rassistischen Verbalscharmützel sind an diesem kochenden Tag die Lunte, die das Pulverfaß zum Explodieren bringt. Nachts liegt Sals Laden in Schutt und Asche und ein toter Schwarzer auf dem Schlachtfeld. Den Zuschauer befällt am Ende eine produktive Ratlosigkeit, die durch zwei Zitate im Abspann noch verstärkt wird: eins von Martin Luther King, der für strikte Gewaltlosigkeit plädiert, das andere von Malcolm X, der die Selbstverteidigung der Schwarzen für ein Zeichen von Intelligenz hält.

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