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KINO Ein hartnäckiger Kämpfer

Der Spielfilm »Milk« porträtiert den ersten bekennenden Homosexuellen, der in den USA in ein politisches Amt gewählt wurde. Von Klaus Wowereit
Von Klaus Wowereit
aus DER SPIEGEL 8/2009

Wowereit, 55, ist Sozialdemokrat und seit 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin.

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Bürgermeister der Castro Street« - so bezeichnete sich Harvey Milk manchmal mit einem Schuss Selbstironie. Castro ist der Stadtteil von San Francisco, wo Milk in den siebziger Jahren seine damals noch einzigartige politische Karriere begann.

Er war in den USA der erste bekennende Schwule, der in ein politisches Amt gewählt wurde. Mehrfach bemühte er sich vergeblich, aber am Ende war er Abgeordneter im Stadtrat von San Francisco. Und das war seinerzeit eine Sensation. Vor allem für amerikanische Verhältnisse, denn in den USA sind Puritanismus und Frömmelei bis heute virulent. Aber nach elf Monaten im Amt, am 27. November 1978, wurde Milk, wie auch der damalige Bürgermeister, im Rathaus erschossen.

Diese Geschichte ging um die Welt. Ich habe sie damals mitbekommen, aber mit der Zeit auch wieder vergessen. Doch jetzt wurde meine Erinnerung wieder wachgerufen - das verdanke ich dem Film »Milk« von Gus Van Sant. Ich finde: Van Sant hat Milk mit diesem für acht Oscars nominierten Film ein Denkmal gesetzt.

Ich bin kein Experte und kein Filmregisseur, ich führe sozusagen Regie nur in der Politik. Aber ich meine, dass dieser Film den Kinobesucher ausgesprochen gekonnt in die siebziger Jahre zurückversetzt. Manchmal hatte ich das Gefühl, er sei damals, vor 30 Jahren, gedreht worden, weil der Stil so absolut dokumentarisch ist.

Sean Penn macht seine Sache in der Rolle des Titelhelden großartig. Er überzeugt, er ist authentisch, auch wenn er als Heteromann einen Homosexuellen spielt. Ich jedenfalls würde ihm für seine Darstellung den Oscar geben!

Der Film erzählt auch, wie Harvey Milk als relativ unpolitischer Mensch anfing. Er hatte ein Fotogeschäft in San Francisco. Doch selbst in der vermeintlich fortschrittlichen Stadt der Flower-Power-Bewegung wurden Schwule offen diskriminiert - auch Milk. Ein kalifornischer Senator zum Beispiel wollte Homosexuelle aus dem Schuldienst entfernen. Solche Schikanen sind es gewesen, die Milk dazu brachten zu kämpfen. Er organisierte eine Bürgerrechtsbewegung, die für die Rechte Schwuler und anderer Minderheiten eintrat. Milk war eine Persönlichkeit, die Hoffnung und Zuversicht verbreitete. Er hatte verstanden, dass ernste politische Ziele mit guter Laune und weniger Verbissenheit besser durchzusetzen sind.

Milks Beispiel animierte andere dazu, sich ebenfalls zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen. Das ging mir selbst übrigens ähnlich, nachdem ich mein »Ich bin schwul, und das ist auch gut so« ausgesprochen hatte. Da meldeten sich bei mir junge Leute, auch Eltern von Schwulen, die sich nach meinem Satz endlich trauten, gegenüber Verwandten und Bekannten offensiver aufzutreten, und die nun nicht mehr das Gefühl hatten, sich für irgendetwas schämen zu müssen.

Milk war ein hartnäckiger Kämpfer. Als Politiker hat er trotz mehrerer, auch privater Rückschläge immer wieder neue Anläufe gewagt. Das ist ja ganz typisch für erfolgreiche Politikerkarrieren. Er hat sich die Zielgruppen in seinem Distrikt genau angeschaut und, wie jeder Politiker, analysiert, wo er punkten und Mehrheiten gewinnen kann.

Harvey Milk - ein Vorbild? Für mich war er es nicht. Aber er war ein Vorreiter. Milk hat bewiesen, dass auch ein bekennender Homosexueller alles erreichen kann. Bis auf die Präsidentschaft der USA vielleicht - dafür reicht meine Vorstellungskraft doch noch nicht aus! Andererseits: Wer hätte es noch vor ein paar Jahren für denkbar gehalten, dass die Amerikaner einen Schwarzen ins Weiße Haus wählen würden?

Aber wir dürfen uns nichts vormachen. Auch in den USA gibt es nach wie vor einflussreiche Gruppen, die Schwulenrechte kippen wollen. In Kalifornien ist im vorigen November per Volksabstimmung das Recht auf eingetragene Lebenspartnerschaft wieder aufgehoben worden.

In Deutschland sind wir da glücklicherweise weiter. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Deutschen einen homosexuellen Politiker in einer Führungsrolle akzeptiert. Aber auch hier sollte man sich keine Illusionen machen: Es gibt sicherlich noch immer viele, die einen schwulen Kandidaten nur wegen seiner Homosexualität nicht wählen würden.

Auch in Deutschland werden Homosexuelle nach wie vor diskriminiert - mal mehr, mal weniger subtil. Ich selbst bekomme häufig Schmähbriefe. Sobald der Tatbestand einer Beleidigung erfüllt ist, stelle ich Strafanzeige. Das bleibt allerdings meist erfolglos, weil die meisten dieser Schreiben anonym sind. Natürlich lasse ich mich von solchen Briefen nicht beeindrucken. Aber mir wird daran deutlich, was Menschen auszuhalten haben, die in einer weniger privilegierten Situation leben als ich.

Milk bekommt in einer Filmszene eine Postkarte mit einer anonymen Drohung. Es werde etwas passieren, falls er bei einer bestimmten Kundgebung sprechen sollte. Milk tritt trotzdem auf die Bühne und hält eine Rede, die das Publikum mitreißt. Ich wünsche auch Van Sants Film, dass er viele, viele Menschen begeistert.

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