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LITERATUR Ein heikler Fall

aus DER SPIEGEL 37/2001

Vater, Mutter, Tochter, eine glückliche Familie - es könnte schön sein, das Leben der Drogerieverkäuferin Doris und des Automechanikers Werner. Das denkt jedenfalls der Ehemann. Phantasie- und lieblos erledigt er den Sex, auf den er ein Anrecht zu haben glaubt, immer wieder schlägt er seine Frau, um ihr auszutreiben, was er für romantische Flausen hält. Doris flüchtet sich in Tagträume, hofft auf Ruhm als Laienschauspielerin und flirtet mit Werners bestem Freund Ricky. Sie ist liebesbedürftig und verführbar - und landet nach einem heftigen Streit tatsächlich in Rickys Bett. Hinterher beichtet sie den Seitensprung nicht nur, sondern sagt auch noch, der Sex habe ihr Spaß gemacht. Das ist zu viel für Werner: In ohnmächtiger Wut prügelt er seine Frau und vergewaltigt sie brutal.

Erniedrigt, traumatisiert und blau gehauen, überlegt Doris, ob sie ihren Mann anzeigen soll. Eine heikle Frage: Ist sie nicht mitschuldig, weil sie ihn provoziert hat? War Werner nicht immer ein guter Vater, hätte er nicht eine zweite Chance verdient? Die Anzeige wegen Vergewaltigung würde ihn vielleicht ins Gefängnis bringen - wie wäre das Tochter und Freunden zu erklären?

Mit der Drehbuchfassung dieses Stoffs hatte die Münchner Autorin Annemarie Schoenle die Grundlage für einen besonders erfolgreichen ZDF-Film mit Martina Gedeck und Jörg Schüttauf in den Hauptrollen gelegt. Mit noch mehr Tiefenschärfe und Einfühlungsvermögen als der gleichfalls beklemmende Film erzählt nun ihr Roman vom Unverständnis, dem Doris begegnet: Vom eigenen Ehemann vergewaltigt werden, wie schrecklich kann das schon sein? Viele in ihrer Umgebung sehen sie als die Schuldige. Schoenle macht deutlich, wie Doris in die Rolle der naiven Dulderin hineingeraten ist, warum sie sich immer wieder schlagen lässt, zeigt auch, warum ihr Mann so wurde, wie er ist. Es geht also nicht nur um Gewalt in der Ehe; auch vom Niedergang einer Liebe erzählt das Buch - und von der Geschichte einer quälend langsamen Emanzipation.

Annemarie Schoenle: »Ich habe nein gesagt«. Droemer Verlag,München; 288 Seiten; 38,92 Mark.

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