Zur Ausgabe
Artikel 97 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Literatur Ein Kontinent taucht auf

aus DER SPIEGEL 4/1995

Seinen Text hatte er dabei. Aus einer gelben Ledermappe griff der Autor schwungvoll einen dicken Stoß Blätter und legte ihn vor sich auf den Tisch. Doch dann ging es los.

Der Dichter »setzte sich in den angebotenen Sessel aufrecht und gerade, warf den Kopf zurück, nahm den Blick nach oben und begann zu sprechen« - hallend und frei, jede Rolle in eigenem Ton, dazwischen halblaut die Regiebemerkungen.

Ohne einen einzigen Blick aufs Papier, deklamierte Rudolf Borchardt an diesem Nachmittag im Jahre 1919 »über zweieinhalb Stunden lang ein schwieriges Versdrama in gereimten Jamben« - berichtete später einer, der die Performance im Hause des Berliner Starregisseurs Max Reinhardt miterlebt hatte. Als Borchardt fort war, soll Reinhardt lächelnd gesagt haben: »Das Stück existiert noch gar nicht.« _(* Rudolf Borchardt: »Briefe 1895-1906«, ) _("Briefe 1907-1913« und Rudolf Borchardt ) _(- Hugo von Hofmannsthal: »Briefwechsel«. ) _(Edition Tenschert im Hanser Verlag, ) _(München; 488, 608, 452 Seiten; je 92 ) _((bei Subskription der weiteren Bände 82) ) _(Mark. )

Es hätte sogar stimmen können. Selten genug gab es ja von dem aristokratischen Wortmagier, der da für ein paar Tage aus dem italienischen Refugium angereist war, überhaupt etwas zu lesen. Die Titel - »Das Buch Joram«, »Der Durant« oder gar »Bacchische Epiphanie« - klangen altväterisch. Jeder Vers, jede Prosa-Periode schien Borchardts Überzeugung zu wiederholen: »Ich lasse mich nicht zu dem Niveau meiner Leser herab, sondern setze das meine.«

Manche, denen hoher Stil und forsche Gelehrsamkeit nichts ausmachten, horchten auf beim Lesen: Solchen Orgelklang, vom Lutherdeutsch über Kleistsche Nebensatzkatarakte bis zum Getuschel neureicher Städterinnen, brachte sonst niemand zustande. Dennoch - für den literarischen Betrieb blieb Borchardt, der 1945 starb, ein Mythos.

Dreißig Jahre brauchte in der Nachkriegszeit eine 14bändige Werkausgabe, als kleine, unprofitable Auflage für Hinterbliebene und Fachleute hergestellt, bis zum notdürftigen Abschluß. Heute ist Borchardt, der vulkanische Redner und Übersetzer, Lyriker und Erzähler, Zeitkommentator und Kulturhistoriker, selbst studierten Germanisten oft kaum noch namentlich bekannt.

Das dürfte sich im Laufe dieses Jahres gründlich ändern: Rasch nacheinander sollen, betreut vom Münchner Hanser Verlag, nahezu alle erhaltenen Briefe des legendären Sprachvirtuosen erscheinen. Die ersten drei Bände - zwei aus der Frühzeit und der erheblich erweiterte Briefwechsel Borchardts mit dem Dichterfreund Hugo von Hofmannsthal - kommen Anfang Februar heraus*. Weitere drei werden zur Buchmesse im Herbst folgen. Und das ist erst der Anfang.

Möglich wurde das gewaltige Projekt, das auf Borchardts bislang nur schattenhaft bekanntes Leben, aber auch auf die deutsche intellektuelle Geschichte der ersten Jahrhunderthälfte neues Licht werfen wird, wieder einmal ohne Zutun eines Professors. Es ist allein der editorisch-mäzenatische Coup zweier Männer: des Buchgeschichts-Fachmanns und Borchardt-Spezialisten Gerhard Schuster, 38, und des Handschriftenhändlers Heribert Tenschert, 46.

Ende der siebziger Jahre war Schuster bei Recherchen über Hofmannsthals Briefe auf Borchardts Nachlaß gestoßen. Sofort war er von der Bedeutung der vielen unbekannten Dokumente überzeugt. »Schon 1985 hatte ich zwei Auswahlbände mit Briefen fertig«, erzählt er. »Aber niemand wollte sie drucken.« Ein grotesker Fall, wie er meint: Von Gottfried Benn etwa werde in einer neuen Edition, an der er selbst mitwirkt, »gerade die dritte Stelle nach dem Komma ausgerechnet«. Borchardts Schriften hingegen seien bislang bestenfalls »als Flaschenpost« verfügbar, seine Briefe, Kernstück des OEuvres, überhaupt nicht - »ein ganzer versunkener Kontinent«.

Auch Schuster, heute als Hauptkustos für das Goethehaus und die übrigen Denkmäler der »Stiftung Weimarer Klassik« zuständig, wurde mutlos, als er merkte, wie gigantisch dieser Erdteil ist. Um die 4000 Borchardt-Briefe spürte er im Lauf der Jahre bei Empfängern und Erben auf. Mehr zufällig lernte er 1990 den Borchardt-Verehrer und -Sammler Tenschert kennen. Und dieser Enthusiast mit Kapital - unter anderem wirkte Tenschert am Rückerwerb des Quedlinburger Stiftsschatzes mit (SPIEGEL 4/1991) - erklärte sich vor zwei Jahren bereit, für den Druck gleich aller Briefe aufzukommen, und sei es nur, um es dem selbstgefälligen akademischen Betrieb »einfach noch mal zu zeigen«.

Gesagt, getan: Der Kontinent taucht auf. Wofür sonst Arbeitsstellen jahrelang Fördermittel kassieren, das haben Schuster und sein im Computersatz erfahrener Mitarbeiter Hans Zimmermann inzwischen »für Gotteslohn« (Tenschert) gemacht. Zehn Bände Text sind druckreif fertig, Kommentare werden folgen. Fast überdeutlich wird Borchardt, bislang der große Mysteriöse, in Zukunft als Mensch erkennbar sein - und zugleich als Leitfossil einer Epoche. Denn in seiner Identität, das zeigen bereits die ersten Briefbände, finden sich nahezu alle deutschen Probleme der Jahrhundertwende wieder.

Familie und Herkunft bereiteten dem ungebärdigen Jungen zeitlebens Kopfzerbrechen: »Ihr seid alle trübe und gedrückt und habt das entsetzlichste erbteil des ghettos, unfreiheit, Euch nur allzu frei bewahrt«, schrieb der Sohn einer reichen, national gesinnten Teehändlerfamilie, die vom Judentum zum Protestantismus übergewechselt war, mit 20 Jahren an eine seiner Schwestern.

Geistigen Halt suchte er beim damals deutschesten aller Studienfächer, den alten Sprachen. Zugleich verschlang er die Gedichte englischer Spätromantiker und wurde zum Westentaschen-Decadent, der nicht »kurz gesagt«, sondern »enfin« schrieb und Freunde preziös in seiner »künstlichen Welt« ästhetischer Feinsinnigkeiten herumführte.

Überall, in Berlin, Bonn und schließlich Göttingen ("ein sehr hübsches grosses dorf"), frappierte der mit einem luxuriösen Monatswechsel ausgestattete Student seine Lehrer. Sprachen lernte er, wie andere Zeitung lesen, bei seinen Seminarvorträgen blieb den Kommilitonen die Spucke weg. »Ich bin eine mythische figur, denk'' mal!«, meldete Borchardt schelmisch seiner Schwester.

Zu diesem Ruf trugen allerdings auch Eskapaden bei, die vom Bordellabend bis zu wilden Herzensbrecher-Affären mit Professorentöchtern reichten - mißglückte Versuche, sich in akademischen Kreisen »bürgerlich zu heilen«, so Gerhard Schuster. Hernach verschwand der Dandy, der seinen Sturm und Drang nicht zu lassen wußte und im biederen Uni-Betrieb ein Paradiesvogel blieb, für Wochen auf Reisen, des öfteren in Begleitung fragwürdiger Damen.

Ein langes Sündenregister, von Wortbrüchen über ein Duell bis zu schier unglaublichen Flunkereien rechnete sein Göttinger Ziehvater, der Latinist Friedrich Leo, ihm schließlich in einem Brief vor, der zu den Höhepunkten des ersten Bandes zählt. »In Augenblicken der Ermüdung das Gesicht eines 40jährigen Mannes« beobachtete Leo an seinem einst so hoffnungsvollen Schüler, »ergraute Schläfen, grauenhafte Nervosität in jedem Worte und jeder Bewegung, Gewaltsamkeit in jedem Urteile«.

Den jungen Lebemann scherte das wenig: Ihm dämmerte, wofür er leben wollte. »Gedichte sind auch wieder da, nicht gemachte, sondern die sich selbst machen«, verriet er 1900 einer Schwester. Dafür die vielen inszenierten Liebesromane, zum Beispiel mit der Kurbekanntschaft Margarete Ruer, die er sogleich zur Minnedame »Vivian« umtaufte und hemmungslos anschmachtete: »Schreiben sie mir drei Worte am Sonnabend, oder ich sterbe aus Versehen.« Briefunterschrift: »Tristan«.

Zwischen Zeitschriftenplänen, die sich stets zerschlugen, und Ärger über die »allgemeine Decadenz des Geistigen in Deutschland« schwor er: »Lieber tot als mittelmässig, lieber nichts als halb, lieber sterben als verderben.« So ziemlich alle Dichterkollegen waren für ihn Stümper und Widerlinge - ausgenommen sein Idol Hugo von Hofmannsthal und vielleicht »der eine mächtige Mensch, der sich dadurch ewig gleich bleibt, dass er ewig wächst": der gestrenge Dichter-Priester Stefan George.

Zum Gefolgsmann dieses Zuchtmeisters hätte Borchardt, Schauspieler seiner selbst, freilich nicht getaugt. Sogar dem umgänglichen Österreicher Hofmannsthal, der lebenslang Borchardts Freund und Gesprächspartner bleiben sollte, erschien ja der junge Besucher, der lauthals englisch daherredete und im Brief fehlerlose altgriechische Verse improvisierte, als affektierter, wiewohl stupend begabter Querkopf.

Aber Borchardts Ungestüm war Methode. Auf Irrfahrten, oft nach Italien, entstanden Gedichte, immer mehr, immer bessere. In einem Dorf bei Basel begann er, vom Schweizerischen angeregt, Dantes Werke neu zu übersetzen. Und als er 1906 zur Verblüffung aller die Malerin Lina Ehrmann heiratete ("Sei mein, Du, ich hab nichts als Dich") und mit ihr eine alte Villa bei Lucca mietete, probierte er begeistert gleich zwei neue Rollen aus: Gutsherr und Gärtner.

Zigaretten, Briefpapier und Tee kamen aus der Stadt; alles übrige lieferte das toskanische Landgut, dessen ideale Geschichte er bald im Prosa-Glanzstück »Villa« entwarf. Fast sein ganzes weiteres Leben sollte Borchardt so verbringen, im Land Dantes und Ariosts, der »alten Italiener«, die, so sein Lesetip, »die wahren Deutschen« seien. »Ich habe nie ein Tagebuch geführt«, schrieb er selbstbewußt, »denn ich lebe unbefangen, und schreibe weder vor meinem Spiegel noch für meinen Spiegel.«

Ruhe jedoch fand er keine. Die »drei oder vier« Kinder, die er sich wünschte, blieben aus - Jahre später schrieb er bitter von »der toten Scheinehe in der ich lebe«. So tief er seine »irrsinnige Jugend« bereute, er mußte weiter an platonischen Frauenbekanntschaften seine »lyrischen Schübe« (Schuster) abarbeiten: Aus einer jungen »Holdseligen« etwa, deren Name Christa Winsloe erst jetzt bekannt wird, machte seine Phantasie die sagenhafte Wasserfrau Melusine, die er allzu hellsichtig klagen ließ: »Was willst Du, Mann! Du willst von mir, was ich nicht geben kann!«

Erfüllung brachte auch die Arbeit wenig. Er werde sich in Deutschland schon »Gehör zu erzwingen« wissen, gar mit seinen frappierenden Reden und Aufsätzen »die geistige Führerschaft der Nation« erneuern, verkündete er zuweilen. Mal um Mal mußte er, der »immer vom Punkte aus das All« entwickeln wollte, dann erkennen, daß niemand seine erzkonservativen politischen Ideen, seinen elitären Traum von einer Wiedergeburt Alteuropas oder gar seine harsche Kaisertreue begriff.

Bitter klagte der freiwillige Exilant, der trotz der »vielen Jäheiten meiner Natur« ein »neues Maß«, eine »schöpferische Restauration« des poetischen Geistes stiften wollte: _____« Wenn der Deutsche sich etwas schönes an die Wand » _____« hängen will, so kauft er sich bestimmt zu erst einen » _____« Rahmen und dann eine chemische Formel zwecks » _____« automatischer Selbsterzeugung von Bildern innerhalb » _____« leerer Rahmen. Es ist ein rechter Jammer . . . »

Nicht einmal solch ernste Scherze halfen ihm über seine eigensten Gegensätze hinweg. Weltflucht trotz Geltungsdrang, wilder Stolz, obwohl er kein Heiliger sein mochte, preußisch-nationales Denken trotz Kritik an den Hohenzollern, und das bei jüdischer Abstammung und europäischer Gelehrsamkeit; dazu das ewige Dilemma von lyrischem Gipfelsturm und strengem Forscherehrgeiz: In der europäischen Poesie, von Pindar bis Hölderlin und weiter, entdeckte der Philologe aus Passion mehr als manche Fachleute und legte sich prompt mit ihnen an.

Aber es war auch, als wolle Borchardt sich kein Verhängnis ersparen. Im Ersten Weltkrieg mußte er als Offizier angeekelt »Abschied vom Staate« des Kaisers nehmen, in der Weimarer Republik grollte er über die »entartende Literatur die sich durch Anleihen bei der schematisierenden Wissenschaft (Soziologie, Psychologie, Psychoanalyse) entleibt und entseelt hat«. Von »Rilke und anderen Windbeuteln« oder »deutschem Krimskrams a la Thomas Mann« hielt er sich ohnehin fern.

So fatal fern, daß er, der die Welt als »Kosmos der Formen der Natur« und »Kosmos der Ideen in Humanität« sehen und deuten wollte, daß ausgerechnet er die literarischen Helden des Jahrzehnts einen »jüdischen Intellektuellenhaufen« nannte. Er ahnte nicht, auf welch üblem Weg solche Reden ihn einholen würden. Die Nazis, für ihn nur Pack, verboten seine Schriften, ja sie ließen Borchardt noch 1944 aus Italien in Richtung Deutschland abtransportieren. Nur dank dem rettenden Ungehorsam eines Begleitsoldaten kam Borchardt im Tiroler Bergdorf Trins unter, wo er kurz vor Kriegsende starb, entwurzelt und vereinsamter denn je.

»Der Dichter unterscheidet sich von den Andern fast nur dadurch, dass ihm nichts vergeblich geschieht«, hatte Borchardt schon 1909 geschrieben. In den späteren Briefbänden, da ist Gerhard Schuster sicher, wartet auf deutsche Seelenarchäologen noch genug: »Es wird immer unheimlicher.« Ganz zu schweigen von den persönlichen Hintergründen, die Borchardts grandioses, von seiner zweiten Frau Marie Luise inspiriertes Spätwerk möglich machten: die Erzählungen, den Essayband »Der leidenschaftliche Gärtner« oder das Übersetzungs-Abenteuer namens »Dante deutsch« - den Versuch, Dante so sprechen zu lassen, als hätte er im deutschen Mittelalter gelebt.

Paßt solch eine hochprekäre Gestalt ins gegenwärtige intellektuelle Klima? Könnte dieser Hexenmeister der Sprache, wertbewußt bis zur Verstiegenheit, den jungen Konservativen und Neu-Nationalen gelegen kommen? Vielleicht schon - aber nicht als Schlagwortlieferant, sondern als tragischer Fall, vor dem die einfachen Schemata versagen. Immerhin hat ausgerechnet Theodor W. Adorno, Schulhaupt der Kritischen Theorie, Borchardts lyrische Kunst als »beispiellos« gepriesen.

Denn so fern seine Überzeugungen heute gerückt sind, es bleiben die Werke - zu denen Gerhard Schuster mit Recht manch essaystarken Brief zählt. Schon Hofmannsthal wußte ja: »Rudolf ist kein Mensch, der etwas von sich geben kann - er kann sich nur ganz und gar geben.« Logisch also, daß Heribert Tenschert mit dem Optimismus eines echten Mäzens schon weiterdenkt: »Wenn die Briefe fertig sind, dann machen wir als nächstes die Werkausgabe neu - das ist auch dringend nötig.« Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Fast vergessen *

ist Rudolf Borchardt: Der visionäre Poet (1877 bis 1945) paßte in keine Zeitströmung. Doch seit sich »Bocksgesang«-Prophet Botho Strauß mehrmals auf ihn berufen hat, ist auch Borchardts Name zum Merkzeichen eines neuen Nationalismus geworden - eben erst hat Strauß-Opponent Hans Magnus Enzensberger ihn als »überständig« und »abgeblaßt« bezeichnet. Nun erscheint eine monumentale Ausgabe von Borchardts Briefen. Sie zeigt neben allem Persönlichen das geistige Panorama einer literarischen Epoche - und könnte Sympathisanten wie Kritiker der »neuen Rechten« zwingen, vorschnell geprägte Etiketten zu überprüfen.

* Rudolf Borchardt: »Briefe 1895-1906«, »Briefe 1907-1913« undRudolf Borchardt - Hugo von Hofmannsthal: »Briefwechsel«. EditionTenschert im Hanser Verlag, München; 488, 608, 452 Seiten; je 92(bei Subskription der weiteren Bände 82) Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 97 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.